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Full text of "Das Recht auf den vollen Arbeitsertrag in geschichtlicher Darstellung"

I -^M-^-'^ 



DAS RECHT 



AUF DEN 



VOLLEN ARBEITSERTRAG 



IN 



GESCHICHTLICHER DARSTELLUNG 



VON 



D^ ANTON JIENGER, 

PROFESSOR DER RECHTE AN DEK WIENEi; UNIVERSITÄT. 



ZWEITE VERBESSERTE AUFLAGE. 




STUTTGART 1891. 
VERLAG DER J. G. COTTA'SCHEN BUCHHANDLUNG 

NACHFOLGER. 



Alle Rechte, 

iiisoiideiiieit in Beziehung auf Uebersetziingeu, sind von der 

Verlagshandlung vorbehalten . 



^^'-^ 



Ormlc der Union Deutsche Verlagsgesellschatt in Stuttgart 



Vorrede zur ersten Auflage. 



Die vorliegende Schrift verfolgt den Zweck, die Grund- 
ideen des Socialismus vom juristischen Standpunkt aus zu be- 
arbeiten. Sie ist ein Fragment aus einem grösseren Werk, in 
welchem ich den Socialismus als ein Rechtssystem darzustellen 
versuche. Erst wenn die socialistischen Ideen aus den end- 
losen volkswirtschaftlichen und philanthropischen Erörterungen, 
welche den Hauptinhalt der socialistischen Litteratur bilden, 
losgeschält und in nüchterne Rechtsbegriffe verwandelt sind, 
werden die praktischen Staatsmänner zu erkennen im Stande 
sein, wie weit die geltende Rechtsordnung im Interesse der 
leidenden Volksklassen umzubilden ist. In dieser juristischen 
Bearbeitung des Socialismus erblicke ich die wichtigste Auf- 
gabe der Rechtsphilosophie unserer Zeit; ihre richtige Lösung 
wird wesentlich dazu beitragen, dass sich die unerlässlichen 
Abänderungen unserer Rechtsordnung im Wege einer fried- 
lichen Reform vollziehen. 

Grosse Schwierigkeiten verursachte es mir, die allmähliche 
Entwicklung des Rechts auf den vollen Arbeitsertrag in der 
socialistischen Litteratur von der französischen Revolution l)is 
auf die Gegenwart zu verfolgen. Man kann ohne Uebertreibung 
sagen, dass die geschichtliche Bearbeitung des Socialismus 
sich in einem Zustand befindet, welcher der deutschen Wissen- 



- IV - 

Schaft nichts weniger als zur Ehre gereicht. Die älteren 
geschichtlichen Darstellungen von Stein und Mario beruhen 
noch auf einem freilich oberflächlichen und lückenhaften Quellen- 
studium. Die neueren Geschichtschreiber des Socialismus 
haben sich dagegen damit begnügt, Reybaud, Stein und 
Mario zu excerpiereu oder einfach auszuschreiben, ohne auf 
die Quellen des englischen und französischen Socialismus 
zurückzugehen, obgleich in diesem der Ausgangspunkt für die 
sociale Bewegung der Gegenwart zu suchen ist. Natürlich hat 
dieses allen Regeln der Geschichtschreibung widersprechende 
Verfahren zur Folge gehabt, dass unsere geschichtlichen Dar- 
stellungen des Socialismus einen fortwährend wachsenden 
Ballast von Irrtümern und Missverständnissen mitschleppen 
und dass manche derselben, obgleich sie den Namen von sehr 
angesehenen Gelehrten tragen, geradezu den Eindruck einer 
Travestie auf den behandelten Gegenstand machen. — Die 
vorliegende Entwicklungsgeschichte einer der fundamentalsten 
socialistischen Ideen ist überall, wo das Gegenteil nicht aus- 
drücklich bemerkt ist, unmittelbar aus den Quellen geschöpft. 
Die fast absolute Unkenntnis des englischen und des 
französischen Socialismus. namentlich der älteren Zeit, hat 
nicht wenig zu der übermässigen Wertschätzung beigetragen, 
welche die Schriften von Marx und Rodbertus gegemvärtig- 
in Deutschland gemessen. Wenn Jemand dreissig Jahre nach 
dem Erscheinen von Adam Smith's Werk über den National- 
reichtum die Lehre von der Arbeitsteilung wieder „entdeckt" 
hätte, oder wenn heute ein Schriftsteller die Entwicklungs- 
theorie Darwin's als sein geistiges Eigentum vortragen wollte, 
so würde man ihn für einen Ignoranten oder für einen 
Charlatan halten. Nur auf dem Gebiete der Socialwissenschaft, 
welche eben einer geschichtlichen Tradition noch fast völlig 
entbehrt, sind erfolgreiche Versuche dieser Art denkbar. Ich 
werde in dieser Schrift den Nachweis führen, dass Marx und 
Rodbertus ihre wichtigsten socialistischen Theorien älteren 



_ V — 

englischen und französischen Theoretikern entlehnt haben, 
ohne die Quellen ihrer Ansichten zu nennen. Ja, ich nehme 
keinen Anstand zu erklären, dass Marx und Rodbertus, die 
man so gern als die Schöpfer des wissenschaftlichen Socialis- 
mus hinstellen möchte, von ihren Vorbildern an Tiefe und 
Grründlichkeit bei Weitem übertroffen werden. 

Wie mangelhaft der historische und der dogmatische 
Teil dieser Arbeit ist, weiss Niemand besser als ich selbst. 
Die juristische Bearbeitung des Socialismus, dessen Schauplatz 
die ganze Welt und dessen Organe unzählige Schriftsteller, 
Parteien und Sekten sind, ist eben eine Aufgabe, welche die 
Kraft eines Einzelnen weit übersteigt, und ich will mich 
gerne bescheiden, zu dem grossen Werk bloss Anfänge und 
Anregungen gegeben zu haben. Denn die wirkliche Lösung 
des Problems kann nur durch das Zusammenwirken zahlreicher 
Gelehrten aller Kulturnationen erreicht werden. 

Wien, im September 1886. 

Anton Menger. 



Vorrede zur zweiten Auflage. 



Seit dem Erscheinen der ersten Ausgabe dieser Schrift 
ist mir von allen Seiten ein grosses Material zur Geschichte 
der socialistischen Grundideen zugeströmt. Da sich jedoch 
dieses Buch vorzüglich durch seine Kürze und Knappheit einen 
weiten Leserkreis erworben hat, so konnte ich den mir dar- 
gebotenen Stoff nur mit strengster Auswahl verwerten. Es 



- VI - 

war auch in der zweiten Auflage mein Bestreben, den socia- 
listisclien Gedankenschatz überall auf seine ersten Entdecker 
und Vertreter zurückzuführen. Ich weiss sehr wohl, dass 
diese, wie ich glaube, echt wissenschaftliche Thätigkeit die 
Gefühle sehr einflussreicher Kreise verletzt hat. Aber den 
Männern, welche während ihres Lebens, als die socialistischen 
Ideen noch so wenig Widerhall fanden, neben anderen Be- 
drängnissen auch das Leid der Nichtbeachtung und der Ver- 
gessenheit tragen mussten, soll wenigstens die späte Gerechtig- 
keit zu Teil werden, dass sie als Urheber weltbewegender 
Gedanken in der Erinnerung der Menschheit fortleben. 

AVien, im Mai 1891. 

Der Verfasser. 



Inhalt. 



Vorrede, S. III. 

g. 1. Einleitung. Das Recht a) auf den vollen Arbeitsertrag; 
b) auf Existenz; c) auf Arbeit (droit au travail). 

Zweck des Socialismus: Umgestaltung unseres Vermögensrechts, S. 1: 

— Arbeit und Arbeitsertrag, Bedürfnis und Befriedigung, S. 1, 2: 

— Unser Privatrecht gewährleistet weder den vollen Arbeitsertrag, 
noch die möglichst vollständige Befriedigung aller Bedürfnisse, 
S. 2 — 4; — Abweichender StandiDunkt des Socialismus, S. 4 — 6; — 
Oekonomische Grundrechte, 8. 6; — a) Das Recht auf den vollen 
Arbeitsertrag, S. 6, 7; — b) Das Recht auf Existenz, S. 8—11; — 
c) Das Recht auf Arbeit, S. 11 — 26; — Aeltere Bestimmungen über 
die Armenpflege, S. 12 — 14: — Begriff des Rechts auf Ai-beit, 
S. 15, 16; — Fourier, S. 16, 17; Considerant, S. 18, 19; — An- 
erkennung des Rechts auf Arbeit durch die provisorische Regierung 
Frankreichs im Jahre 1848. S. 19, 20; — Die Nationalwerkstätten, 
S. 20, 21; — Kontroversen über den Inhalt des Rechts auf Arbeit. 
S. 21 — 23; — Ablehnung des Rechts auf Arbeit in der französischen 
Nationalversammlung, S. 23—25; — Ablehnung des Rechts auf 
Arbeit in der Franl^furter Nationalversammlung, S. 25, 26; — Fest- 
stellung der Aufgabe dieser Schrift, S. 26—28. 

§. 2. Die deutsche Rechtsphilosophie. 

Die angebornen Menschenrechte. S. 29; — Stellung der deutschen 
Rechtsphilosophie zu den ökonomischen Grundrechten, S. 29 — 32: 

— Abweichender Standpunkt von Hugo, S. 32, 33; — Fichte. 
S. 33—35; — Mario. S. 35—38. 



VIII 



§. 3. William Godwin. 

Die drei Formen der Güterverteilung, .S. 41—44: — Das politische 
Ideal Godwin's, S. 44—46. 

§. 4. Charles Hall. 

Aufstellung des Rechts auf den vollen Arbeitsertrag, S. 47, 48; — Vor- 
schläge Hairs zu seiner Verwirklichung, S. 48-50- 

§. 5. William Thompson. 

Biographische Notizen, S. 51 — 53: — Mehrwei-tstheorie Thompson's, 
S. 53—56; — Praktische Vorschläge Thompson's, S. 56—59; — 
Spätere englische Socialisten, S. 59, 60. 

§.6. Der Saint-Simonismus. 

Meslier, Morelly, Mably, Rousseau, S. 61, 62; — Die Verschwörung Babeufs, 
S. 62, 68; — Saint-Simon, S. 64, 65; — Pourier und seine Schule, 
S. 65, 66: — Der Saint-Simonismus: Enfantin's Ansichten über das 
arbeitslose Einkommen, S. 66, 61; — Exposition de la Doctrine 
Saint-Simonienne, S. 68; — Artikel im „Globe% S. 69. 70; — Prak- 
tische Vorschläge der Saint-Simonisten, S. 70—72. 

§. 7. Proudhon. 

Proudhons Ansichten über das Eigentum, das Recht auf den vollen 
Arbeitsertrag und das arbeitslose Einkommen, S. 73 — 75; — Proud- 
hons Tausch- oder Volksbank, S. 75—80; — Kritik dieses Vor- 
schlags, S. 80, 81. 

§. 8. Rodbertus. 

Prioritätsstreit zwischen Rodbertus und Marx, S. 82, 83; — Rodbertus' 
Ansichten über das arbeitslose Einkommen, S. 83—86; — Ueber 
das Eigentum, S. 86, 87; — Rodbertus' Reformvorschläge unter 
der Voraussetzung der Fortdauer des Grund- und Kapitaleigentums, 
S. 87 — 90; — Aeltere Projekte derselben Tendenz (Diokletian'« 
Edikt, das Maximum, Proudhon's Vorscliläge), S. 91 — 94; — Owen's 
und Mazels Arbeitstauschbanken, S. 94—97; Kritik der Projekte 
von Rodbertus. S. 97—99. 



IX 



?;. 9. Marx. 

Quelle der Meliiwertstheorie von Marx, S. 100, 101; — Das kommu-' 
nistische Manifest, S. 101, 102; — Beschlüsse der Internationale, der 
deutschen und französischen Arbeiterkongresse, S. 102^108; — 
Bekämpfung des utopistischen Socialismus durch Marx und Engels, 
S. 108, 109; — Kritik dieser Ansichten, 8. 109 — 114. 

§. 10. Louis Blanc und Ferdinand Lassalle. 

Verhältnis von Louis Blanc und Lassalle, S. 115; — Anerkennung des 
Rechts auf Existenz durch Louis Blanc, S. 116, 117; — Praktische 
Vorschläge Louis Blanc's, S. 117 — 119; — Lassalle über das arbeits- 
lose Einkommen, S. 119, 120; — Praktische Vorschläge Lassalle's, 
S. 120, 121; — Kritik des firuppensocialismus, S. 121—128. 

§. 11. Moderne Bestrebungen. I. Der konservative Socialismus 
in Deutschland. 

Der einseitige Socialismus und dessen Ursachen, >S. 124 — 127; — Be- 
kämpfung des Darlehenszinses durch die Kirche, S. 128 — 131; — 
Einwirkung der kirchlichen Anschauungen auf die konservativen 
Socialisten, S. 131—133; — Vorschläge von Rodbertus, S. 133-13G: 

— Vidal, S. 137, 138; — Vogelsang, S. 138, 139; — Kritik dieser 
Vorschläge, S. 139—142. 

§. 12. Moderne Bestrebungen. II. Die Verstaatlichung von 
Grund und Boden in England. 

Thomas Spence und seine Nachfolger, S. 143— 14t; ; — Ansichten .John 
Stuart Mill's über die Bodenverstaatlichung, S. 146, 147; — Henry 
George, S. 147—150; — Alfred Rüssel Wallace, S. 150, 151; — 
Kritik dieser Ansichten, S. 151; — Ansichten der englischen Social- 
demokratie über die Bodenverstaatlichung, S. 151 — 153; — Ent- 
wickelung des englischen Socialismus in der neuesten Zeit, S. 153, 154: 

— Kritik des einseitigen Socialismus, S. 154. 

??. 13. Das Recht auf den vollen Arbeitsertrag und die 
Eigentumsformen. 

Negative Funktion des Rechts auf den vollen Arbeitsertrag, S. 155, 156; 

— Positive Funktion, S. 156; — Verhältnis des I'rivateigentums 



- X - 

zu diesem Recht, Ö. 157; — Verhältnis des Gi.-meineigentuDis mit 
Sondernutzung zu diesem Recht, S. 157 — 159; — Schwierigkeit der 
Durchführung des Rechts auf den vollen Arbeitsertrag in der kom- 
munistischen Rechtsordnung (Gemeineigentum mit gemeinsamer 
Nutzung) , S. 159, 160; — Amerikanische Kommunistengemeindcii, 
S. 161 — 103; — System der Zeitarbeit, S. 163—165; — System der 
Durchschnittsarbeit: Vorschläge von Rodbertus, S. 165 — 167; — 
Weitling, S. 167-169; — Resultate, S. 169. 

§. 14. Schlussbemerkungen. 

'J'eilweise Verwirklichung des Rechts auf Existenz in den modernen 
Gesetzgebungen, S. 171 — 173: — Resultate für die Gesetzgebungs- 
politik. S. 173-175. 

Autorenregister, S. 176 — 178. 



§. 1. Einleitung. Das Recht a) auf den vollen 

Arbeitsertrag; b) auf Existenz: o auf Arbeit (droit 

au travail). 

Das Ziel der socialen Bestrebungen unserer Zeit ist im 
Wesentlichen auf eine neue Ordnung des wirtschaftlichen 
Lebens der Menschheit gerichtet. Die Grundlage der socia- 
listischen Bestrebungen bildet eine scharfe Kritik unserer be- 
stehenden ökonomischen Ordnung ; in ihren Konklusionen laufen 
aber diese Angriffe auf gewisse rechtsphilosoiahische Postulate 
hinaus, welche eine tiefgreifende Abänderung unseres geltenden 
Vermögensrechts (des Sachen-, Obligationen- und Erbrechts) 
in sich schliessen. Manche socialistische Systeme überschreiten 
freilich diese Grenze und bezwecken auch eine neue Ordnung 
des geschlechtlichen Lebens, die Abschaffung des Staates und 
der Religion u. s, f.; aber nur jene Forderung einer gründ- 
lichen Umgestaltung unseres überlieferten Vermögensrechts 
kann als das gemeinsame Programm aller socialistischen Schulen 
angesehen werden. 

Betrachten wir nun das wirtschaftliche Leben, wie es uns 
von allen Seiten umgiebt, so besteht sein wesentlicher Lihalt 
darin, dass die Menschen zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse 
arbeiten, dass jede Arbeit auf einen Ertrag, jedes Bedürfnis 
auf Befriedigung gerichtet ist. Arbeit und Arbeitsertrag, Be- 

M enger, Arbeitsertrag. 2. Auti. 1 



dürfnis und Befriedigung sind in der That die beiden Kausal- 
reilien. in welchen sich das wirtschaftliche Leben der Menschheit 
vollzieht. Das Ideal eines Vermögensrechts vom wirtschaft- 
lichen Standpunkt wäre deshalb erreicht, wenn die Rechts- 
ordnung bewirken könnte, dass jedem Arbeiter sein voller Ar- 
beitsertrag, jedem Bedürfnis nach Massgabe der vorhandenen 
Mittel die volle Befriedigung zu Teil wird. 

Unser geltendes Vermögensrecht, welches fast ausschliess- 
lich auf überlieferten Machtverhältnissen beruht, verzichtet von 
vornherein darauf, diese wirtschaftlichen Zwecke zu erreichen. 
Schon ursprünglich hat die Besiedlung der meisten Länder auf 
dem Wege der Occupation und der Eroberung stattgefunden 
und auch später hat oft genug das Schwert die bestehende 
Vermögensverteilung wieder verändert. Als dann der Staat 
die Gesetzgebung über die vermögensrechtlichen Beziehungen 
auszuüben begann , begnügte er sich damit , die überlieferten 
Machtverhältnisse mit leichten Abänderungen zu sanktionieren. 
Es ist deshalb begreiflich, dass unser Vermögensrecht, das sich 
in einem ganz anderen als dem wirtschaftlichen Ideenkreise ent- 
wickelt hat, weder den Zweck verfolgt, dem Arbeiter seinen 
vollen Arbeitsertrag noch auch den vorhandenen Bedürfnissen 
ihre möglichst vollkommene Befriedigung zu gewährleisten. 

Unser heutiges Vermögensrecht, dessen Mittelpunkt das 
Privateigentum bildet, gewährleistet erstens dem Arbeiter 
nicht den vollen Arbeitsertrag. Indem nämlich unser Privat- 
recht die vorhandenen Vermögensobjekte, namentlich die Pro- 
duktionsmittel , einzelnen Personen durch das Privateigentum 
zu beliebiger Benützung überweist, verleiht es diesen eine 
Machtstellung, kraft welcher sie ohne eigene Arbeit ein Ein- 
kommen beziehen und zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse 
verwenden können. Dieses Einkommen, welches die von der 
Rechtsordnung begünstigten Personen ohne persönliche Gegen- 
leistung an die Gesellschaft empfangen, bezeichnen die Saint- 
Simonisten, die Anhänger von Buchez und Rodbertus als 



— 3 — 

Reute, Thomi^son und Marx als Mehrwert; ich werde es 
das arbeitslose Einkommen nennen. Schon die gesetzlich an- 
erkannte Existenz des arbeitslosen Einkommens beweist, dass 
unser Vermögensrecht sich gar nicht den Zweck gesetzt hat, 
dem Arbeiter den vollen Arbeitsertrag zu verschaffen. 

Am klarsten tritt der Charakter des arbeitslosen Ein- 
kommens beim Miet-, Pacht- und Darlehenszins hervor. Hier 
beschränkt sich die Thätigkeit des Berechtigten wesentlich 
darauf, das arbeitslose Einkommen von dem Verpflichteten in 
Empfang zu nehmen. Aber auch dann, Avenn der Grund- 
und Kapitaleigentümer selbst die Landwirtschaft, ein Gewerbe 
oder den Handel betreibt, muss ihm regelmässig ein arbeits- 
loses Einkommen in der Form von Grundrente oder Kapital- 
gewinn (profit) zufallen. Um dieses in dem einzelnen Falle 
festzustellen, braucht man von dem Gesamteinkommen, welches 
der Selbstbetrieb abwirft, nur jenen Betrag abzuziehen, welchen 
der Grund- oder Kapitaleigentümer aufwenden müsste, um seine 
eigene Mitwirkung an der Produktion durch die Thätigkeit 
eines Stellvertreters zu ersetzen. 

Unser heutiges Vermögensrecht setzt sich aber — und 
dieses ist der zweite Pimkt — auch nicht den Zweck, allen 
Bedürfnissen nach Massgabe der vorhandenen Mittel die volle 
Befriedigung zu verschaffen. Unsere privatrechtlichen Gesetz- 
bücher enthalten vielmehr keinen einzigen Rechtssatz, der 
dem Einzelnen auch nur jene Sachgüter und Dienstleistungen 
zuweisen würde, die zur Erhaltung seiner Existenz unentbehr- 
lich sind. Soweit nur unser Privatrecht in Frage kommt, 
wird dies Verhältnis von Malthus etwas brutal, aber sehr 
richtig in folgender Stelle ausgedrückt, Avelche gerade durch 
ihre Aufrichtigkeit eine gewisse Berühmtheit erlangt hat. 

„Wer in einer bereits in Besitz genommenen Welt geboren 
wird, hat, wenn er die Mittel der Existenz weder von seinen 
dazu verpflichteten Verwandten erlangen noch durch Arbeit 
finden kann, durchaus kein Recht auf Ernährung; thatsächlich 



— 4 — 

ist er überflüssig auf der Welt. An dem grossen Bankett der 
Natur ist für ihn kein Couvert aufgelegt. Die Natur l)efiehlt 
ihm, sich zu entfernen, und sie säumt auch nicht, diesen ihren 
Befehl zu vollziehen." ^ Was Malthus hier von der Ernährung 
sagt, gilt auch von der Befriedigung aller anderen Bedürfnisse. 

Allerdings wird diesem Mangel des Privatrechts durch 
ein öffentlich-rechtliches Institut : die Armenversorgung, bis zu 
einem gewissen Grad abgeholfen , doch hat eine lange Er- 
fahrung die Unzulänglichkeit dieses Hilfsmittels bewiesen. 
Erst in der neuesten Zeit ist Deutschland und Oesterreich 
damit beschäftigt, durch eine umfassende Gesetzgebung über 
die Kranken-, Unfall-, Invaliditäts- und Altersversicherung den 
Gedanken, dass jedes Mitglied der Gesellschaft auf die Be- 
friedigung seiner Existenzbedürfnisse einen rechtlichen An- 
spruch besitze, wenigstens teilweise zu verwirklichen. Hiervon 
wird im weiteren Verlaufe dieser Darstellung (§. 14) noch die 
Rede sein. 

In durchgreifendem Gegensatz zu unserem heutigen Privat- 
recht steht nun in allen dargestellten Beziehungen das socia- 
listische Rechtssystem. Alle socialistischen Vermögensrechte, 
wie sehr auch die Ansichten der verschiedenen Schulen ab- 
weichen mögen, verfolgen doch immer den Zweck, entweder 
den arbeitenden Klassen den vollen Ertrag ihrer Arbeit zu 
gewährleisten oder aber die Bedürfnisse des Einzelnen mit den 

•' A man wlio is born into a woiid already possessed, if he cannot 
get subsistence from Ms parents on whom lie has a just demand, and 
if the Society do not want bis labour, has no claim of right to the 
smallest iJOi-tion of food, and, in fact, has no business to be where he 
is. At nature's mighty feast there is no vacant cover for him. She 
teils him to be gone, and will quickly execute her own Orders .... 
Malthus, An essay on the principle of population, 2. Ausgabe in 4", 
1803, S. 531. In der 3. Auflage vom Jahre 1800 (Bd. 2, S. 383) und in 
den späteren Ausgaben des Essay on the principle of population wurde 
diese berühmte Stelle, welche in der socialistischen Litteratur so oft 
erwähnt Avird. von Malthus wieder weggelassen. 



vorliandenen Befriecligungsmitteln in einen richtigen Zusammen- 
hang zu bringen. An die Stelle unserer auf Machtverhältnissen 
beruhenden Güterverteilung soll eben ein von wirtschaftlichen 
Zwecken beherrschtes Vermögensrecht treten. 

Freilich ist klar,, dass kein socialistisches Vermögens- 
recht, wie utopisch auch dessen Voraussetzungen sein mögen, 
jene beiden fundamentalen Zwecke zu gleicher Zeit vollständig 
zu erreichen vermag, weil sich eben Arbeit und Bedürfnis in 
keiner Gesellschaftsverfassung vollständig decken werden. Will 
man den Gedanken, dass dem Arbeiter der volle Arbeits- 
ertrag gebührt, konsequent durchführen, so werden einer 
solchen Absicht die zahlreichen Arbeitsunfähigen (Kinder, 
Greise, Kranke u. s. f.) entgegenstehen, welche zur Befriedi-"^ 
gung ihrer Bedürfnisse ein arbeitsloses Einkommen beziehen 
müssen. Umgekehrt ist es höchst bedenklich, lediglich die 
Bedürfnisse der Einzelnen als Verteilungsmassstab zu nehmen 
und diesen von der Arbeit, durch welche ja die Befriedigungs- 
mittel geschaffen werden, völlig unabhängig zu machen. Die 
meisten socialistischen Systeme trachten deshalb jene beiden 
Grundideen, welche in ihren Konsequenzen zu sehr abweichen- 
den Resultaten führen, in möglichst widerspruchsloser Weise 
zu kombinieren. 

Auf die Erreichung dieser beiden Zwecke ist nun die 
socialistische Bewegung gerichtet, welche seit dem Ende des 
vorigen Jahrhunderts die Kulturvölker in immer steigendem 
Umfange ergriffen hat. So wie man die Ziele, welche die 
grossen politischen Bewegungen des 17. und 18. Jahrhunderts 
anstrebten, in gewisse rechtsphilosophische Postulate zusammen- 
gefasst hat, die man politische Grundrechte zu nennen pflegt, 
so kann man auch die letzten Zwecke des Socialismus durch 
Aufstellung von ökonomischen Grundrechten kurz bezeichnen. 
Ich weiss sehr wohl, dass man auf die Anerkennung der 
politischen Grundrechte oft einen übermässigen Wert gelegt 
hat, der mit ihrer geringen praktischen Wirksamkeit in einem 



auffcilleuden Missverhältuis steht; dennoch ist die Aufstellung 
solcher Grundrechte auf dem wissenschaftlichen Gebiete nicht 
ohne Nutzen, weil sie die wichtigsten Zwecke der politischen 
und socialen Bewegungen mit einem Schlagwort kennzeichnen. 
Erkennt man nun den Satz als berechtigt an. dass jedem 
Arbeiter der volle Ertrag seiner Arbeit geljührt. so ergieljt 
dies das erste ökonomische Grundrecht: das Recht auf den 
vollen Arbeitsertrag. Stellt man ferner an die Rechts- 
ordnung das Postulat, dass jedes Bedürfnis nach Massgabe 
der vorhandenen Mittel seine Befriedigung finden soll, so ist 
damit, wie unten gezeigt werden wird, das zweite ökonomische 
Grundrecht: das Recht auf Existenz, anerkannt. Diese 
beiden ökonomischen Grundrechte bezeichnen die Grenzen, 
innerhalb deren sich jedes konsequente , socialistische oder 
kommunistische System bewegen muss. Hierzu kommt noch 
als drittes ökonomisches Grundrecht das sogenannte Recht 
auf Arbeit, welches nichts als eine eigentümliche Modifikation 
des Rechts auf Existenz ist, die als TJebergangsform zur so- 
cialistischen Rechtsordnung eine gTössere historische Bedeutung 
erlangt hat. Ich will diese drei ökonomischen Grundrechte 
des Socialismus hier in ihren wesentlichen Momenten darstellen. 

a) Das Reclit auf den vollen Arbeitsertrag. 

Zahlreiche socialistische Systeme vertreten die Ansicht, 
dass jedes Mitglied der Gesellschaft einen Anspruch besitzt, 
dass ihm von der Rechtsordnung der volle Ertrag seiner Ar- 
beit zugewiesen werde. ^ Ist also ein Sachgut durch die Ar- 
beit einer einzigen Person hervorgebracht worden, so muss 
es auch dieser allein angehören. Ist aber das Sachgut durch 

^ Vgl. nameiitUcli unten §. 4 (Charles Hall), §. 5 (William 
Thompson), §. 8 (Rodbertus). — S. auch Kautsky, Die Verteilung 
des Arbeitsertrages im socialistischen Staat in Richter's Jahrbuch für 
Social Wissenschaft. 2. Jahrgang, 1881, S. 88—98. 



gleichzeitiges oder successives Zusammenwirken mehrerer Per- 
sonen hervorgebracht worden — was unter der Herrschaft der 
Arbeitsteilung die weit überwiegende Regel bildet — , so muss 
jedem Arbeiter von dem Tauschwert der Sache so viel zu- 
gewiesen werden, als er demselben durch seine Arbeit zu- 
gesetzt hat. Da unter der Herrschaft dieses Verteilungs- 
princips der Arbeitsertrag an die Arbeiter vollständig verteilt 
wird, so ist ein arbeitsloses Einkommen (Grundrente und Ka- 
pitalgewinn) und dessen rechtliche Voraussetzung : das Privat- 
eigentum, unmöglich. 

Wie aber soll der Tauschwert einer Sache, an deren 
Hervorbringung sich mehrere Personen beteiligt haben, unter 
die Mitwirkenden verteilt werden? 

An sich ist es ganz wohl denkbar, dass auch in einer 
socialistischen Gesellschaftsordnung die historisch überlieferten 
Preise der Arbeit aufrecht erhalten und nur infolge der Be- 
seitigung des arbeitslosen Einkommens um einen entsprechenden 
Betrag vermehrt werden. In der That würde auch eine völlig 
neue Bestimmung der Arbeitspreise, welche von allen historisch 
überlieferten Verhältnissen absieht und nur auf Grund eines 
allgemeinen Princips erfolgt, die Gesellschaft fast noch mehr 
erschüttern als die Einführung der socialistischen Gesellschafts- 
ordnung. Dessenungeachtet schlägt Rodbertus, einer der 
Hauptvertreter des Rechtes auf den vollen Arbeitsertrag, vor, 
dass an die Stelle unseres Metallgeldes die Arbeitsstunde treten 
soll, und dass jedem Arbeiter, welcher an der Hervorbringung 
einer Sache mitgewirkt hat, von deren Tauschwert so viel 
'Arbeitsstunden zuzuweisen sind, als ein durchschnittlicher Ar- 
beiter zu der auf die Sache verwendeten Arbeitsleistung be- 
darf. Dieses Verteilungsprincij) setzt also die Gleichstellung 
der Arbeitsstunden oder wenigstens der Arbeitstage aller Ar- 
beiter voraus, soweit in denselben die durchschnittliche Arbeits- 
leistung wirklich erzielt worden ist.^ 

' Vgl. unten ^i?. 8 u. 13. 



— 8 



b) Das ßeclit auf Existenz. 

Zahlreiche socialistische Systeme erkennen nicht die Ar- 
beit, sondern das Bedürfnis als den grundlegenden Verteilungs- 
massstab an.^ Als unmittelbare Konsequenz dieser Auffassung 
ergiebt sich das Verteilungsprincip, dass jede Sache demjenigen 
gehören soll, der ihrer am dringendsten bedarf. Dessen- 
ungeachtet haben nur wenige Socialisten diese Folgerung 
wirklich gezogen, darunter Godwin, dessen Ansichten unten 
(§. 3) im Zusammenhange dargestellt werden sollen. Auch 
lässt sich nicht verkennen, dass die Bedürfnisse des Einzelnen 
viel zu unbestimmt, subjektiv und veränderlich sind, um daran 
die wichtigste aller Rechtsfolgen: die Verteilung der Güter, 
knüpfen zu können. Nur in kleinen, durch die engsten Bande 
der Zuneigung verknüpften Gemeinschaften (z. B. in der Fa- 
milie) lässt sich jenes Verteilungsprincip wirklich durchführen. 

Diese Verteilung nach Massgabe der Bedürfnisse und der 
vorhandenen Mittel ist immer zu verstehen, wenn so zahlreiche 
Kommunisten von einer gleichen Verteilung der Güter im 
kommunistischen Staate sprechen. Denn eine wirklich gleiche 
Verteilung der Produktions- oder der Genussmittel kann bei 
der ungeheuren Verschiedenheit, welche in den Bedürfnissen 
des Einzelnen durch Alter, Geschlecht und individuelle Be- 
schaffenheit hervorgebracht wird, von Niemand im Ernste an- 
gestrebt werden. 

* Vgl. z. B. Morelly, Naufrage des isles flottantes ou Basiliade* 
Bd. 1, 1753, S. 2—7; Brissot, Sur la propriete et sur le vol, 1780, 
Sect. 2; Gäbet, Voyage en Icarie, 5. Aufl., 1848, auf dem Titelblatt: 
A chacun suivant ses besoins, de chacun suivant ses forces; Louis 
B 1 a n c in Nouveau Monde vom 15. Juli 1850, S. 4 (Questions d'aujourdhui 
et de demain Bd. 3, 1880, S. 225); De chacun selon ses facultes, 
ä chacun selon ses besoins u. a. m. Vgl. Schramm in der „Zukunft", 
1878, S. 497—507. 



— 9 — 

Unter den Bedürfnissen ragen durch ihre praktische 
Wichtigkeit jene hervor, von deren Befriedigung die Erhaltung 
der Existenz des Einzehien abhängt und die man deshalb 
Existenzbedürfnisse nennen kann.^ Sie haben einen allge- 
meinen, mehr objektiven Charakter und können deshalb aller- 
dings als Verteilungsniassstab dienen , wenngleich nicht zu 
verkennen ist, dass deren Umfang nach Zeit und Ort ein 
verschiedener sein wird. Die Existenzbedürfnisse sind nun 
die Grundlage des Rechtes auf Existenz, welches in den' socia- 
listischen Systemen aller Zeiten eine so grosse Rolle spielt. 
Man kann dieses Recht so bestimmen, dass jedes Mitglied 
der Gesellschaft einen Anspruch hat, dass ihm die zur Er- 
haltung seiner Existenz notwendigen Sachen und Dienst- 
leistungen zugewiesen werden, bevor minder dringende Be- 
dürfnisse Anderer befriedigt werden. 

Das Recht auf Existenz hat in den socialistischen Sy- 
stemen und in den praktischen Versuchen, welche man mit 
der kommunistischen Gesellschaftsordnung bisher gemacht hat, 
nach dem Lebensalter des Berechtigten einen verschiedenen 
Inhalt. Bei den Unmündigen geht es auf Erhaltung und Er- 
ziehung; bei den Erwachsenen geht es auf blosse Erhaltung, 
wogegen der Berechtigte zu entsprechender Arbeitsleistung ver- 
pflichtet ist; bei Personen, welche wegen Alters, Krankheit 
oder anderer Gebrechen arbeitsunfähig sind, geht es auf Ver- 
sorgung.*' In einer konsequent durchgeführten socialistischen 
Ordnung würde sich das Recht auf Existenz direkt gegen die 

•^ Vgl. darüber die Ausführungen in Carl Menger, Grundsätze 
der Volkswirtschaftslehre 1871, S. 88 ff. 

^ Ueber die Gestaltung des Rechts auf Existenz in den amerikani- 
schen Socialistengemeinden vgl. unten §. 13, Note 7 — 9. Morelly im 
Code de la nature (1755) definiert das Recht auf Existenz folgender- 
massen: Tout citoyen sera hoinme public, sustente entretenu et occupe 
aux depens du public (S. 152 der Ausgabe des Code de la nature von 
Villegardelle aus dem Jahre 1841). Vgl. auch das englische Armen- 
gesetz vom Jahre ItiOl unten Note 8. 



— 10 _ 

wirtschaftende Gemeiuschaft richten und für den Berechtio-ten 
die Vermögensrechte unseres heutigen Privatrechts ersetzen. 

Während eine konsequente Durchführung des Rechtes auf 
den vollen Arbeitsertrag jedes arbeitslose Einkommen und da- 
mit auch das Privateigentum unmöglich macht, lässt sich die 
Fortdauer der privatrechtlichen Ordnung neben dem Recht auf 
Existenz recht wohl denken. Die Ansprüche aller Staatsbürger 
auf Befriedigung ihrer Existenzbedürfnisse sind in diesem Falle 
gleichsam als eine Hypothek zu betrachten, welche auf dem 
Nationaleinkommen ruht und die berichtigt werden muss, bevor 
einzelnen begünstigten Personen ein arbeitsloses Einkommen 
gewährt werden kann. In der That wii-d sich im weiteren 
Verlaufe dieser Darstellung (§. 14) ergeben, dass die socialen 
Bestrebungen unserer Zeit darauf gerichtet sind , einerseits 
das Recht auf Existenz in gewissem Umfang zu verwirklichen 
und andererseits das Gebäude unserer privatrechtlichen Rechts- 
ordnung aufrecht zu erhalten. Eine vollständige Durchführung 
des Rechtes auf Existenz würde allerdings von dem arbeits- 
losen Einkommen, welches heute den Grund- und Kapital- 
eigentümeru kraft ihres Besitzes zufällt, einen so bedeutenden 
Teil in Anspruch nehmen und das Privateigentum seines wirt- 
schaftlichen Nutzens so sehr entkleiden, dass dieses sich bald 
in Kollektiveigentum verwandeln müsste. 

Ebenso wie mit dem Privateigentum ist das Recht auf 
Existenz auch mit dem Recht auf den vollen Arbeitsertrag 
vereinbar, wie denn dieses letztere überhaupt das socialistische 
Gegenstück des Privateigentums bildet. Auch in einer Rechts- 
ordnung, welche das arbeitslose Einkommen vollständig be- 
seitigt hat, könnte man jeden Staatsbürger verpflichten, täglich 
eine bestimmte Zahl von Stunden zur Deckung seiner Existenz- 
bedürfnisse zu arbeiten, während der volle Ertrag der übrigen 
Arbeitsstunden innerhalb gewisser Schranken seiner freien Ver- 
fügung überlassen wäre. Diese Koml)ination der Rechte auf 
Existenz und auf den vollen Arbeitsertrag, welche Selbstsucht 



— n — 

und Gemeinsinn, Freiheit und Zwang vereinigt, wäre namentlich 
für die üebergangszeit zu empfehlen, wo die socialistischeu 
Institutionen innerhalb der individualistisch erzogenen Volks- 
massen zu wirken hätten. 



c) Das Recht auf Arbeit. 

Zwischen dem heutigen Privatrecht und der Güterverteilung 
nach dem Arbeitsertrag oder dem Bedürfnis, welche die letzten 
Zielpunkte bezeichnen, denen die socialistische Bewegung ent- 
gegenstrebt, sind unendlich zahlreiche Vermittelungen denkbar. 
Eine dieser Vermittelungen ist das sogenannte Recht auf 
Arbeit, welches durch die Ereignisse des Jahres 1848 und 
neuerdings durch eine im deutschen Reichstag abgegebene 
Aeusserung des Fürsten Bismarck ^ eine grössere historische 

' In der Sitzung des deutschen Reichstages vom 9. Mai 1884 bei 
der Beratung über die Verlängerung der Gültigkeitsdauer des Gesetzes 
gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Socialdemokratie vom 
21. Oktober 1878 gab der Reichskanzler Fürst Bismarck folgende Er- 
klärung ab: „Ich will mich nun dahin resümieren, geben Sie dem 
Arbeiter das Recht auf Arbeit, solange er gesund ist, geben 
Sie ihm Arbeit, solange er gesund ist, sichern Sie ihm Pflege, 
wenn er krank ist, sichern Sie ihm Versorgung, wenn er alt 
ist — wenn Sie das thun und die Opfer nicht scheuen und nicht über 
Staatssocialismus schreien, sobald Jemand das Wort ,Altersversorgung' 
ausspricht, wenn der Staat etwas mehr christliche Fürsorge für den 
Arbeiter zeigt, dann glaube ich, dass die Herren vom AVydener Pro- 
gramm ihre Lockpfeife vergebens blasen werden, dass der Zulauf zu 
ihnen sich sehr vermindern wird, sobald die Arbeiter sehen, dass es 
der Regierung und den gesetzgebenden Körperschaften mit 
der Sorge für ihr Wohl ernst ist." (Stenographische Berichte über die 
Verhandlungen des Reichstags, Session 1884, Bd. 1, S. 481.) — Im 
weiteren Verlaufe derselben Sitzung antwortete Fürst Bismarck auf 
eine Rede des Abgeordneten Eugen Richter folgendermassen : „Ich will 
zunächst die wichtigste Frage beantworten, die er (der Abg. Richter) 
überhaupt berührt hat, das Recht auf Arbeit. Ja, ich erkenne ein 
Recht auf Arbeit unbedingt an und stehe dafür ein. solange ich auf 



- 12 — 

Bedeutung erlaugt hat. Es ist eine Abart des Rechtes auf 
Existenz, welche auf unsere gegenwärtige Privatrechtsordnung 
gepfropft werden soll. 

Der Gredanke, welcher dem Recht auf Arbeit zu Grunde 
liegt, scheint durch einige fundamentale Bestimmungen über 
die staatliche Armenpflege, w^elche in verschiedenen Gesetz- 
gebungen fast gleichlautend vorkommen , angeregt worden 
zu sein. Das englische Armengesetz vom .Jahre 1601 , '^ die 

diesem Platze sein werde. Ich befinde micli dabei nicht auf dem Boden 
des Socialismus, der erst mit dem Ministerium Bismarck seinen Anfang 
genommen haben soll, sondern auf dem Boden des preussischen Land- 
rechts (folgt ein Citat des preuss. L.-R. II; Tit. 19, §. 1 u. 2, welche 
Pai-agraphen unten in der Note 10 abgedruckt sind; nach Verlesung des 
§. 1 ertönen Zwischenrufe ,Armenpflege'). Nun, meine Herren, wo ist 
denn Ihr unartikulierter höhnischer Zuruf, den Sie vorhin machten? 
Ist nicht das Recht auf Ai-beit zur Zeit der Publikation des Landrechts 
offen proklamiert? Ist es nicht in unseren ganzen sittlichen Verhält- 
nissen begründet, dass der Mann, der vor seine Mitbürger tritt und 
sagt: ich bin gesund, arbeitslustig, finde aber keine Arbeit — berechtigt 
ist zu sagen: gebt mir Arbeit! und dass der Staat verpflichtet ist, ihm 
Arbeit zu geben!? Der Herr Vorredner hat gesagt, der Staat werde 
grosse Unternehmungen machen müssen. Ja, das hat er schon gethan 
in Zeiten der Not, wie 1848, wo infolge des Ueberschäumens der fort- 
schrittlichen Bewegung die Arbeitslosigkeit und der CTcldmangel gross 
waren. Wer erinnert sich nicht noch der Rehberger mit ihrer roten 
Hahnfeder und ihren langen Stiefeln? Da hat der Staat es für seine 
Pflicht gehalten, diesen Leuten — es waren zum grossen Teil Bummler, 
aber auch ehrliehe Leute darunter, die in der That nicht wussten, wo- 
von sie leben sollten — Arbeit zu verschaffen. Wenn ähnliche Notstände 
eintreten, so, glaube ich, ist der Staat noch heute verpflichtet, und der 
Staat hat so weitreichende Aufgaben, dass er dieser seiner Verpflichtung, 
arbeitslosen Bürgern, die Arbeit nicht finden können, solche zu ver- 
schaffen, wohl nachkommen kann. Er lässt Aufgaben ausführen, die 
sonst aus finanziellen Bedenklichkeiten vielleicht nicht ausgeführt werden 
würden; ich wiU sagen, grosse Kanalbauten, oder was dem analog ist. 
Es giebt ja eine Menge ausserordentlich nützlicher Einrichtungen anderer 
Art." (Stenographische Berichte a. a. 0., S. 500.) 

' Act for the relief of the poor: 43 Elisabeth c. 2, 1601, sect. 1: 



— 13 — 

französischen Verfassungen vom Jahre 1791 und 1793^ und das 
preussische Landrecht vom 5. Februar 1794^" setzen überem- 
stimmend fest, dass der Staat oder die staatlichen Verbände 
(Gemeinde, Kirchspiel u. s. f.) die Verpflichtung haben, die 
Armen entweder zu unterstützen oder ihnen Arbeit zu ver- 
schaffen. Dennoch ist das Recht auf Arbeit von dem Recht 
auf Unterstützung, auch wenn diese durch Verschaffung von 

They (die Aimenaufseher) shall take ovder from time to time . . . for 
setting to work the childrens of all such wlaose parents shall not . . . 
be thought able to keep and maintain their chüdren; and also for 
setting to work all such persona, married or unmarried, having no 
means to maintain them, use no ordinary and daily trade of life to get 
their living by; and also to raise weekly or otherwise ... in the said 
parish in such competent sum and sums of money as they shall think 
fit, a convenient stock, of flax, hemp, wool, thread, iron and other 
necessaries wäre and stuff to set the poor on work and also competent 
sums of money for and towards the necessary relief of the lame, im- 
potent, old, blind and such other among them, being poor and not 
able to work, and also for the putting out of such children to be 
apprentices, to be gathered out of the same parish, according to the 
ability of the same parish. Vgl. Aschrott, Das englische Armenwesen 
1886, S. 10 ff. 

** Constitution de la republique fran9aise vom 24. Juni 1793: De- 
claration des droits de l'homme et du citoyen, art. 21: Les secours 
jjublics sont une dette sacree. La societe doit la subsistance aux citoyens 
malheureux, soit en leur procurant du travail, soit en assurant les 
moyens d'exister ä ceux qui sont hors d'etat de travailler. Vgl. auch 
die französische Konstitution vom 3. Sept. 1791, Tit. 1. 

1» Preussisches Landrecht, Teil II, Tit. 19, §. 1, 2: Dem Staate 
kommt es zu, für die Ernährung und Verpflegung derjenigen Bürger 
zu sorgen, die sich ihren Untei'halt nicht selbst verschaffen und den- 
selben auch nicht von anderen Personen, welche nach besonderen Ge- 
setzen dazu verpflichtet sind, erhalten können. — Denjenigen, welchen 
es nur an Mitteln und Gelegenheit, ihren und der Ihrigen Unterhalt zu 
verdienen, mangelt, sollen Arbeiten, die ilaren Kräften und Fähigkeiten 
angemessen sind, angewiesen werden. — Diese Bestimmungen, welche 
nach ihrem Wortlaut sehr weit gehen, haben in Wirklichkeit nur die 
Armenunterstützung im Auge. 



— U — 

Arbeit gewährt wird, wohl zu unterscheiden. Denn das Hecht 
auf Arbeit hat im Sinne der socialistischen Auffassung den 
Charakter einer vermögensrechtlichen Verbindlichkeit, der auf 
Seite des Staates durchaus keine Liberalität zu Grunde liegt, 
seine Ausübung setzt deshalb auch nicht Dürftigkeit des Be- 
rechtigten voraus, und die Erfüllung dieses Anspruches darf 
nicht wie die Armenunterstützung unter verletzenden Formen 
stattfinden. ^^ 

Ebenso muss das Recht auf Arbeit von dem Rechte, sich 
mit grösserer oder geringerer Aussicht auf Erfolg Arbeit zu 
suchen, scharf geschieden werden. In dem berühmten Edikt 
vom 12. März 1776, welches die Einführung der Gewerbe- 
freiheit in Frankreich versuchte, spricht Ludwig XVI. oder 
richtiger Turgot von einem „Recht zu arbeiten", welches durch 
das Zunftsystem in seiner freien Ausübung nicht beeinträchtigt 
werden dürfe. ^ - Umgekehrt pflegen die Anhänger der Zünfte 

1^ Die Diskussion über das Recht auf Arbeit, welche die franzö- 
sische Nationalversammlung am 12. — 16. September und am 2. November 
1848 beschäftigte, drehte sich namentlich um die Frage, ob nur das 
Recht auf Unterstützung, oder auch das Recht auf Arbeit anerkannt 
werden solle. Thiers sprach sich für das erstere, aber gegen das letztere 
aus (Girardin, Le droit au travail au Luxembourg et ä l'assemblee 
nationale, 1849, Bd. 2, S. 231 ff.), und thatsächlich hat auch die Ver- 
fassung vom 4. November 1848, ähnlich wie die Constitution von 1793, 
nur das Recht auf Unterstützung (droit ä l'assistance) gewährleistet. Es 
ist deshalb gewiss unrichtig, wenn einzelne Schriftsteller, z. B. Joseph 
Garnier, Le droit au travail ä l'assemblt'e nationale, 1848, S. 385, 
beide Rechte identifizieren wollen. 

12 Französisches Edikt aus dem Febr. 1776 im Recueil general 
des anciennes lois fran9aises von Jourdan, Decrusy und Isambert 
Bd. 23, S. 370 ff. (vgl. das Lit de justice zur Registrierung dieses Ge- 
setzes vom 12. März 1776 a. a. 0. S. 398 ff.): Dieu en donnant ä l'homme 
des besoins, en lui rendant necessaire la ressource du travail, a fait du 
ih-ott de travaillcr la propriete de tout homme et cette propriete est 
la premiere, la plus sacree et la plus imprescriptible de toutes. Vgl. 
auch den Recueil a. a. 0. S. 374, 375. 



— 15 — 

vielfach das Recht des Zunftmitgiiedes, innerhalb seines Berufs- 
zweiges mit Ausschluss aller Anderen arbeiten zu können, als 
Recht auf Arbeit zu bezeichnen. ^^ Beides ist gleich irrig: 
durch das Recht auf Arbeit wird den Staatsbürgern nicht die 
Befugnis Arbeit zu suchen, sondern Arbeit zu finden ge- 
währleistet. 

Der richtige Begriff des Rechts auf Arbeit, soweit sich aus 
der schwankenden und unklaren Theorie und Praxis überhaupt 
ein sicheres Resultat gewinnen lässt, ist vielmehr folgender: 
Kraft des Rechts auf Arbeit kann jeder arbeitsfähige Staats- 
bürger, der bei einem Privatunternehmer keine Arbeit findet, 
von dem Staate oder den staatlichen Verbänden (Bezirk, Ge- 
meinde) verlangen, dass ihm die gewöhnliche Taglöhnerarbeit 
gegen Zahlung des üblichen Taglohns zugewiesen werde. 

Das Recht auf Arbeit unterscheidet sich also von dem 
Recht auf den vollen Arbeitsertrag dadurch, dass der Berech- 
tigte eben nur den Lohn (nicht den vollen Arbeitsertrag) ver- 
langen kann und dass ihm die Produktionsmittel nur zum 
Zweck der Produktion für Rechnung des Staates überlassen 
werden. Mit Unrecht haben deshalb mehrere Redner der fran- 
zösischen Nationalversammlung während der Diskussion über 
das Recht auf Arbeit (Note 11) angenommen, dass das Recht 
auf Arbeit zugleich auch das Recht auf das Kapital in sich 
schliesst. ^* Im Gegenteile: Das Recht auf Arbeit hat lediglich 
einen unser heutiges Vermögensrecht ergänzenden Charakter 
und es setzt die Existenz des individuellen Grund- und Kapital- 
eigentums geradezu voraus. 

Durch diese Subsidiarität unterscheidet sich auch das 
Recht auf Arbeit vorzüglich von dem Recht auf Existenz. 

*^ Vgl. z. B. Mario, Untersuchungen über die Organisation der 
Arbeit Bd. 2, 2. Aufl., 1884, S. 314 u. A. 

'^ Vgl. Emile de Girardin, Le droit au travail au Luxembourg 
et ä l'assemblee nationale Bd. 2, 1849, S. 139, 321 (Reden von Barthe 
und Dufaure). 



— K) — 

Dieses richtet sich unmittelbar gegen den Staat oder die staat- 
lichen Verbände; der Berechtigte kann gegen Leistung der 
Arbeit von diesen direkt Befriedigung der Existenzbedürfnisse 
verlangen. Das Recht auf Arbeit kann dagegen so lange nicht 
ausgeübt werden, bis feststeht, dass der Berechtigte von einem 
Privatunternehmer Arbeit nicht erlangen konnte. Ueberdies 
bezieht sich das Recht auf Existenz auch auf die Unmündigen 
und Arbeitsunfähigen, während das Recht auf Arbeit nur den 
arbeitsfähigen Staatsbürgern zusteht. 

Wie weit diese Begrilfsbestimmung richtig ist, mag sich 
aus der folgenden Darstellung der historischen Entwickelung 
des Rechtes auf Arbeit ergeben. 

Das Recht auf Arbeit in seiner heutigen Bedeutung ist 
unter den Socialisten zuerst von Fourier vertreten worden, 
dem die Ausführungen Fichte's (§. 2), welche manche Analogien 
bieten, anscheinend unbekannt geblieben sind. Fourier^^ führt 
in seinem umfassendsten Werk: dem Traite de 1' Association 
domestique-agricole , eine heftige Polemik gegen die Theorie 
von den angeborenen Menschenrechten (droits de l'homme) in 
der bloss politischen Bedeutung, welche die französische Re- 
volution und der parlamentarische Doktrinarismus der Restau- 
rationszeit diesem Begriff gegeben hatten; er zeigt, welchen 
geringen Wert die politischen Doktrinen von der Volkssouverä- 
nität, von der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, obgleich 
in Kriegen und Revolutionen so viel Blut für dieselben ver- 
gossen worden sei, für die Interessen der leidenden Volks- 
masseu besitzen. 

Diesen politischen Grundrechten setzt nun Fourier öko- 
nomische Grundrechte entgegen. Im Naturzustande habe der 

^■' Fourier, Traite de rassociation domestique-agricole Bd. 1, 
1822, S. 116—143; in den Oeuvres completes Bd. 3, 1841, S. 151—187. 
Das Droit au travail wird übrigens von Fourier schon in seiner ersten 
Schrift : Theorie des quatre mouvements et des destinees generales 1808, 
S. 270 (Oeuvres completes Bd. 1, 3. Aufl., 1846, S. 193) erwähnt. 



— 17 — 

Wilde das Recht, überall nach seinem Ermessen zu jagen, zu 
fischen, Früchte zu sammeln und sein Vieh zu Aveiden.^'' In 
einem socialen Zustand, wo die Natur bereits occupiert ist, 
lasse sich freilich die Ausübung dieser vier ökonomischen 
Grundrechte nicht denken, dagegen müsse an die Stelle der- 
selben ein Aequivalent treten. Dieses Aequivalent nennt 
Fourier in der obenangeführten Schrift bald Recht auf Arbeit, ^^ 
bald Recht auf ein Existenzminimum, ^'^ ohne sich des Unter- 
schiedes zwischen den Rechten auf Arbeit und auf Existenz 
bewusst zu werden. ^^ Doch kann dieses Aequivalent nach der 
Ansicht Fourier's noch nicht in dem jetzigen Zustand, sondern 
erst nach Einführung der von ihm vorgeschlagenen Gesell- 
schaftsordnung gewährt werden.^" 

Diese Gedanken Fourier's wurden von seiner Schule in 
zahlreichen Aufsätzen und Schriften näher ausgeführt.-^ Ich 

^^ Mit jener Bizarrerie, die sich bei Fourier so häufig mit den 
tiefsten Gedanken verbindet, rechnet er ferner zu den natürlichen 
Rechten des Menschen im Naturzustande auch das Eecht, sich in Horden 
zu sammeln, ausserhalb seiner Horde zu stehlen und sorglos in den Tag 
zu leben (Fourier, Traite de l'association Bd. 1, 1822, S. 126—129). 
Considerant in seiner Broschüre über das Recht auf Arbeit (Note 22) 
hat selbstverständlich diese angeblichen „Rechte" nicht adoptiert, sondern 
kennt nur das Droit de chasse, de peche, de cueillette et de päture. 

1^ Fourier, Traite S. 137, 143. 

'- Fourier a. a. 0. S. 126, 135. In seinem Hauptwerk (Le Nouveau 
Monde industriel et societaire, 1829) spricht er, soviel ich sehe, immer 
nur von dem Existenzminiraum. Vgl. Nouveau Monde S. 4, 12, 38, 42, 
74, 185, 328, 333, 373, 420, 430. 

'^ Fourier beschreibt das Droit au travail im Traite Bd. 1, S. 138, 
indem er ein armes Mitglied eines Phalansteriums zu seinen Genossen 
so reden lässt: Je suis ne sur cette terre; je reclame l'admission ä tous 
les travaux qui s'y exercent, la garantie du fruit de mon labeur; je 
reclame l'avance des instruments necessaires ä exercer ce travail, et de 
la subsistance en compensation du droit de vol (Note 16) que m'a donne 
la simple nature. 

■-« Fourier a. a. 0. S. 135, 143 Note. 

-' Vgl. den Artikel von Paget in der „Thalange" vom 20. Oktober 
Menger, Arbeitsertrag. 2. Aufl. 2 



— 18 — 

erwähne hier namentlich die Broschüre Consicle'rant's über das 
Recht auf Arbeit, welche sich von allen Ueberschwenglichkeiten 
freihält und dadurch auf die Ereignisse des Jahres 1848 einen 
bedeutenden Einfluss ausgeübt hat.^- 

Conside'rant weicht namentlich dadurch von seinem 
Meister ab, dass er mit der Anerkennung des Rechts auf Arbeit 
nicht bis zur Einführung der fourieristischen Gesellschafts- 
ordnung warten will, sondern dieselbe als eine unentbehrliche 
Ergänzung unseres heutigen Zustandes und als das einzige 
Mittel zur Aufrechterhaltung des Privateigentums ansieht. ^^ 
Er nimmt an, dass dem Menschengeschlecht einerseits der 
gemeinsame Niessbrauch an der Erde in ihrer ursprünglichen 
Gestalt (dem Capital primitif) zustehe, dass aber andrerseits 
das, was durch die Arbeit der Menschen geschaffen worden 
sei, also die Verbesserungen von Grund und Boden und die 
Kapitalien (das Capital cre'e) sich infolge eines unanfechtbaren 
Rechtstitels in dem Privateigentum der Produzenten und ihrer 
Rechtsnachfolger befinden. -^ Kraft jenes Rechts auf Mit- 
benützung des gemeinsamen Naturfonds konnte der Mensch 
im Naturzustand die vier ökonomischen Urrechte (Note 16) 
ausüben, nämlich jagen, fischen, Früchte sammeln und sein 
Vieh auf die Weide treiben; in unserem Zustande, so folgert 
Considerant im Anschluss an Fourier, muss an die Stelle 
dieses Mitbenützungsrechtes ein Aequivalent : das Recht auf 

1836, S. 337 (Droit au travail); — Considerant in der ^Phalange" 
vom 1. November 1836, S. 379, 380; — Cantagrel, Du droit au travail 
et de son Organisation pratique in der „Phalange", revue de la science 
sociale Bd. 2, 1845, S. 261—291, Bd. 5, 1847, S. 152—180 u. A. 

-^ Vgl. Considerant, Theorie du droit de propriete et du droit 
au travail. 3. Aufl. Paris 1848 (zuerst als Aufsatz in der „Phalange" 
vom 1. Juni 1839, S. 584 ff. erschienen). Eine deutsche Bearbeitung 
dieser Schrift giebt Franz Stromeyer. Organisation der Arbeit, 1844, 
S. 75—104. 

" Considerant a. a. 0. S. 23 ff. 

■-* Considerant a. a. 0. S. 17 ff'. 



— 19 — 

Arbeit treten. ^^ Den Inhalt dieses Rechts bestimmt Conside- 
rant sehr unjm'istisch dahin, dass dem Proletarier, welcher 
dasselbe ausübt, als Entgelt für seine Arbeit wenigstens so viel 
Existenzmittel gewährt werden müssen, als er im Naturzustand 
sich bei Ausübung jener vier ökonomischen Urrechte hätte 
verschaffen können. '^^ '^ 

Die Broschüre Considerant's, ein Muster von Kürze 
und Klarheit, hatte einen grossen Erfolg; neben dem Schlag- 
wort: Organisation der Arbeit, welches Louis Blanc den 
Saint- Simonisten entlehnt und in seiner bekannten Schrift 
verbreitet hatte, wird man in den socialistischen Zeitschriften 
und Broschüren der vierziger Jahre kaum eine so häufig be- 
handelte Frage als das Recht auf Arbeit finden. Als daher 
das Pariser Proletariat nach der Februarrevolution für einen 
Augenblick der bestimmende Faktor wurde, erzwang es so- 
fort von der provisorischen Regierung die Proklamation vom 
25. Februar 1848, welche die Anerkennung des Rechts auf 
Arbeit aussprach und die später auch in die französische Ge- 
setzsammlung aufgenommen wurde. ^ '^ Der wesentliche Inhalt 
dieser Proklamation, welche unter dem unmittelbaren Druck 
erregter Volksmassen entstand "^^ und die deshalb sehr mangel- 
haft abgefasst ist, geht dahin, dass die provisorische Regie- 
rung der französischen Republik die Existenz des Arbeiters. 

'-'" Considei'ant a. a. 0. S. 15 ff. 

-^ Consiclerant a. a. 0. S. 24. La condition sine qua non pour 
la K'gitimite - de la propriete est donc qua la üociete reconnaisse au 
proletaire le droit au travail et qu'elle lui assure au moins autant de 
moyens de subsistance pour un exercice d'activite donne, que cet exercice 
ciU pH lui en procurer dans l'etat primitif. 

-' S. Carrey, Recueil complet des actes du gouvernemeiit pro- 
visoire Bd. 1, 1848, Nr. 19. Die Proklamation ist abgedruckt im Bulletin 
des lois vom 29. Februar 1848, Nr. 18. 

-^ Vgl. die Darstellung der Entstehungsgeschichte dieses Dekrets 
von dem Verfasser desselben: Louis Blanc, in seiner Histoire de la Re- 
volution de 184S, Bd. 1, eh. 7. 



- 20 — 

durch die Arbeit hiermit gewährleiste, und dass sie sich ver- 
pflichte, allen Bürgern Arbeit zu garantieren.-'' 

Um das Recht auf Arbeit praktisch durchzuführen , ver- 
fügte ein Dekret der provisorischen Regierung vom 26. Fe- 
bruar 1848 ^'^ die Errichtung von Nationalwerkstätten in Frank- 
reich, und diese Verfügung wurde mittelst des Dekrets vom 
27. April 1848^^ auch auf die französischen Kolonien aus- 
gedehnt; doch erfolgte die wirkliche Einführung der National- 
werkstätten nur in Paris und seiner Umgebung. ^^ Der Direktor 
der Pariser Nationalwerkstätten, Emil Thomas, welcher eine 
Geschichte dieser Institution geschrieben hat, erzählt selbst, 
dass die Errichtung der Nationalwerkstätten nicht ein ernst 
gemeinter Versuch war, dass ihm von der Regierung niemals 
genügende Arbeiten zur Beschäftigung der in den National- 
werkstätten aufgenommenen Arbeiter zugewiesen wurden und 

2" Der Text dieser berühmten Proklamation, durch welche zum 
ersten Male ein ökonomisches Grundrecht im Interesse des Proletariats 
anerkannt wurde, lautet folgendennassen: 

Proclamation par laquelle le Gouvernement provisoire s'engage 
ä founiir du travail ä tous les citoj^ens. 

Paris, 25 fevrier 1848. 
Republique fran9aise, 
Le Gouvernement provisoire de la Republique fran9aise 
S'engage ä garantir l'existence de l'ouvrier par le travail; 
II s'engage ä garantir du travail ä tous les citoyens; 
II reconnait que les ouvriers doivent s'associer entre eux pour jouir 
du benefice (legitime) de leur travail; 

Le gouvernement provisoire rend aux ouvriers auxquels ils appar- 
tient, le million qui va echoir de la liste civile. 

=*" Carrey Bd. 1, Nr. 30 (Bulletin des lois vom 29. Februar 
1848, Nr. 24). 

^1 Carrey Bd. 1, Nr. 290 (Bulletin des lois vom 4. Mai 1848, 
Nr. 305). 

^^ Arrete du ministre des travaux publics portant Organisation 
des ateliers nationaux ordonnes par le decret du 27 fevrier 1848 vom 
7. März 1848 Art. 1. (Carrey Bd. 2, Nr. 78.) 



— 21 — 

class die ganze Einrichtung in den Augen der Regierung nur 
den Zweck hatte, die socialistischen Theorien ad absurdum 
zu fuhren. ^'^ 

Das Detail der Einrichtung der National Werkstätten ge- 
hört nicht hierher. Nur so viel mag bemerkt werden, dass 
Thomas dieselben im Sinne der Saint-Simonistischen Doktrinen 
streng hierarchisch organisierte und dass sie deshalb mehr 
den Charakter einer Arbeiterarmee als von industriellen 
Etablissements hatten. ^^ Die Zulassung der Arbeiter er- 
folgte durch die Mairien der Arrondissements ohne nähere 
Untersuchung der Sachlage, Aveshalb auch die Zahl der in 
den Nationalwerkstätten aufgenommenen Arbeiter schon am 
19. Mai 1848 auf die enorme Zahl von 87,942 Personen 
stieg. ^-^ 

Die wichtigste Kontroverse, welche sich während der 
kurzen Zeit bis zur Abschaffung des Rechts auf Arbeit erhob, 
betraf die Frage, ob jeder Staatsbürger kraft dieses Rechts 
nur befugt sei, gewöhnliche Taglöhnerarbeit oder eine seiner 
Vorbildung entsprechende Beschäftigung zu verlangen. In den 
Nationalwerkstätten hatte die grosse Masse der Arbeiter, so- 
weit sie überhaupt beschäftigt wurde, ohne Rücksicht auf 
ihren früheren Beruf Erdarbeiten zu leisten. Doch errichtete 
Thomas auch einige fachliche Nationalwerkstätten (der Stell- 
macher , der Schuster und Schneider) , welche sehr zufrieden- 
stellende Resultate lieferten. ^"^ Dennoch war diese Ausdehnung 
des Rechtes auf Arbeit — und zwar nicht ohne Grund — eines 
der Hauptargumente, das die Gegner des Socialismus gegen 
die Anerkennung des Rechts auf Arbeit in der französischen 

^^ Emile Thomas, Histoire des ateliers nationaux. 184S, S. 142, 
144—145, 244. Vgl. unten §. 10 Note 5. 

'* Thomas a. a. 0. S. 35, 38 ff. 

^'' Thomas a. a. 0. S. 29, 378. — Arrete du ministre des travaux 
publics vom 7. März 1848, Art. 3. 

3" Thomas a. a. 0. S. 177, 234 ff. 



22 

Verfassung vorbrachten. ^ ^ Denn wenn der Staat verpflichtet 
ist, jeden Arbeiter, der bei keinem Privatunternehmer Arbeit 
findet, in seinem Berufe zu beschäftigen,^'* so muss die 
Avirtschaftliche Thätigkeit des Staates so ungeheure Dimen- 
sionen annehmen , dass daneben unsere heutige Privatrechts- 
ordnung auf die Dauer nicht bestehen kann.^-' Will man 
daher den heutigen Gesellschaftszustand nicht durch den rein 
socialistischen Staat, das Recht auf Arbeit nicht durch das 
Recht auf Existenz ersetzen, so kann man in dem Recht auf 
Arbeit — der eben gegebenen Begriffsl)estimmung gemäss — 
nur einen Anspruch auf Gewährung der gewöhnlichen Tag- 
löhnerarbeit gegen Bezahlung des ül)lichen Taglohns er- 
blicken.*" 

Eine zweite Frage, die sich bei der praktischen Durch- 
führung des Rechts auf Arbeit erhob und die in einer socia- 
listischen Gesellschaftsordnung von grösster Wichtigkeit wäre, 
betraf das Subjekt, welches zur Erfüllung der aus jenem 
Rechte sich ergebenden Verbindlichkeiten verpflichtet ist. 

ä' Vgl. die Rede von Bartlie bei Girardin Bd. 2, S. 136 iF.; 
von Dufaure, ebenda, S. 321 ff. u. a. 

^^ So fasst auch Pi-oudhon in seiner Broschüre: Le di-oit au 
travail et le droit de propriete, ^&s Recht auf Arbeit auf: Le droit au 
travail est le droit qu'a chaque citoyen, de quelque metier ou profe.ssion 
qu'il soit, cVetre occupe dans soti industrie, moyennant un salaire fixe 
non pas arbitrairement et au hasard, mais d'apres le cours actuel et 
normal des salaires. Vgl. Proudhon, Le droit au travail et le droit 
de propriete, 1850, S. 13, in den Oeuvres Bd. 7, S. 198. Die ganze 
Broschüre ist gegen das Recht auf Arbeit in dieser Bedeutung gerichtet. 

^^ Vgl. Leon Faucher bei Joseph Garnier, Le droit au travail 
ä l'assemblee nationale, 1848, S. 350. 

""^ Ebenso Thiers bei Girardin a. a. 0. Bd. 2, S. 233, und in 
seiner Schrift : De la propriete, 1848, S. 322 ff. Dagegen Louis Blanc, 
Le socialisme. Droit au travail, 1848, S. 80, 81, der — von seinem 
Standpunkt (unten §. 10) konsequent — das Berufsatelier und das Recht 
auf Gewährung von Berufsarbeit verteidigt. Vgl. auch die Definition 
Proudhon's in Note 38. 



— 23 — 

Trifft diese Verpflichtung den Staat, das Departement, die 
Gemeinde? ^^ Die Fonds zur Erhaltung der Nationalwerk- 
stätten wurden allerdings, wenigstens zum überwiegenden 
Teile, vom Staate geliefert.''^ Dessenungeachtet scheinen sich 
die Urheber der Institution dieselbe als eine Gemeindeeinrich- 
tung gedacht zu haben , weil zu den Pariser Nationalwerk- 
stätten immer nur diejenigen Arbeiter zugelassen Avurden, 
welche in Paris ihren ordentlichen Wohnsitz hatten. Ursprüng- 
lich genügte der Wohnsitz ohne Rücksicht auf seine Dauer; ^^ 
später, als die Auflösung der Nationalwerkstätten bereits be- 
schlossen war (21. Juni 1848), wurde ein Domizil von sechs 
Monaten verlangt. Mit dieser Auffassung der Nationalwerk- 
stätten als einer Gemeindeinstitution stand es andrerseits im 
Widerspruch, dass die Regierung in dem am 21. Juni 1848 
im Moniteur erschienenen Dekret sich vorbehielt , die Pariser 
Arbeiter zu Erdbewegungen in den Departements zu verwen- 
den.^"^ In der That gab auch vorzüglich diese Bestimmung 
das Signal zu der furchtbaren Junischlacht (23. — 26. Juni 1848), 
welche mit der völligen Niederlage des Socialismus endete. 

Die Niederwerfung der socialistischen Parteien in der 
Junischlacht wirkte natürlich auch auf die Geltung des Rechts 
auf Arbeit zurück. Unmittelljar vor der Jimischlacht (am 
20. Juni 1848) legte Marrast dem Ausschuss der National- 
versammlung, welcher mit der Vorberatung der Verfassung 

^' Vgl. über diesen Punkt die Rede Dufaure's bei Girardin 
a. a. 0. Bd. 2, S. 819. 

*2 Vgl. Thomas a. a. 0. S. 146; Dekret der provisorischen Re- 
gierung vom 24. März 1848 (Bulletin des lois vom 1. Aprü 1848, Nr. 188), 
durch v^felches von den Auslagen, welche die Nationalwerkstätten in 
Belleville verursachten, ein Drittel auf die Staatskasse, ein Drittel auf 
das Budget der Stadt Paris und nur das letzte Drittel auf jenes von 
Belleville übernommen wurde. 

^' Dekret vom 7. März 1848 (oben Note 32) Art. 2 u. S. 

"'' Thomas a. a. 0. S. 271, 343. 



— 24 — 

beauftragt war, einen Entwurf vor,^-'' in welchem das Recht 
auf Arbeit und Unterstützung unter dieselben verfassungs- 
mässigen Garantien gestellt wurde wie das Eigentum, und in 
dem sich auch schon einige Detailbestimmungen über die prak- 
tische Durchführung jenes Rechts fanden.'^'' In Folge des 
Ausganges der Junischlacht wurde am 29. August 1848 ein 
neuer Verfassungsentwurf vorgelegt, in welchem nicht mehr 
das Recht auf Arbeit, sondern nur jenes auf Unterstützung ""^ '' 
anerkannt war. Mathieu stellte deshalb zu dem Entwürfe 
ein Amendement, in welchem das Recht aller Staatsbürger auf 
Unterricht, auf Arbeit und auf Unterstützung ausdrücklich 
gewährleistet wurde. "^^ Dieses Amendement wurde gegen den 
Schluss der Diskussion durch einen Antrag Glais-Bizoin's 

*'" Der Entwurf ist in den Pariser Journalen vom 21. Juni 1848 
(z. B. in Proudhon's Representant du Peuple, Nr. 81) und in den ent- 
scheidenden Stellen bei Garnier a. a. 0. S. 2 abgedruckt. 

^^ Vgl. Art. 2 des Entwurfes: La Constitution garantit ä tous las 
citoyens : La liberte, l'egalite, la süi-ete, l' Instruction, le travail, la 
j}rf>priefe, l'assistancc ; — Art. 7. Le droit au travail est celui qu'a 
tout liomme de vivre en travaillant. — La societe doit par les moyens 
productifs et generaux dont eile dispose, et qui seront organises 
ulterieurement, fournir du travail aiix honnne-^ rulides qui ne peuvent 
pas s'eii 2fi'ocurer autrement; — Art. 132. Les garanties essentielles du 
droit au travail sont: la liberte meme du travail, l'association volontaire, 
l'egalite des rapports entre le patron et Touvrier, l'enseignement gratuit, 
l'education professionelle, les institutions de prevoyance et de credit, et 
V Etablissement par l'Eiat de r/rands travaiix d'uiilit<' publique, destines ä 
enijjloi/er, en cas de chömage, les hras inoccupes. 

*' Art 8 (bei Girardin Bd. 2, S. 1): La Republique doit Vassistance 
aux citotjeiis necessiteux, soit en leur procurant du travail dans les 
limites de ses ressources, soit en donnant, ä defaut de famille, les 
moyens d'exister ä ceux qui sont hors d'etat de travailler. 

•"^ La Republique reconnait le droit de tous les citoyens a l'in- 
struction, au tracail et ä l'assistance (Girardin a. a. 0. Bd. 2, S. 2). An 
die Stelle dieses Antrages trat im Lauf der Discussion (s. den Text) das 
Amendement Glais ßizoin's, welches die Worte au travail durch le droit 
ä Fexistence par le travail ersetzte. 



— 25 — 

jedoch nur unwesentlich modifiziert. Die Debatten , welche 
über diese Anträge geführt Avurden, bilden in Verbindung mit 
den Schriften Fourier's und seiner Schule die Hauptquelle für 
di6 Konstruktion des Rechts auf Arbeit. Bei der Abstimmung 
wurde das Amendement Grlais-Bizoin's mit 596 gegen 187 
Stimmen abgelehnt"*^ und die Nationalversammlung beharrte 
bei diesem Votum, als Felix Pyat am 2. November 1848 
bei der zweiten Lesung des Verfassungsentwurfes neuerlich 
ein ähnliches Amendement einbrachte. ^° Seither ist der fran- 
zösische Socialismus auf das Recht auf Arbeit nicht mehr 
zurückgekommen . 

Auch in der Frankfurter Nationalversammlung tauchte bei 
der Beratung einer Verfassung für das deutsche Volk das Recht 
auf Arbeit auf. Bei der zweiten Beratung der Grundrechte des 
deutschen Volkes, welche (Art. VIII, §. 30) ^ ^ in dei üblichen 
Weise die Unverletzlichkeit des Eigentums proklamieren, stell- 
ten Nauwerk^^ und Ludwig Simon ''^ Verbesserungsanträge, 
welche die Anerkennung des Rechtes auf Arbeit bezweckten. 

'^ Vgl. C4arnier a. a. 0. S. 439. 

^ö Garnier a. a. 0. S. 429. 

*' Vgl. die Verhandlungen der deutschen Nationalversammlung zu 
Frankfurt a. M. (1848/1849) Bd. 2, S. 678. 

^^ Zusatzantrag Nauwerk zu §.30 der Grundi-echte (Verhandlungen 
der Frankfurter Nationalversammlung ßd. 6, S. 210; vgl. auch ebenda 
Bd. 5, S. 178): „Jeder Deutsche hat ein Recht auf Unterhalt. — Dem 
„unfreiwillig Arbeitslosen, welchem keine verwandtschaftliche oder ge- 
„nossenschaftliche Hilfe wird, muss die Gemeinde, beziehentlich der 
„Staat Unterhalt gewähren und zwar, soweit irgend möglich, durch 
„Anweisung von Arbeit." S. auch das Protokoll der 160. Sitzung vom 
8. Februar 1849 (Verhandlungen Bd. 1, S. 706). 

■'^ In der Sitzung der Nationalversammlung vom 8. Februar 1849 
(Verhandlungen Bd. 1, S. 705) stellte Ludwig Simon den Verbesserungs- 
antrag: ... „3) Die Vorsorge für mittellose Arbeitsunfähige ist Pflicht 
„der Gemeinden, beziehungsweise des Staates. 4) Den unfreiwillig 
„Arbeitslosen muss die Gemeinde, beziehentlich der Staat, Arbeit ge- 
„ währen." 



— 2(3 — 

Doch wurden dieselben in der Sitzung der Nationalversamm- 
lung vom 9. Februar 1849 mit 317 gegen 114 Stimmen ab- 
gelehnt, ohne dass eine eingehende Debatte über das Recht 
auf Arbeit stattfand, und zwar in der Erwägung, dass die 
Vorsorge für arbeitsunfähige Arme einen Gegenstand der 
Heimats-, Gemeinde- und Armengesetzgebung bildet. ^^ Seither 
blieb auch in Deutschland die ganze Frage verschollen; nur 
Mario hat ungefähr um dieselbe Zeit (1850), wie weiter unten 
(§. 2) gezeigt werden wird, das Recht auf Arbeit vertreten. 
Erst in der neuesten Zeit wird wieder von einigen deutschen 
Schriftstellern, darunter S top el, "^^ Hitze ^'^ und Hahn,-" ein 
Recht der Staatsbürger auf Arbeit anerkannt. Doch mangelt 
diesen Schriftstellern, selbst Stöpel nicht ausgenommen, jeder 
Einblick in den Zusammenhang und in die geschichtliche Ent- 
wickelung der socialistischen Ideen, zu Avelchen doch auch das 
Recht auf Arbeit gehört, und sie sind deshalb nicht im Stande, 
einen klaren Begriff dieses Rechtes zu gewinnen. 

Nachdem ich in dem Vorstehenden den Begriff der drei 
socialistischen Grundrechte bestimmt habe, soll nunmehr die 
allmähliche geschichtliche Entwickelung der Ideen über das 
Recht auf den vollen Arbeitsertrag in den socialistischen Sy- 



^■' Vgl. die Yerliancllungen der Nationalversammlung Bd. 1, S. 710, 
und den Aufsatz ,Die Arbeiterfrage im Frankfurter Parlament" in der 
„Neuen Zeit" Bd. 1, 1883, S. 38-46. 

^5 Franz Stöpel, Die freie Gesellschaft, 1881, S. 263—299, und: 
Sociale Reform, 3. Heft, 1884, Das Recht auf Arbeit, S. 6, 7, 13, 25 ff. 
(die beste deutsche Schrift über das Recht auf Arbeit). 

'"^ Franz Hitze, Kapital und Arbeit und die Reorganisation der 
Gesellschaft, 1881, S. 145—196, und dazu v. Hertling, Reden und Auf- 
sätze, 1881, S. 30 ff. 

^^ Otto Hahn, Das Recht auf Arbeit, 1885 (ein verworrenes, ganz 
wertloses Buch). Ebenso wertlos ist Hau n. Das Recht auf Arbeit, 1889, 
eine Schrift, deren geschichtliche Angaben — die Citate nicht ausgenom- 
men — zum grossen Teil aus dem vorliegenden Buch ohne Quellenangabe 
abgeschrieben sind. 



steinen seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts dargestellt 
werden. Nur diese stehen mit der socialen Bewegung der 
Gegenwart in einem ununterbrochenen historischen Zusammen- 
häng, und ich habe deshalb den Socialismus der älteren Zeit, 
namentlich die so reichhaltige Utopien-Litteratur , von dieser 
Darstellung absichtlich ausgeschlossen. Ebenso konnten auch 
aus der hier behandelten ZeitiDeriode nur jene socialistischen 
Systeme Raum finden , deren Mittelpunkt das Recht auf den 
vollen Arbeitsertrag bildet, während diejenigen Schriftsteller, 
welche vorherrschend das Recht auf Existenz verwirklichen 
wollen, in einer späteren Schrift behandelt werden sollen. 
Freilich war es nicht leicht, diese Scheidung zu vollziehen, 
da die meisten socialistischen Systeme zwischen jenen l)eiden 
fundamentalen Principien eine Vermittlung versuchen, und so 
kann ich kaum dem Tadel entgehen, dass ich diese oder jene 
Erscheinung willkürlich einer der beiden Gruppen zugewiesen 
halje. Namentlich wird in dieser Richtung die Darstellung 
der deutschen Rechtsphilosophie (§. 2) Anfechtung erfahren, 
da diese, soweit sie überhaupt socialistische Ideen vertritt, 
mehr zu der Anerkennung des Rechts auf Existenz hinneigt. 
Dennoch hielt ich die Aufnahme dieses Abschnittes für un- 
erlässlich, weil es von Interesse ist, die Stellung der deutschen 
Philosophie zu dem Problem der ökonomischen Grundrechte 
zu kennzeichnen. 

Gar Mancher könnte sich darüber wundern, dass ich eine 
Scheidung der socialistischen Systeme nach jenem Gesichts- 
punkt überhaupt für notwendig halte, da diese doch ins- 
gesamt nur einen wesentlichen Zweck, nämlich die Hebung 
der arbeitenden Klassen, anstreben. Aber man darf nicht 
vergessen, dass zur Erreichung dieses Zweckes in dem einen 
und dem anderen Falle völlig verschiedene Triebfedern der 
menschlichen Natur in Bewegung gesetzt werden. Jedes so- 
cialistische System, dessen Mittelpunkt das Recht auf den 
vollen Arbeitsertrag bildet, beruht auf dem menschlichen 



Egoismus, und zwar in einem höheren Grad, als die gegen- 
wärtige Rechtsordnung ; denn dort arbeitet Jeder nur für sich 
selbst, hier aber teils für sich, teils für das arbeitslose Ein- 
kommen. Dagegen muss jedes sociale System, dessen letztes 
Ziel die Anerkennung des Kechtes auf Existenz bildet, auf 
dem Gefühl der Nächstenliebe und der Brüderlichkeit beruhen. 
Obgleich also die socialen Systeme der einen und der anderen 
Gattung zu dem Socialismus in seiner herkömmlichen Bedeu- 
tung gerechnet werden, so besteht doch zwischen denselben 
in ihrem ganzen Wesen ein schroffer Gegensatz, welcher auch 
eine sorgfältige Trennung in der Darstellung rechtfertigt. 



§. 2. Die deutsche Rechtsphilosophie. 

Die moderne Rechtsphilosophie unterscheidet zwischen an- 
geborenen oder natürlichen und erworbenen Rechten. .Jene 
stehen jedem Menschen kraft seines Daseins zu, während diese 
durch Vertrag, Erbschaft oder andere juristische Thatsachen 
für jeden Einzelnen besonders begründet werden müssen. Das 
Recht auf den vollen Arbeitsertrag (und ebenso das Recht auf 
Existenz) könnte selbstverständlich nur unter der ersten Gruppe 
von Rechten gesucht werden. 

Hat nun die rechtsphilosophische Doktrin ein angeborenes 
Recht jedes Einzelnen auf den vollen Arbeitsertrag oder auf 
die Existenz anerkannt? Diese Frage ist, wenigstens was die 
weit überwiegende Anzahl der rechtsiDhilosophischen Theoretiker 
anbetrifft, gewiss zu verneinen. Die herrschende Ansicht der 
rechtsphilosophischen Doktrin geht nämlich dahin, dass jedem 
Menschen ein ursprüngliches Recht, das sogen. Urrecht eigen 
ist, welches unmittelbar auf der menschlichen Natur beruht 
und deren ursprünglichste Bedürfnisse zu befriedigen bestimmt 
ist. Was freilich der nähere Inhalt dieses Urrechts ist, dar- 
über besteht vielfacher Streit. Stahl bezeichnet als solchen 
das was zur Existenz der Person gehört: Integrität (Schutz 
für Leib und Leben) , Freiheit, Ehre, Rechtsfähigkeit, Schutz 
in den erworbenen Rechten. ^ Manche fügen zu diesen Ele- 

1 Stahl, Die Phüosophie des Rechts, Bd. 2, 3. Aufl., 1854, S. 312. 
Ahi-ens, Naturrecht, Bd. 1, §.47, Bd. 2, §. 56 ff. u. a. Gegen die 
Lehre von den angeborenen Rechten: Lassen, System der Rechts- 
philosophie, 1882, S. 258. 



menten des Urrechts noch die Gleiclilieit hinzu , ^ während 
andere wieder einzehie Bestandteile, z. B. das Recht auf Ehre 
verwerfen.^ Ich kann diese Streitigkeiten, die mit dem Gegen- 
stand der vorliegenden Schrift in keinem Zusammenhang stehen, 
hier füglich übergehen. 



- Vgl. z. B. die Declaration des droits de l'liomme et du citoyen 
der konstituierenden Nationalversammlung vom 20. August bis 3. No- 
vember 1789. Art. 1. Les bommes naissent et demeurent libres et 
eyaux eii droits . . .; — Art. 2. Le but de toute association politique 
est la conservation des droits naturels et imjvescriptihles de l'homme. 
Ces di-oits sont la liberte, la propriite, la sürete et la resistance ä 
l'oppression. Die Erklärung der Menscbenrecbte statuiert also einesteils 
die Gleicbheit der Menseben in Beziebung auf ihre Recbte und erklärt 
andrerseits das Eigentum, die wicbtigste Quelle aller üngleichbeit , für 
ein natürliches und unverjährbares Recht. Da auch in vielen der 
folgenden Verfassungen, die Konstitution vom 24. Juni 179.3 (Art. 1 — 3) 
nicht ausgenommen, derselbe Widerspruch vorkommt, so bildete sich in 
der neueren Staatslehre der absurde Begriff der „Gleichheit vor dem 
Gesetz" heraus (Art. 3 cit.), worunter die Gleichheit in den minder 
wichtigen Rechtsgebieten (Civilprozess, Strafrecht und Strafprozess u. s. w.), 
dagegen Ungleichheit in Beziebung auf das wichtigste Rechtsgebiet 
(das Vermögensrecht) zu verstehen ist. Robespierre wollte bei Beratung 
der Verfassung vom Jahre 1793 der Gleichheit vor dem Gesetz auch 
einen vermögensrechtlichen Inhalt geben, doch blieben seine Bemühungen 
ohne Erfolg. (Vgl. die Rede Robespierre's in der Sitzung des Konvents 
vom 24. April 1793 und seinen Entwurf einer Erklärung der Menschen- 
rechte in den Oeuvres de Robespierre, herausgegeben von Vermorel, 
1866, S. 268—274, ferner Saint-Just, Fragments sur les institutions 
republicaines S. 34, 58, 70, 71 der Originalausgabe.) Einen ganz socia- 
listischen Charakter hat der Entwurf der Erklärung der Menschenrechte, 
welchen der Kommunist Fran9ois Boissel (gest. um 1807) in der Sitzung 
des Jakobinerklubs vom 22. April 1793 vorlegte, doch wurde dieser selbst 
von den Jakobinern abgelehnt. Vgl. Buchez, Histoire parlementaire, 
Bd. 26, S. 107, und über das Leben und die Lehre von Boissel den 
Aufsatz von Grünberg in der Zeitschrift für die gesamte Staatswissen- 
schaft, 1891, S. 207—2.52. 

' Vgl. z. B. Anton Bauer, Lehrbuch vom Naturrecht, 3. Aufl., 
182.5, §. 86—88, und die daselbst angeführte Litteratur. 



— 31 — 

Denn schon aus dieser kurzen Darstellung ergiebt sich, 
dass die Lehre von den angeborenen Rechten in überwiegendem 
Masse vom Standpunkt der besitzenden Klassen ausgebildet 
worden ist. Dies zeigt sich namentlich darin, dass die rechts- 
philosophische Doktrin ein Urrecht jedes Einzelnen auf die 
Mitbenützung der äusseren Natur nicht anerkennt, oder mit 
anderen Worten, dass das Urrecht nach der herrschenden Auf- 
fassung gar keinen ökonomischen Inhalt besitzt. Insbesondere 
wird auch von der modernen Rechtsphilosophie weder das 
Recht auf den vollen Arbeitsertrag noch auch jenes auf die 
Existenz anerkannt. 

Dass daraus manche augenscheinliche Widersprüche ent- 
stehen müssen, liegt auf der Hand. In dem Urrecht ist nach 
der herrschenden Doktrin ein Anspruch auf Schutz für Leib 
und Leben , aber nicht auf die äusseren Existenzbedingungen 
des menschlichen Lebens enthalten, obgleich dieses ohne Nah- 
rung, Wohnung und Kleidung auf die Dauer nicht erhalten 
werden kann. Das Urrecht im Sinne unserer Rechtsphilo- 
sophie schützt so künsthche Interessen wie die Ehre und die 
Denkfreiheit, dagegen gewährleistet es dem Einzelnen nicht 
die Erreichung des wichtigsten aller individuellen Zwecke : 
die Führung eines menschenwürdigen Daseins. Kurz, so aprio- 
ristisch die Lehre vom Urrecht auf den ersten Blick erscheinen 
mag, so enthält sie im Wesentlichen doch nichts als die An- 
forderungen, welche die gebildeten Mittelstände unserer Zeit 
an die Rechtsordnung stellen. 

Statt ein angeborenes Recht aller Menschen auf die Mit- 
benützung der äusseren Natur, auf den Mitgenuss der mate- 
riellen Existenzbedingungen anzuerkennen, statuiert die herr- 
schende Doktrin nur die abstrakte Fähigkeit der Menschen 
zum Erwerbe von Rechten überhaupt, von Vermögensrechten 
insbesondere (die Rechtsfähigkeit, das Zueignungsrecht). Jeder 
Einzelne muss also, um auch nur die zur Fristung seiner 
Existenz erforderlichen Sachen zu erlangen, diese erst durch 



— 32 — 

Vertrag, Erbschaft oder durch irgend eine andere juristische 
Thatsache erwerben. Da nun die Gründe des Eigentumserwerbs 
in den positiven Rechtssystemen wie in der rechtsphilosophi- 
schen Doktrin so geartet sind, dass sie in Beziehung auf die 
Hauptmasse der Vermögensobjekte immer nur zu Gunsten 
eines kleinen Teils der Staatsbürger eintreten können, so er- 
scheint durch jene Beschränkung der angeborenen Rechte auf 
die blosse Rechtsfähigkeit der schroffe Gegensatz zwischen 
Reichtum und Armut mit allen seinen Konsequenzen gerecht- 
fertigt. 

Abstrakte Fähigkeit zur Erwerbung von Vermögensrechten 
und konkretes Recht auf die Mitbenützung der äusseren Natur 
— in den Falten dieses Gegensatzes verbirgt sich die ganze 
sociale Frage. Man kann der rechtsphilosophischen Doktrin 
den Vorwurf nicht ersparen, dass sie, die nicht wie die Wissen- 
schaft des positiven Rechts durch die historische Ueberliefe- 
rung auf Schritt und Tritt gehemmt ist, sich gerade in dieser 
wichtigsten Frage darauf beschränkt hat, den geltenden Rechts- 
zustand einfach zu registrieren. Unsere modernen Rechts- 
philosophen gehen nicht mehr so weit wie Christian von 
Wolff, der geschmacklos genug war, in seinem Naturrecht 
das Lehen- und das Wechselrecht darzustellen und in mathe- 
matischer Form zu demonstrieren; aber wer kann in Abrede 
stellen, dass sie in den Fundamentalfragen den berühmten 
Ausspruch Hegel's: „Was vernünftig ist, das ist wirkhch, und 
was wirklich ist, das ist vernünftig", ^^ wegen dessen dieser 
Philosoph so viele ungerechte Anfechtungen erfahren hat,^ 
sich mit grosser Vorsicht vor den Augen halten? 

Einzelneu rechtsphilosophischen Schriftstellern ist aller- 
dings der innere Widerspruch, der in der ganzen Auffassung 
liegt, nicht entgangen. Nach der Zeitfolge ist hier vor allem 

•■'a Hegel, Grundlinien der Philosophie des Rechtes, .3. Aufl., 
1854, S. 17. 

* Vgl. a. a. 0. die Vorrede von Gans S. IX fif. 



— 33 — 

der berühmte Jurist Hugo hervorzuheben, welcher in seinem 
Lehrbuch des Naturrechts das Privateigentum als eine un- 
gerechte und verderbliche Einrichtung heftig angreift. ^ In 
dieser Polemik, ferner in seiner Verteidigung der Sklaverei,'' 
kommen schon manche Schlagworte der späteren socialistischen 
Litteratur zur Anwendung. Doch ist der Standpunkt Hugo's 
ein wesentlich negativer, er gelangt nicht zur Klarheit über 
die Frage, welche Rechtsgrundsätze an die Stelle des von ihm 
bekämpften Privateigentums treten sollen. 

Viel weiter als Hugo geht Fichte in seinem geschlossenen 
Handelsstaat (a, d. J. 1800), ^ zu welchem das Regierungs- 
system der französischen Republik während der terroristischen 
Periode (1792 — 1794) mit den Assignaten und dem Maxi- 
mum, dann vielleicht auch die Pläne der Babeuf'schen Ver- 
schwörung (179(3) die Grundzüge geliefert haben. Fichte ist 
nicht Kollektivist, vielmehr soll das Privateigentum und die 
Indivi dual Wirtschaft auch in seinem Vernunftstaat fortbestehen.* 
Im übrigen ist er für das energischeste Eingreifen des Staates 
in die ökonomische Ordnung und man kann deshalb sein Staats- 
ideal zwar nicht als einen kommunistischen oder socialistischen 
Staat, wohl aber als ökonomischen Zwangs- und Polizeistaat 
bezeichnen. 

Als Zweck des Staates sieht Fichte nicht bloss den 
Schutz der bereits vorhandenen Rechte an, sondern der Staat 
hat die nach seiner Ansicht viel wichtigere Bestimmung, 
„jedem erst das seinige zu geben, ihn in sein Eigentum ein- 
zusetzen und sodann erst ihn dabei zu schützen".^ Die Frage 

^ Hugo, Lehrbuch des Naturrechts als einer Philosophie des 
positiven Rechts (2. Bd. des Lehrbuchs eines civilistischen Kursus), 2. Aufl., 
1799, §§. 209-218. 

« Hugo a. a. 0. §§. 141—140. 

' Abgedruckt in Johann Gottlieb Fiehte's sämtlichen Werken 
Bd. 3, 1845, S. 387—513. 

"^ Fichte a. a. 0. S. 400, 407, 446, 497, 506. Vgl. auch S. 442. 

^ Fichte a. a. 0. S. 399, 420, 445, 453. 
Meng er, Arbeitsertrag. 2. Aufl. 3 



— 34 — 

aber, was jedem im Vernuuftstaat zukomme, was das „Seinige" 
sei, beantwortet Fichte durch eine unumwundene Anerken- 
nung des Rechts auf Existenz. „Der Z^veck aller menschlichen 
Thätigkeit ist der, leben zu können; und auf diese Möglichkeit 
zu leben haben alle, die von der Natur in das Leben gestellt 
wurden, den gleichen Rechtsanspruch. Die Teilung muss daher 
zuvörderst so gemacht werden, dass alle dabei bestehen können. 
Leben und leben lassen!" ^" Ja Fichte geht sogar so weit, 
eine völHg gleiche Teilung der jeweilig produzierten Genuss- 
mittel unter die Mitglieder des geschlossenen Handelsstaates als 
die allein vernunftgemässe Lösung des Problems zu empfehlen. ^ ^ 
Die praktischen Vorschläge, welche Fichte im weiteren 
Verlaufe seiner Darstellung macht, sind freihch nicht geeignet, 
diese radikalkommunistischen Grrundsätze auch nur annähernd 
zu verwh-klichen. Im Wesentlichen gehen diese Vorschläge 
darauf hinaus, dass die Staatsgewalt zum Betrieb von Lidustrie 
und Handel nur soviel Personen zulässt, als die vorhandenen 
Ackerbauer ernähren können, ^- dass aber andrerseits die 
Ackerbauer, die Lidustriellen und Handelsleute ein ausschliess- 
liches Recht auf den Betrieb ihres Berufszweiges haben sollen. ^^ 
Ueberdies hätte die Staatsgewalt die Preise aller Dinge zu 
bestimmen und zwar wären diese in dem unentbehrlichsten 
Lebensmittel (Roggen, Weizen) auszudrücken. ^^ Ich über- 
gehe die ziemhch krausen und unpraktischen Vorschläge, wie 
dieser Wertmesser bei der Preisbestimmung aller Dinge in 
Anwendung zu bringen ist^^ und bemerke nur, dass der Staat 

"'Fichte a. a. 0. S. 402. Vgl. auch Fichte, Grundlage des 
Naturrechts nach Frincipien der Wissenschaftslehre, 1796, §. 18. Sämmt- 
liche Werke Bd. 3, S. 210 ff. 

11 Fichte a. a. 0. S. 402, 403. 

12 Fichte a. a. 0. S. 408—409. 

13 Fichte a. a. 0. S. 446-447, 406—407. 
1" Fichte a. a. 0. S. 416. 

15 Vgl. Fichte a. a. 0. S. 416 ff. 



mit Zugrundelegung jenes Wertmessers ein Landesgeld mit 
Zwangskurs zu emittieren , ^ " das Metallgeld zu beseitigen ' "^ 
und den auswärtigen Handel seiner Kontrolle und Genehmigung 
zu unterwerfen hat. ^"'' 

Man kann ohne Uebertreibung sagen, dass in diesen Vor- 
schlägen Fichte's die widerstrebendsten Elemente vereinigt 
werden, nämlich einerseits die Bestimmung des Berufes aller 
Staatsbürger, dann der Preise aller Dinge durch die Staats- 
gewalt und andrerseits die Fortdauer der Individualwirtschaft 
mid des Privateigentums. Dass eine solche Vereinigung prak- 
tisch undurchführbar ist, wird unten (§. 8) bei der Darstellung 
der Vorschläge von Rodbertus gezeigt werden. Hier will 
ich nur hervorheben, dass die Einreihung der Staatsbürger in 
Berufsklassen mit einem bestimmten ausschliesslichen Wirkungs- 
kreise und die staatliche Feststellung der Preise noch lange 
nicht genügt, um den Mitgliedern auch nur das Existenzminimum 
zu sichern. Denn da das Grund- und Kapitaleigentum fort- 
bestehen soll, so würden sich innerhalb der geschlossenen Be- 
rufszAveige, gerade so wie jetzt, die Besitzenden und die be- 
sitzlosen Proletarier gegenüberstehen. 

Schliesslich wäre hier noch etwa Mario zu erwähnen, 
dessen Hauptschrift ^^ zwar vorherrschend einen volkswirt- 

•ß Fichte a. a. 0. S. 431 ff., 454 tf., 485 fi'., 509. Auch Ludwig- 
Gall, der erste deutsche Socialist, hat in seiner Schrift: „Was könnte 
helfen? Immerwährende Getreidelagerung, um jeder Not des Mangels 
und des Ueberflusses auf immer zu begegnen, und Kreditscheine, durch 
die Getreidevorräte verbürgt, um der Alleinherrschaft des Geldes ein 
Ende zu machen", 1825, S. 103 ff., 131 ff., ein Getreidegeld, jedoch ohne 
Zwangskurs vorgeschlagen, welches etwa unseren heutigen Lagerscheinen 
gleich käme. Vgl. auch A. Smith, Wealth of Nations, Bd. 1, eh. 5. 

" Fichte a. a. 0. S. 485. 

i'' Fichte a. a. 0. S. 497. 

1^ Karl Mario (Pseudonym für Karl Georg Winkelblecb), 
Untersuchungen über die Organisation der Arbeit oder System der 
Weltökonomie, 3 Bde., 1850—1857. Ich citiere nach der zweiten, ver- 



- 36 - 

schaftlichen Inhalt hat, aber doch auch zugleich umfassende 
rechtsphilosophische Ausführungen enthält und jedenfalls nicht 
zu der eigentlich socialistischen Litteratur (§. 3 — 12) ge- 
rechnet werden kann. Auch bei Mario ist der Mangel wahr- 
zunehmen, dass die von ihm gemachten Vorschläge in keinem 
richtigen Verhältnis zu seinen sehr radikalen Principien stehen. 

Mario erkennt unumwunden an, dass das Urrecht auch 
einen Anspruch auf Mitbenützung der äusseren Natur in sich 
begreift, „Jeder Mensch hat ein angeborenes und unveräusser- 
liches Recht auf die seiner Arbeitskraft entsprechende Quote 
der Naturkraft und kann über die mit deren Hilfe erzeugten 
Produkte nach Belieben verfügen." ^" Von den beiden mög- 
lichen Formen, welche das angeborene Recht auf Mitbenützung 
der äusseren Natur annehmen kann: dem Recht auf den vollen 
Arbeitsertrag und dem Recht auf Existenz, scheint er dem 
Ersteren den Vorzug zu geben. - ^ Ausserdem aber statuiert 
Mario als Ergänzung des Rechts auf den vollen Arbeitsertrag 
noch ein besonderes Recht auf Arbeit; die Gesellschaft soll 
nämlich sämmtliche bei der Privatindustrie keine Beschäftigung 
findenden Personen mit der bei den öffentlichen Unterneh- 
mungen (Wasser-, Strassen-, Eisenbahnbau u. s. w.) vorkom- 
menden unqualifizierten Arbeit beschäftigen und ihnen für die 
einer durchschnittlichen Arbeitskraft entsprechenden Leistungen 
einen zur Befriedigung aller notwendigen Bedürfnisse aus- 
reichenden Lohn geben. -- 

Während Mario, wie sich aus dieser Darstellung er- 
giebt, ebenso radicale Principien vertritt wie die fortge- 

vollständigten Auflage, welche 1885 — 1886 in vier Bänden erschienen 
ist. Vgl. auch die ausführliche Darstellung der Ansichten Marlo's bei 
Schäffle, Kapitalismus und Socialismus (1870), zehnter Vortrag. 

-» Mario a. a. 0. Bd. 1, S. 307. Vgl. auch S. 313, 330. 

" Mario a. a. 0. Bd. 1, S. 302, 309, 314, Note 2; Bd. 2, S. 314. 
Vgl. jedoch auch Bd. 3, S. 775. 

2- Mario a. a. 0. Bd. 1. S. 321; Bd. 3, S. 766, 755. 



— 37 — 

.schriftensteii Socialisten, wetteifert er in Beziehung auf die 
Schwäche und Halbheit seiner praktischen Vorschläge mit den 
von ihm so gehassten und geringgeschätzten liberalen Staats- 
männern. Nach Marlo's Absicht sollen in seinem Staatsideal 
das vererbliche Eigentum , die Individualwirtschaft und die 
freie Konkurrenz fortbestehen.-^ Alle Zweige des Privat- 
erwerbs werden ausschliesslich von Zünften betrieben , in 
welche jedoch jeder Staatsbürger (unter Umständen nach Ab- 
legung einer Prüfung) eintreten kann.-^ Die Geschäfte dürfen 
aber einen gewissen Umfang nicht übersteigen, der bei der 
landwirtschaftlichen Zunft nach der Bodenfläche, bei den übrigen 
nach der Zahl der in einem Geschäft zusammenwirkenden 
Personen bestimmt wird.^"* Zur Unterstützung dieser Erwerbs- 
ordnung dient ein Kreditsystem , kraft dessen Kapitalien, 
welche die reicheren Bürger innerhalb ihrer Erwerbsphären 
nicht zu verwenden vermögen, den Armen, denen es an ge- 
nügenden Mitteln zur Befruchtung ihrer Erwerbskraft gebricht, 
zugeführt werden. Doch ist das Darlehen der einzige zu- 
lässige Kreditvertrag; das Vermieten von Produktionsmitteln 
und das Verborgen von Verkaufsgegenständen ist gesetzlich 
untersagt. ^ "^ 

Diese und zahlreiche andere Vorschläge Marlo's verfolgen 
offenbar den Zweck, jedem einzelnen Staatsbürger den Betrieb 
eines Geschäftes für eigene Rechnung zu ermöglichen. Da 
das Privateigentum und die Individualwirtschaft aufrecht er- 
halten bleiben soll, so kann durch diese Vorschläge, wie Mario 
selbst sehr klar erkannt hat, ^ ^ weder das Recht auf den vollen 
Arbeitsertrag verwirklicht, noch das arbeitslose Einkommen 
beseitigt werden. Ueberhaupt kann man das Staatsideal Marlo's 

-^ Mario a. a. 0. Bd. 1, S. 329, 324. 

="* Mario, Bd. 1. S. 321. Vgl. Bd. 4, S. 30(3. 

" Mario, Bd. 1, S. 321. Vgl. Bd. 4, S. 308, 309. 

•-* Mario a. a. 0. Bd. 1, S. 322. 

•-' Mario a. a. 0. Bd. 2, S. 322. 



— 88 - 

(den „Föderalismus") nur als ein ziemlich principloses Aggregat 
von gutgemeinten ökonomischen Polizeimassregeln bezeichnen, 
deren Tragweite mit seinen radikal-socialistischen Principien 
im schreiendsten Missverhältnis steht. Ein abschliessendes 
Urteil über die Projekte Marlo's ist übrigens nicht möglich, 
Aveil sein Werk gerade dort unterbrochen wurde, wo er die 
Details seiner Arbeitsorganisation darstellen wollte. ^^ 

Aus dieser Darstellung ergiebt sich, dass das Recht auf 
den vollen Arbeitsertrag und das Recht auf Existenz von der 
überwiegenden Anzahl der rechtsphilosophischen Systeme über- 
haupt nicht anerkannt werden, und dass selbst jene Schrift- 
steller, welche sich zu dieseii Rechten bekennen, doch zur 
Durchführung derselben völlig ungenügende Vorschläge machen. 
Die Rechtsphilosophie ist eben, wie aprioristisch ihre Sätze 
auch deduziert sein mögen, doch im Wesentlichen nichts als 
ein Abbild des historisch überlieferten Rechtszustandes und 
wie die Socialisten von einer bürgerlichen Nationalökonomie 
sprechen, so könnte man die heutige Gestaltung jener Dis- 
ciplin als die bürgerliche Rechtsphilosophie bezeichnen. Ihr 
hat sich im Laufe des letzten Jahrhunderts in dem Socialis- 
mus eine Rechtsphilosophie der besitzlosen Volksklassen an 
die Seite gestellt. Von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis 
auf Ricardo erscheint der Socialismus auch in der äusseren 
Form als eine philosophische Rechtslehre, während die socia- 
listische Theorie seit Ricardo, ^^ der durch die schroffe und 
einseitige Ausbildung der bürgerlichen Nationalökonomie den 
socialistischen Parteien arge Blossen bot, den Charakter einer 
volkswirtschaftlichen Disciplin von vorherrschend polemischer 
Richtung annahm. Trotz dieser nationalökonomischen Ver- 



" Mario, Bd. 4, S. 254, 255. 

^^ Das Hauptwerk von Ricardo: Principles of political economy 
and taxation, dessen Werttheorie auf den späteren Socialismus so mächtig 
eingewirkt hat (s. z. B. § 5, Note 7, 8), erschien im Jahre 1817. 



— 39 — 

brämung, die namentlich bei den deutschen Socialisten (Rod- 
bertus, Marx, Lassalle) einen so breiten Raum einnimmt, 
sind doch die rechtsphilosophischen Elemente als der eigent- 
liche Kern des Socialismus zu betrachten. Die Stellung dieser 
volkstümlichen Rechtsphilosophie zu dem Recht auf den vollen 
Arbeitsertrag soll nunmehr näher dargelegt werden. 



§. 3. William Grodwin. 

Der erste mir bekannte wissenschaftliche Vertreter des 
Rechts auf den vollen Arbeitsertrag ist William Godwin 
(1756 — 1836), dessen „Untersuchungen über die politische 
Gerechtigkeit" zuerst im Jahre 1793 ^ und später in wieder- 
holten Auflagen erschienen sind.^ üeberhaupt kann man 
Godwin als den ersten wissenschaftlichen Socialisten der 
neueren Zeit betrachten, bei dem sich schon alle Ideen des 
modernen Socialismus und Anarchismus im Keime vorfinden. 
Er hat auf Hall, Owen und Thompson und durch diese 
auf die Entwicklung des Socialismus den mächtigsten Einfluss 
ausgeübt. 

^ William Godwin, Au Enquiry concerning political Justice 
and its Influence on general Virtue and Happiness, 2 Bde in 4", 
London, 1793. Die zweite und dritte Auflage dieser wichtigen Schrift 
erschien in je zwei Oktavbänden 1796 und 1798. Ein neuer Abdruck 
des achten Buchs , welches vorzüglich die socialistischen Theorien 
Godwin's enthält, wurde unter dem Titel: Godwin's „Political Justice" : 
A reprint of the essay on „property", from the original edition von 
H. S. Salt in London 1890 veröffentlicht. Die wichtigste Gegenschrift 
sind die Ausführungen von Malthus in seinem Essay on the principle 
of Population, Buch 3, Kap. 2 — 3. lieber Godwin's Leben und Lebren 
vgl. C. Kegan Paul: W. Godwin, bis friends and contemporaries, 
2 Bde., London 1876 und Held, Zwei Bücher zur socialen Geschichte 
Englands, 1881, S. 89 ff. 

^ Ich benütze hier die dritte Auflage, welche gerade in Beziehung 
auf den Gegenstand dieser Schrift sehr beträchtlich von der Original- 
ausgabe abweicht. 



— 41 — 

Godwin unterscheidet drei Grade des Eigentums (degrees 
of property) oder, wie wir es richtiger ausdrücken würden, 
drei Formen der Güterverteilung. Sie entsprechen im Wesent- 
lichen den drei Principien des Vermögensrechts, welche ich 
oben (§. 1) zusammengestellt habe: dem Recht auf Existenz, 
dem Recht auf den vollen Arbeitsertrag und dem Privat- 
eigentum der heutigen Rechtsordnung. 

Das erste Princip der Güterverteilung wird von Godwin 
so formuliert, dass Jeder ein dauerndes Recht an allen jenen 
Sachen haben soll, deren Besitz ihm ein grösseres Mass von 
Wohlsein als jedem Anderen verschafft. Mit anderen Worten: 
Der soll die Sachen besitzen, der sie am besten brauchen kann.'^ 
Dieses Verteilungsprincip mag uns, die in der Schule des römi- 
schen Privatrechts auferzogen sind, als eine Chimäre erschei- 
nen; dennoch wird es in jeder von der rechten Gesinnung er- 
füllten Familie und in grösserem Massstab in den amerikani- 
schen Kommunistengemeinden praktisch ausgeübt. Godwin 
verkennt übrigens nicht, dass der Anwendung jenes Vertei- 
lungsprincips eine vollständige Umwandlung des geistigen und 
sittlichen Zustandes der Menschheit vorhergehen müsste.^ Die- 
selbe Ansicht, dass für den Umfang des Eigentums das Be- 
dürfnis der Individuen massgebend sein müsse und dass jeder, 
der über das Mass seiner Bedürfnisse Eigentum aufhäuft, an 
seinen Genossen ein Unrecht begeht, hatte mehr als ein 
Jahrzehnt früher der spätere Girondistenführer Brissot in 
seiner Schrift „Ueber das Eigentum und den Diebstahl" ver- 
treten.-'' 

^ Godwin a. a. 0. Bd. 2, 1798, S. 432: The first and simplest 
degree of property, is that of my permanent riglit in tliose things, 
the iise of wliich being attributed to me, a greater sum of benefit or 
pleasure will result, tban could liave arisen from tlieir being otlierwise 
appropriated. 

' Godwin a. a. 0. S. 480 ff. 

•' Vgl. J. P. Brissot de Warwille, Sur la propriete et le vol, 



— 42 — 

In dem Grundsatz, dass für die Güterverteilung das Be- 
dürfnis massgebend sein soll, ist nun auch als erste und wich- 
tigste Konsequenz das Recht auf Existenz enthalten (oben §. 1). 
Noch dreissig Jahre später, als Godwin sich in seiner Streit- 
schrift gegen Malthus ganz auf den Boden der geltenden 
Rechtsordnung stellte, ^ hat er doch wenigstens das Recht der 
Armen auf öffentliche Unterstützung vertreten.'' 

Das zweite Verteilungsprincip (the second degree of pro- 
perty) besteht nach Godwin darin, dass Jedermann berechtigt 
ist, über das Produkt seiner Arbeit frei zu verfügen.^ Natür- 
lich führt dieser Grundsatz nicht zu den nämlichen Resultaten 
wie der erstangeführte, vielmehr kann es sich sehr wohl er- 
eignen, dass darnach eine Sache, als das Produkt meiner Ar- 
beit , auch mein Eigentum ist . obgleich sie ein Anderer viel 
dringender bedarf als ich.'' Es ist dies derselbe Gegensatz 
zwischen dem Becht auf den vollen Arbeitsertrag und dem 
Recht auf Existenz, von welchem schon oben (§. 1) die Rede 
war. Dieses zweite Verteilungsprincip erscheint deshalb God- 
win auch als minder naturgemäss als das erste; wie sich auch 
nicht verkennen lässt, dass es den Uebergang zu dem Privat- 
eigentum der geltenden Rechtsordnung bildet. 

1780, S. 62, 63, 60, 69, 93. 95, 96 des Brüsseler Abdrucks vom Jahre 
1872 und die übrigen oben §. 1, Note 4, genannten Schriftsteller. 

^ William Godwin, an Enquiry concerning the power of increase 
in the number of mankind. Being an answer to M. Malthus's essay 
on that subject, 1820 S. X. 

' Godwin a. a. 0. Buch VI, Kap. 4. 

*^ Godwin, Enquiry concerning pol. justice, Bd. 2, S. 483: The second 
degree of property, is the empire to which every man is entitled, over 
the produce of his own industry, even that part of it the use of which 
ought not to be appropriated to himself. Einzelne Andeutungen über 
das Recht auf den vollen Arbeitsertrag finden sich schon bei Locke, 
Two treatises of government, II, § 27. Vgl. auch Adam Smith, 
Wealth of Nations, book I, cli. 8 am Anfange. 

3 Godwin a. a. 0. S. 739. 



Die dritte Form der Güterverteilung, die Godwin noch 
unterscheidet, ist das auf dem Privateigentum beruhende Ver- 
mögensrecht, wie es in den civilisierten Staaten Europas überall 
besteht. Das Wesen dieses Systems besteht nach seiner Auf 
fassung darin, dass die Rechtsordnung gewissen Gesellschafts- 
klassen das Recht verleiht, über den Arbeitsertrag Anderer 
zu verfügen oder mit anderen Worten ein arbeitsloses Ein- 
kommen zu beziehen. ^'^ 

Es sei, meint Godwin, eine grobe Täuschung, Avenn die 
Menschen von dem Eigentum sprechen, welches ihnen ihre Vor- 
fahren hinterlassen haben. Das Eigentum oder wie man heute 
sagen würde, das Einkommen werde vielmehr durch die täg- 
liche Arbeit derjenigen hervorgebracht, welche gegenwärtig 
leben. Die Vorfahren hätten ihren Nachkommen in Wirk- 
lichkeit nur ein vergilbtes Pergament zurückgelassen, welches 
diese dazu benützen, um sich den Arbeitsertrag Anderer anzu- 
eignen. Reichtum , namentlich erblicher Reichtum , sei daher 
im Wesentlichen nichts als eine Sinekure, wobei die Arbeiter 
den Gehalt entrichten, während der Eigentümer denselben in 
Luxus und Trägheit verschwendet.^^ 

lieber das Verhältnis zwischen Arbeitslohn und arl)eits- 
losem Einkommen, dann zwischen dem arbeitenden und niüs- 
sigen Teil der Gesellschaft hat Godwin sehr ungünstige Vor- 
stellungen, welche von dem Vorwurf der Uebertreibung nicht 
frei zu sprechen sind. Er meint, dass in England sich nur 
der zwanzigste Teil der Bewohner ernstlich mit landwirt- 
schaftlichen Arbeiten beschäftige und dass diese in der freien 

^^ Godwin a. a. 0. Bd. 2, S. 434, 435: It is a system, in what- 
ever manner established, by whicli one man enters into the faculty of 
disposing of the produce of another man's industry. 

'1 Godwin a. a. 0. Bd. 2, S. 458, 459. Derselbe: The Enquirer. 
Reflections on education, manners and literature, 1797, S. 177: What is 
misnamed wealth, is merely ft power vested in certain individuals by 
the institutious of society, to compel others to labour for their benefit. 



44 



Zeit, welche die Landwirtschaft übrig lässt, auch die not- 
wendigen gewerblichen Arbeiten verrichten könnten. Der 
zwanzigste Teil der Bevölkerung genüge also, um dieselbe 
mit allen absoluten Lebensbedürfnissen zu versehen oder, was 
das Nämliche ist. wenn man die durchschnittliche Arbeitszeit 
auf zehn Stunden rechnet, so brauche Jeder täglich nur 
während einer halben Stunde mechanische Arbeiten zu ver- 
richten.^^ 

So klar Godwiu schon die Principien erkannt hat, auf 
welchen das Vermögensrecht der socialistischen Gesellschafts- 
ordnung beruhen muss, so unbefriedigend sind die praktischen 
Vorschläge . welche er zur Durchführung derselben gemacht 
hat. Er verwirft den ganzen Apparat des kommunistischen 
Staates : die Leitung der Produktion und der Konsumtion 
durch die staatlichen Organe, die gemeinsame Arbeit, die ge- 
meinsamen Mahlzeiten , die gemeinsamen Magazine zur Auf- 
bewahrung der nützlichen Sachen, ^^ Godwin will vielmehr 
die Lidividualwirtschaft und das Privateigentum aufrecht er- 
halten, welches letztere nur unter den Mitgliedern gleich ver- 
teilt sein müsste:^^ aber dieser Zustand kann nur durch eine 
völlige Umwandlung der menschlichen Gesinnungen dauernd 
gemacht werden, indem jeder Genosse bereit sein müsste, 
jedes seiner Vermögensstücke einem Andern zu überlassen, 
sofern dieser durch dasselbe ein dringenderes Bedürfnis be- 
friedigen kann.^^ Mit anderen Worten: Jener ideale Zustand 
völliger Gleichheit kann nur dann eingeführt und erhalten 
werden, wenn das zweite der oben (§. 1) dargestellten Ver- 
teilungsprincipien allgemeine und werkthätige Anerkennung 
erlaugt hat. 

'- Godwin a. a. 0. S. 482—484. Derselbe: The Enquirer, 
S. 163, 214. 

'3 C4oclwin a. a. 0. S. 497, 498, 502: Enquirer S. 168. 
'' Godwin a. a. 0. S. 499 ff-, S. ^431 ff. 
'^ Godwin a. a. 0. S. 474 ff. 



— 45 — 

Den chimärischen Charakter dieser Voraussetzungen wird 
gewiss Niemand verkennen. Godwin musste jede Mitwirkung 
des Staates zur Verwirklichung seines obersten Verteilungs- 
principes deshalb ablehnen , weil er in den wesentlichen Be- 
ziehungen schon auf dem Standpunkte des heutigen Anarchis- 
mus steht. Er will nämlich den geschichtlich überlieferten 
Staat in einzelne Kirchspiele auflösen, jede vollziehende oder 
gesetzgebende Centralgewalt abschaffen und nur in ausser- 
ordentlichen Fällen die Zusammentretung von Nationalver- 
sammlungen gestatten. Der heutige Staat, welcher als eine 
höhere Macht über seine Mitglieder herrscht, würde dann 
natürlich aufhören und die Thätigkeit der Kirchspiele sich 
auf die Verwaltung beschränken. Von dem Apparat unseres 
modernen Staates sollen nur die Schwurgerichte zur Entschei- 
dung der Civil- und Kriminalfälle übrig bleiben ; allein diese 
sowie die National- und Kirchspielvertretungen sollen nur im 
Anfang eine Zwangsgewalt besitzen , später soll ihnen bloss 
das Recht zustehen, die Mitglieder der Gemeinschaft aufzu- 
fordern (to invite) , dass sie zu dem gemeinsamen Wohl in 
einer bestimmten Weise mitwirken. Da eine solche beratende 
und ermahnende Behörde nicht mehr eine Regierung im Sinne 
der heutigen Staatsauffassung ist, so muss Godwin folgerichtig 
die Auflösung der Regierungen (dissolution of governments) 
als das letzte Ziel aller politischen Reformbestrebungen be- 
zeichnen.^*^ Und sein politisches Ideal besteht in der That in 
einem auf die einfachsten Elemente reduzierten Gesellschafts- 
zustand , ohne Regierung , ohne Straf- und Zwangsgewalt, in 
welchem die Güter unter den Mitgliedern gleichgeteilt sind, in 
dem aber Jeder auf sein Eigentum zu Gunsten eines dringen- 
deren Bedürfnisses freiwillio- Verzicht leistet. ^'^ 



'« Godwin, Buch 5, Kap. 21—24. 

^" Godwin, Buch 8, Kap. 1. Vgl. Bd. 2, S. 856 ff. der ersten 
Auflage und oben Note 15. 



— 46 — 

Die anarchistischen Ideen Godwin's hatten auf die Ent- 
wicklung des Socialismus keinen unmittelbaren Einfluss ; erst 
zwei Menschenalter später wurde der Anarchismus — wie es 
scheint ohne Zusammenhang mit Godwin — durch Proud- 
hon, Stirner und Bakunin wieder belebt. Dagegen kann 
man die Einwirkung, welche seine Theorien über ein neues 
Princip des Vermögensrechts ausgeübt haben, schon bei dem 
nächsten hervorragenden Socialschriftsteller , Charles Hall, 
deutlich wahrnehmen. 



§. 4. Charles Hall. 

Im Jahre 1805 erschien von (Charles Hall unter dem 
Titel: The Effects of Civilisation on the people in European 
States ^ eine Schrift, welche auf den älteren englischen Socia- 
lismus und dadurch indirekt auf die heutige socialistische Be- 
wegung von grossem Einfluss gewesen ist. Hall untersucht 
in dieser Schrift die Folgen, welche das Steigen der Civili- 
sation und des Reichtums auf den socialen Zustand der ar- 
beitenden Volksmassen hervorbringt. Er beantwortet diese 
Frage in der Weise, dass durch das Steigen des Reichtums 
die Arbeit der Armen einerseits und das arbeitslose Einkommen 
der Reichen andererseits fortwährend vermehrt wird.^ Dieses 
Missverhältniss habe in England einen so hohen Grad er- 
reicht, dass die arbeitenden Klassen, welche Hall auf vier 
Fünfteile der Gesamtbevölkerung veranschlagt, nur ein Achtel 
des Ertrags ihrer Arbeit empfangen und verbrauchen können; 
der Rest fällt den Reichen in der Form von Grundrente und 
Kapitalgewinn anheim.^ Der Arme arbeitet deshalb nur eine 

^ Ich citiere die Schrift Hall's nach dem Abdruck, welcher in 
London im Jahre 1849 erschienen ist. Ueber das Leben dieses merk- 
würdigen Mannes, der hochbetagt im Schuldgefangnis starb, weil er 
nicht gestatten wollte, dass seine Freunde eine nach seiner Ansicht un- 
berechtigte Forderung bezahlten, finden sich einige Notizen in (John 
Minter Morgan) Hampden in the XIX"' Century Bd. 1, (1834) S. 20-21. 

- Hall a. a. 0. sect. 13. 

■^ Hall a. a. 0. sect. 10. Vgl. auch sect. 33. 



— 48 — 

Stunde unter acht oder eine Stunde im Tage für sich; der 
Ertrag aller übrigen Arbeitsstunden muss in unserer Rechts- 
ordnung den Reichen zufallen.^ 

Dieser ungerechte Zustand soll nun nach der Auffassung 
Hall's beseitigt werden. Er stellt in dieser Richtung zwei 
fundamentale Grundsätze auf. Erstens: Es soll Jedermann 
nur soviel arbeiten, als zur Erhaltung seiner Familie erforder- 
lich ist; zweitens: Es soll Jedermann den vollen Ertrag seiner 
Arbeit gemessen.^ Hall kann deshalb für den ersten Socia- 
listen gelten, der Grundrente und Kapitalgewinn als ungerechte 
Abzüge von dem Arbeitsertrag angesehen, und das Recht des 
Arbeiters auf den vollen Arbeitsertrag mit beAvusster Klarheit 
ausgesprochen hat. 

Zur Durchführung dieser Grundsätze schlägt Hall vor 
allem die Aufhebung der englischen Primogeniturgesetze vor, 
die allerdings besonders geeignet sind, in der Hand des be- 
günstigten Erben grosse Reichtümer zu vereinigen und da- 
durch das arbeitslose Einkommen einzelner Personen bis ins 
Ungemessene zu steigern. Sodann sollen die Luxusindustrien 
(refined manufactures) verboten oder mit schweren Steuern 
belegt werden, und zwar zu dem Zwecke, damit die Arbeit 
der Armen fortan nur zur Erzeugung der notwendigen Ge- 
brauchsgegenstände (necessaries of life) verwendet wird.*^ 

Dass die gleiche Erbteilung unter den Kindern und die 
Erlassung von Luxusgesetzen nicht hinreichen, um Jedermann 
den vollen Arbeitsertrag zu sichern, ist klar genug, da diese 
Massregeln ja in verschiedenen Ländern und Zeitperioden ohne 

" Hall sect. 6. 

■^ Hall a. a. 0. sect. 37: In Order to put it in the power of the 
whole, or the bulk of the people in a nation, to enjoy that proper 

Proportion of action and rest two means are necessary — viz. 

Ist. That each man should labour so much only as is necessary for 
his family; 2nd. That he should enjoy the whole fruits of his labour. 

6 Hall a. a. 0. sect. 30. 



— 49 — 

diesen Erfolg angewendet worden sind. Hall macht deshalb 
auch einen viel durchgreifenderen Vorschlag. Der Staat soll 
den ganzen Grund und Boden einziehen und denselben an die 
Familien nach Verhältnis ihrer Grösse in Parzellen verteilen. 
Da die Familien sich ungleich vergrössern, so soll von Zeit 
zu Zeit eine neue Verteilung stattfinden.'^ Das jeder Familie 
zugewiesene Landloos soll unveräusserlich sein, aber nach Er- 
löschung derselben an den Staat zurückfallen.^ 

Hall schlägt also eine Verbindung von Kollektiveigentum 
und Individualwirtschaft vor. Der Grund und Boden gehört 
dem ganzen Volk, welches denselben in Parzellen den ein- 
zelnen Familien zuweist, diese aber bewirtschaften denselben 
für eigene Rechnung (Gemeineigentum mit Sondernutzung), 
Von den späteren Socialisten empfiehlt namentlich Colins^ eine 
ähnliche Kombination von Gemeineigentum und Sondernutzung; 
dagegen unterscheidet sich Hall von der Mehrzahl der heutigen 
Kollektivisten, welche für gemeinsames Eigentum und gemein- 
same Bewirtschaftung desselben eintreten. Hall beruft sich 
auf die Agrarsysteme der Spartaner, Juden und der Jesuiten 
in Paraguay,^'' welche auf ähnlichen Grundsätzen beruhen; wir 
können jetzt namentlich die russische Dorfgemeinde (unten 
S. 157) anführen, in welcher das System des Gemeineigentums 
mit Sondernutzung am schärfsten ausgebildet ist. ^ ^ 

' Hall a. a. 0. sect. 38. In der unter Owen's Einfluss heraus- 
gegebenen ersten socialistischen Zeitschrift in englischer Sprache „The 
Economist" Bd. 1, 1821, S. 49 findet sich eine lebhafte Polemik gegen 
diesen Vorschlag. 

^ Hall a. a. 0. sect. ;^7. 

^ Vgl. z. B. Colins, Qu'est-ce que la science sociale Bd. 2 (1853) 
S. 261—372. 

^° Ueber die Verhältnisse in Paraguay vgl. Gothein, Der ehristlich- 
sociale Staat in Paraguay, 1883, S. 33 ff. 

11 Haxthausen, Studien über Russland Bd. 3, 1852, S. 124 fF.; 
Keussler, Geschichte und Kritik des bäuerlichen Gemeindebesitzes in 
Russland Bd. 1, 1876, S. 224 ff. 

Menger, Arbeitsertrag. 2. Aufl. 4 



— 50 — 

Hall hat mit richtigem Takt jene Gestaltung des Ver- 
mögensrechts vorgeschlagen, welche allein das Hecht auf den 
vollen Arbeitsertrag annäherungsweise zu verwirklichen im 
Stande ist. Gemeineigentum mit Sondernutzung ist freilich 
nicht der vollständige Socialismus, weil der Verkehr zwischen 
den einzelnen Individualwirtschaften sich in den privatrecht- 
lichen Formen bewegt. Dass aber jedes Rechtssystem, welches 
das Kollektiveigentum mit der Kollektivwirtschaft verbinden 
will, den Rahmen des Rechts auf den vollen Arbeitsertrag 
überschreiten muss, wird später (§. 13) gezeigt werden. 



§. 5. William Thompson. 

Völlig ausgebildet erscheint der socialistische Ideenkreis, 
soweit dieser das Recht auf den vollen Arbeitsertrag zum 
Mittelpunkt hat, in den Schriften William Thompson's. Aus 
seinen Werken haben die späteren Socialisten: der Saint- 
Simonismus, Proudhon, namentlich aber Marx und Rod- 
bertus ihre Ansichten direkt oder indirekt geschöpft. Dessen- 
ungeachtet wird dieser Schriftsteller, welcher der hervorragendste 
Begründer des wissenschaftlichen Socialismus ist, in den neueren 
Geschichtswerken nur wenig beachtet.^ 

William Thompson,^ von Geburt ein Irländer, war 

' Held, Zwei Bücher zur socialen Geschichte Englands, 1881 
S. 379 — 385, erwähnt zwar William Thompson, ohne aber die Bedeutung 
des Mannes für die Entwicklung des wissenschaftlichen Socialismus zu 
erkennen. Vgl. auch Heinr. Soetbeer, Die Stellung der Socialisten 
zur Malthusischen Bevölkerungslehre, 1886, S. 21. (Zusatz zur zweiten 
Auflage.) Durch diese Citate, welche der ersten Auflage wörtlich ent- 
nommen sind, habe ich gleich bei Beginn des Abschnitts über Thompson 
für .Jedermann erkennbar gemacht, dass dieser Schriftsteller in Deutsch- 
land schon vor mir bekannt war. Wenn nun gleichwohl Gustav Cohn 
(Göttingen) in einem Tone, welcher nur seinen schlechten Geschmack 
beweist, gegen mich den Vorwurf erhebt, dass ich das Verdienst der 
Entdeckung Thompson's für mich in Anspruch nehme (vgl. Cohn in 
Schmoller's Jahrbüchern, 1889, S. 14), so kann ich das Urteil über 
seine Wahrheitsliebe wohl mit Beruhigung der Oeflfentlichkeit überlassen. 

- Vgl. die biograj^hischen Notizen von Pare in der zweiten Aus- 
gabe von Thompson's Inquiry into the principles of distribution of 
wealth, S. XVI tf.; (John Minter Morgan) Hampden in the XIX"» 



einer der litterarisclien Hauptvertreter des Kooperativsystems, 
für welches Robert Owen in dem zweiten und dritten 
Decennium dieses Jahrhunderts in EngLand eine lebhafte 
Agitation betrieb. Er war ein Schüler Bentham's, dessen 
Ansichten auf seine Schriften in vielen Punkten nicht ohne 
Einfluss geblieben sind. Während aberBentham die Grenzen 
des politischen Radikalismus niemals überschritten und nament- 
lich den Kommunismus eifrig bekämpft hat, steht Thompson 
durchaus auf dem Standpunkt eines sehr entwickelten Socia- 
lismus. Sein Hauptwerk: An inquiry iuto the principles of 
the distribution of wealth most conducive to human hap- 
piness ; applied to the newly proposed System ^ of voluntary 
equality of wealth. erschien im Jahre 1824 und erlebte später 
noch zwei Auflagen.^ Ausserdem gab Thompson noch 

centuiy, Bd. 2, 1834, S. 294 ff.; Holyoake, The History of Cooperation 
in England Bd. 1, 187.5, S. 109 ff. 

^ Es sind mit dem „neuerlich vorgeschlagenen System" die Vor- 
schläge Owen's gemeint. 

* Die zweite Auflage (ein von Pare verfertigter Auszug, in dem 
viele der wichtigsten Stellen fehlen) erschien 1850, die dritte (Titel-) 
Auflage 1869. Es ist charakteristisch, dass Marx und Engels dieses 
Fundamentalwex'k des englischen Socialismus seit vierzig Jahren falsch 
eitleren, indem sie das erste Erscheinen desselben in das Jahr 1827 
setzen. Vgl. Marx, Misere de la philosophie, 1847, S. 50. Derselbe, 
Zur Kritik der politischen Oekonomie, 1859, S. 64, Note. Engels, in 
der Vorrede zu der deutschen Uebersetzung von Marx' Msere de la 
Philosophie S. VIII (vgl. S. 49 der Uebersetzung). Derselbe, in der 
Von-ede zu Marx' Kapital Bd. 2, 1885, S. XVI. — An einzelnen der 
angeführten Stellen (Marx' Misere S. 49, .50, Engels in der deutschen 
Uebersetzung dieser Schrift S. VIII) erwähnen Mai-x und Engels die 
Hopkins (Pseudonym für Frau Marcet) als zur socialistischeu Litteratur 
gehörig, während sie in Wirklichkeit eine der heftigsten und zugleich 
bekanntesten Gegnerinnen des Socialismus war. Vgl. John Hopkin's 
notions on political economy, 1833, S. 1 — 10, und passim. Erst in seiner 
Vorrede zu dem zweiten Band von Marx Kapital S. VI, setzt Engels 
an die Stelle des imaginären Socialisten Hopkins den richtigen Namen 
Hodgskin. — Ich ei'wähne diese auffälligen Verstösse nur deshalb, weil 



mehrere kleine Schriften heraus, welche gleichfalls der Ver- 
breitung socialistischer Ideen dienen sollten.^ Er starb am 
28. März 1833. 

Thompson geht von drei Grundsätzen aus, welche auch 
der eifrigste Manchestermann unterschreiben kann, die aber 
bei diesem Schriftsteller selbstverständlich einen ganz anderen 
Sinn haben als bei den Anhängern der bürgerlichen National- 
ökonomie. Diese drei Grundsätze sind: 1) Die Arbeit soll 
sowohl in Beziehung auf ihre Leitung, als auch in Beziehung 
auf ihre Fortsetzung frei sein; 2) das ganze Arbeitsprodukt 
soll dem Produzenten gesichert Averden; 3) der Austausch 
dieser Produkte soll frei sein.^ Der Grund der auffallenden 
Erscheinung, dass die englische Nationalökonomie und Thomp- 
son von dem gleichen Ausgangspunkt zu so vollständig ver- 
schiedenen Zielen gelangen, besteht darin, dass die erstere 
unsere heutige privatrechtliche Rechtsordnung, insbesondere 
auch das individuelle Grund- und Kapitaleigentum als die 
Schranke betrachtet, innerhalb deren jene freiheitlichen Grund- 
sätze zu verwirklichen sind, während Thompson umgekehrt 
eine Umbildung unserer heutigen Rechtsordnung zur thatsäch- 
lichen Durchführung jener Grundsätze für notwendig erachtet. 



Kngels den deutschen Professoren (in der Vorrede zum Kapital, 2. Bd., 
S. XVII) völlige Unkenntnis der antikapitalistischen englischen Litteratur 
während der zwanziger und dreissiger Jahre vorwirft und sich selbst 
auf diesem Litteraturgebiet — wie ich glaube, mit dem grössten Un- 
recht — als Autorität gerieren will. 

•^ An appeal of one half of the human race, Women, against the 
pretensions of the other half, Men, to retain them in political, and 
thence in civil and domestic slavery. London, 1825. — Labour rewarded. 
The Claims of labour and capital conciliated: or how to secure to 
labour the whole products of its exertions. London, 1827. — Practical 
directions for the speedy and economical establishment of communities 
etc. London, 1830. Von diesen Schriften konnte ich bei Abfassung 
der vorliegenden Abhandlung nur die letzte benützen. 

'■' Vgl. Thompson, Distribution of woalth, Au.^gabe von 1824, 



— 54 — 

Wie so zahlreiche englische Nationalökonomen, nament- 
lich Ricardo,^ geht auch Thompson von dem Grundgedanken 
aus, dass die Arbeit allein die Ursache des Tauschwertes ist."" 
Aus dieser wirtschaftlichen Thatsache zieht er dann die ju- 
ristische Konsequenz — und mit diesem rechtsphilosophischen 
Satz geht der Socialismus über Ricardo und die bürgerliche 
Nationalökonomie weit hinaus — dass demjenigen, der den 
Wert durch seine Arbeit erzeugt hat, auch der Ertrag seiner 
Arbeit ungeschmälert zufallen soll, oder mit anderen Worten, 
dass jedem Arbeiter das Recht auf den vollen Arbeitsertrag 
zusteht.^ In unserer heutigen Gesellschaftsordnung erhalten 
die Arbeiter freilich bei Weitem nicht den vollen Ertrag ihrer 
Arbeit, sondern nur dasjenige, was zu ihrer Erhaltung unent- 
behrlich ist (Lassalle's ehernes Lohngesetz): ^" der Rest der von 
ihnen geschaffenen Werte fällt den Grund- und Kapitaleigen- 
tümern in der Form von Grundrente und Kapitalgewinn anheim. 

Thompson verkennt nicht, dass der Arbeiter in unserer 
heutigen Gesellschaftsordnung, in welcher Grund- und Kapital- 
eigentum besteht, verpflichtet ist, den Eigentümern für den 
Gebrauch von Gebäuden, Maschinen, Werkzeugen und Roh- 

S. 6 (2. Aufl., S. 3): Natural Liws of Distribution: 1) All labour ought 
to be free and vohintanj, as to its direction and continuance; 2) all 
the products of labour ought to be secured to the producers of theni ; 
3) all exchanges of tliese products ought to be free and voluntan/. 

' Ricardo, Principles of political economy and taxation, 1817, 
eh. 1; in der Ausgabe seiner sämtlichen Werke von Me-Culloch vom 
Jahre 1881, S. 71. Vgl. auch A. Smith, Wealth of Nations, Book 1, eh. 6. 

s Thompson a. a. 0. S. 6, 95 (2. A. S. 5, 73). 

9 Thompson a. a. 0. S. 95 (2. A. S. 73), This new law, rule, or 
Suggestion of wisdom therefore, is . . . ,ySeci(re to the producer the free 
use of ivhaterer his labour has x)rod uced .'^ 

1« Thompson a. a. 0. S. 171 (2. A. S. 133), The productive 
labourers stript of all capital, of tools, houses and materials to make 
their labour productive, toil from want, from the necessity of existence, 
their remuueration being kept at the lowest compatible with the 
existence of industrious habits. 



materialien einen Teil des Arbeitsertrages abzugeben. Aber 
diese Beschränkung des Rechts auf den vollen Arbeitsertrag 
soll nicht weiter gehen, als unerlässlich ist. Der Arbeiter 
hätte einesteils dem Grund- und Kapitaleigentümer die durch 
den Gebrauch erfolgte Abnützung zu ersetzen; andrerseits könnte 
der Grund- und Kapitaleigentümer aus dem Ertrag aller von 
ihm beschäftigten Arbeiter so viel verlangen, dass er mit dem 
bestbezahlten Arbeiter ein gleiches Einkommen bezieht. ^^ 

Es fehlt aber nach der Ansicht Thompson's viel, dass 
in unserem Gesellschaftszustand dieser gerechte Verteilungs- 
massstab zur Anwendung käme. Vielmehr betrachten die 
Kapitalisten, in deren Händen die Gesetzgebung ist, jene 
Differenz zwischen der Lebensnotdurft der Arbeiter und dem 
wirklichen Ertrag ihrer durch Maschinen und andere Kapital- 
aufwendungen produktiver gewordenen Arbeit als einen Mehr- 
wert (surplus value, additional value), der den Grund- und 
Kapitaleigentümern zuzufallen hat. ^^ Grundrente und Kapital- 
gewinn sind deshalb nichts anderes als Abzüge, welche der 
Grund- und Kapitaleigentümer vermöge seiner gesetzlichen 
Machtstellung von dem vollen Arbeitsertrage zum Nachteile 
des Arbeiters zu machen in der Lage ist. ^^ Man wird in 

" Thompson a. a. 0. S. 167 (2. A. S. 128). 

12 Thompson a. a. 0. S. 167 (2. Aufl. S. 128): The measure of 
the capitaiist, on the contrary, would be the additional value produced 
by the same quantity of labor in consequence of the use of machinery 
er other capital; the ichole of such sutylua value to be enjotfed hij the 
capitaiist for his superior inteJligence and skill in accumulating and ad- 
vancinff to the laborers his capital or the use of it. Schon Sismondi, 
der auf Thompson offenbar auch in anderen Richtungen einen bedeu- 
tenden Einfluss ausgeübt hat, gebraucht für das arbeitslose Einkommen 
den Ausdruck mieux-value, ohne dasselbe jedoch als ein Um-echt zu 
betrachten. Vgl. Nouveaux Principes d'economie politique Bd. 1, l.Aufl., 
1819, S. 88, 102 ff. und passim. 

'^ Thompson a. a. 0. S. 40, 67, 164—105, 181, 394 (2. A. S. 31, 
53—54, 125-126, 143, 281-282). 



— oG — 

diesen Ansichten Thompson's sofort den Gedankengang, ja 
sogar die Ausdrucksweise erkennen, die sich später bei so 
vielen Socialisten, namentHch auch bei Marx und Rodbertus 
wiederfindet. 

Auch die Ansicht Thompson's und zahkeicher anderer 
Socialisten, dass Grundrente und Kapitalgewinn Abzüge sind, 
welche die Grund- und Kapitaleigentümer von dem vollen 
Arbeitsertrage machen, ist keineswegs dem Socialismus eigen- 
tümlich, da manche Vertreter der bürgerlichen Nationalökonomie, 
z. B. Adam Smith, ^* von der gleichen Meinung ausgehen. 
Thompson und seine Nachfolger sind nur insofern originell, 
dass sie Grundrente und Kapitalgewinn als unrechtmässige 
Abzüge betrachten, welche mit dem Recht des Arbeiters auf 
den vollen Arbeitsertrag im Widerspruch stehen. Der Unter- 
schied beider Auffassungen ist also auch hier (s. oben S. 54) 
rechtsphilosophisch, nicht nationalökonomisch. 

Wie ist aber diesem Zustande abzuhelfen, welcher im 
Sinne der socialistischen Auffassung dem Reichen ein müssiges 
Genussleben ermöglicht, während er den Arbeiter zu fort- 
währender, hoffnungsloser Arbeit verurteilt? 

So scharf Thompson in der Kritik der bestehenden 
gesellschaftlichen Zustände ist, so vorsichtig ist er in seinen 
Reformvorschlägen. Ein Eingreifen der staatlichen Gesetz- 
gebung will er nur in negativer Richtung zulassen, indem er, 
in Uebereinstimmung mit dem liberalen Programm, die Be- 
seitigung aller Fesseln des freien Verkehrs, insbesondere die 
Abschaffung aller Gebundenheit von Grund und Boden, aller 
Lohntaxen, Monopole u. s. f. verlangt. ^^ Positiv sind nach 
der Ansicht Thompson's die Nachteile, welche Grundrente 
und Kaj^italgewinn dem Arbeiter zufügen, durch vertragsmässige 
Bildung von socialistischen Gemeinden zu bekämpfen. In Be- 

'* Adam Smith, AVealth of Nations, Bd. I, eh. (3, 8. 
'' Thompson a. a. 0. S. 600 (2. A. S. 455, 456). 



Ziehung auf diese Gemeinden schliesst sich Thompson ^*^ in 
allen wichtigen Punkten den Vorschlägen an, welche Robert 
Owen seit einer Reihe von Jahren in Schriften und öffent- 
lichen Versammlungen gemacht hatte. ' "' 

Danach soll eine Anzahl von Personen (500 — 2000 oder 
mehr), welche nach den Umständen durch gemeinsame Arbeit 
(niutual Cooperation) die wichtigsten zur Befriedigung der 
menschlichen Bedürfnisse erforderlichen Sachen hervorbringen 
können, sich freiwillig zu dem Zwecke vereinigen, um mit 
allen Hilfsmitteln der Kunst und Wissenschaft durch gemein- 
same Anstrengung jene Befriedigungsmittel zu produzieren 
und auf diese Weise Nachfrage und Angebot immer in Ueber- 
einstimmung zu erhalten. Die socialistischen Gemeinden sollen 
unter allen Umständen die Landwirtschaft so weit betreiben, 
als zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse erforderlich ist; im 
übrigen soll die Arbeit der Mitglieder zur Produktion von 
Industriegegenständen, sei es für den eigenen Bedarf, sei es 
zum Zwecke des Austausches gegen andere Güter, verwendet 
werden. Der zu diesen Zwecken erforderliche Grund und 
Boden samt den Wohnungen und anderen Kapitalien soll wo- 



1« Thompson a. a. 0. S. 386 ff. (2. A. S. 274 tF.). Einen sehr 
detaillierten Plan zur Gründung solcher socialistischen Gemeinden giebt 
Thompson in den Practical directions u. s, f. (vgl. Note 5). 

^' Robert Owen, Report to the Committee of the Association for 
the relief of the manufacturing and labouring Poor, 1817, abgedruckt 
in: New View of the society 1818, und in: Life of Robert Owen, vol. lA, 
1858, S. 49 ff. — Report of the proceedings at the several public meetings 
held in Dublin by Robert Owen Esq., Dublin, 1823; auch abgedruckt 
in The new existence of man upon the earth, 4. Bd. 1854, S. LIV ff. 
(beste Zusammenfassung der Owenschen Vorschläge). — Aus der späteren 
Zeit: Robert Owen, The Revolution in the mind and practice of the 
human race, 1849, S. 61 ff. Lange Zeit vor Owen hatte John Bellers: 
Proposais, for raising a coUedge of industry, London, 1690 (wieder ab- 
gedruckt in Life of Owen, vol. TA, S. 158 ff.) ähnliche Vorschläge 
gemacht. 



möglicli gekauft werden; sind die Mitglieder der Gemeinde 
aber dazu nicht reich genug, so soll der Grund und Boden 
gepachtet, die erforderlichen Kapitalien geliehen werden. 

Die wichtigste Frage vom rechtlichen Standpunkt ist 
natürlich, wie die von den socialistischen Gemeinden erzeugten 
Güter unter die Mitglieder verteilt Averden sollen. Da Thomp- 
son das Recht auf den vollen Arbeitsertrag mit dem grössten 
Nachdruck verteidigt (Note 9), so sollte man glauhen, dass 
jedem Mitglied nach irgend einem Massstab von der erzeugten 
Gütermenge ein so grosser Wert zugewiesen werde, als er 
durch seine Arbeit hervorgebracht hat. Dieser Massstab kann 
allerdings, wie oben (§. 1) bereits hervorgehoben wurde, und 
wie in dem weiteren Verlaufe dieser Darstellung (§. 13) noch 
näher auszuführen sein wird, ein sehr verschiedener sein; es 
kann als solcher die von jedem einzelnen Mitglied geleistete 
Zeitarbeit oder die Durchschnittsarbeit, oder es können endlich 
die historischen Arbeitspreise mit der durch den Wegfall des 
arbeitslosen Einkommens bedingten Vermehrung dienen. Aber 
immer muss in einem socialistischen System, welches das Recht 
auf den vollen Arbeitsertrag konsequent durchführen will, das 
Mass der dem Einzelnen gebührenden Gütermenge wenigstens 
in Ansehung der Arbeitsfähigen von dem Mass der geleisteten 
Arlieit abhängig sein. 

In Wü-khchkeit vertritt aber Thompson in Beziehung 
auf die Güterverteilung den zweiten der oben (§. 1) charak- 
terisierten Standpunkte: die Verteilung nach dem Bedürfnis, 
das Recht auf Existenz. Alle Mitglieder der socialistischen 
Gemeinde sollen von der Gemeinschaft Nahrung, Kleidung und 
Wohnung erhalten, die Kinder gemeinsam erzogen werden. ^^ 
Diesen Widerspruch trachtet Thompson dadurch zu beseitigen, 
dass nach seinem Vorschlag in der socialistischen Gemeinde 
die Genussmittel zwar gleich, das ist nach Massgabe der in- 

1« Thompson. Distribution of wealth S. 388. 389. 



— 59 — 

dividuellen Bedürfnisse (s. oben S. 8) verteilt werden sollen, 
dass aber andrerseits jedes arbeitsfähige Mitglied das gleiche 
Mass von Arbeit leisten muss, wobei, wie es scheint, lediglich 
die Dauer der Arbeitszeit als Massstab zu betrachten wäre. ^^ 
Dass das Recht auf den vollen Arbeitsertrag, wenn man es 
in der Gesellschaftsordnung konsequent durchführt, zu ganz 
anderen Resultaten führt, wird der weitere Verlauf dieser Dar- 
stellung ergeben. Thompson wollte eben, wie so zahlreiche 
andere Socialisten, durch Aufstellung jenes ökonomischen Grund- 
rechts bloss die Unrechtmässigkeit des arbeitslosen Einkommens 
und des individuellen Privateigentums erweisen; dagegen hin- 
derten ihn seine kommunistischen Ansichten, welche er von 
w e n übernommen hatte , auch die positiven Konsequenzen 
jenes Rechts zu ziehen. 

Der Gedanke, dass das arbeitslose Einkommen (der Mehr- 
wert, die Rente), welches die besitzenden Klassen in der Form 
von Grundrente und Kapitalgewinn ohne eigene Arbeit be- 
ziehen, ein ungerechter Abzug ist, welchen der Grund- und 
Kapitaleigentümer nur kraft seiner gesetzlichen Machtstellung 
von dem Arbeitsertrage zu machen in der Lage ist, Avurde 
auch in der späteren socialistischen Litteratur Englands un- 
zählige Male ausgesprochen, wenngleich der Ausdruck „Mehr- 
wert" sich bei den nachfolgenden Schriftstellern, soviel ich 
.sehe, nicht behauptet hat. 

Es ist nicht möglich, die zahllosen Schriften und Zeitungs- 
artikel, welche die von Godwin, Hall und Thompson ge- 
fundenen Gedanken näher ausführten, hier im Einzelnen dar- 
zulegen und ich muss mich deshalb auf die Erwähnung der 
vom theoretischen Standpunkt wichtigsten Erscheinungen be- 
schränken. 

Mit grosser Entschiedenheit wird der oben präzisierte 



19 Vgl. Tliompson, Practical Directions S. 7; The tiiue employed 
must be the measure of exertion. 



— GO — 

Standpunkt von John Gray in einer im Jahre 1825 er- 
schieneneu Broschüre ^" vertreten, deren scharfe Kritik viel- 
fach an die Schriften des ein halbes Menschenalter später auf- 
tretenden Proudhon erinnert. Die praktischen Vorschläge 
zur Beseitigung der Uebelstände unserer heutigen Gesellschafts- 
ordnung hat Gray in einer Reihe von später erschienenen 
Werken gemacht.-^ Ferner ist zu nennen: Edmonds, welcher 
den Gegensatz zwischen Arbeitslohn und arbeitslosem Ein- 
kommen mit grösserer Klarheit als irgend einer seiner Vor- 
gänger formuliert hat. ^^ Aus der späteren Zeit sind noch 
die Schriften von J. F. Bray-'^ und etwa auch von Charles 
Bray^^ zu erwähnen. 

-" John G-ray, A lectuve on human happiness, 1825 (bes. S. 20, 
39, 50, 52—53, 70). Diese sehr wenig bekannte Schrift ist für die Ent- 
wicklung des wissenschaftlichen Socialismus von grösster Bedeutung. 

^^ John Gray, The social System, 1831. Derselbe, An efficient 
remedy for the distress of nations, 1842. Derselbe, Lectures on the 
nature and use of money, 1848. 

22 T. R. Edmonds, Practical Moral and Political Economy, 1828, 
S. 114—122. 

2^ J. F. Bray, Labour's wrongs and laboui-'s remedy; or the age 
of might and the age of right, 1839 (bes. S. 33, 37, 58, 59). 

'* Charles Bray, The philosophy of necessity or the law of 
consequences ; as applicable to mental, moral and social science. 2 Bde, 
1841 (bes. Bd. 2, S. .301 ff., 389 ff.). 



§. 6. Der Saint-Simonismus. 

Den französischen Socialisten des 18. Jahrhunderts ist 
das Recht auf den vollen Arbeitsertrag noch vollständig un- 
bekannt. Meslier, Morelly und Mably fuhren zwar gegen 
das Eigentum eine heftige Polemik, aber dieselbe beruht auf 
dem Gedanken, dass dieses Rechtsinstitut die Quelle zahlreicher 
Laster, insbesondere des Hochmutes und des Eigennutzes ist. ^ 
Dass das Privateigentum dem Eigentümer eine Machtstellung 
gewährt, durch welche er aus dem Arbeitsertrag Anderer ein 
arbeitsloses Einkommen beziehen kann, dass das arbeitslose 
Einkommen ein Unrecht ist und Jedermann ein Recht auf 



' Jean Meslier (gest. 1729 oder 1733), Le Testament, in der von 
Rudolf Charles in drei Bänden (Amsterdam 1864) veröffentlichten 
ersten Gesamtausgabe Bd. 2, S. 168 if. Morelly, Code de la nature 
(1755), S. 29, 30. Mably, Doutes proposes aux philosophes-economistes 
sur l'ordre naturel et essentiel des societes politiques, 1768, S. 12 ff. 
Derselbe, Principes de la legislation, 1776, liv. I, eh. 3. Ueber 
Meslier (den man wohl als den ersten Theoretiker des revolutionären 
Socialismus betrachten kann) vgl. den trefflichen Aufsatz von Grünberg 
in der , Neuen Zeit", Jahrgang 1888, S. 337 — 350. Auch bei Rousseau 
finden sich einzelne halbsocialistische Aeusserungen ähnlicher Tendenz, 
die freilich mit anderen Stellen, in welchen er das Eigentum für das 
heiligste aller Rechte erklärt, nicht recht im Einklang stehen. Vgl. z. B. 
die Aeusserungen Rousseau's im Discours sur l'origine et les fondements 
de rinegalite pai'mi les hommes, 1755 11*^ pai'tie am Anfang und im 
Contrat social, 1762, liv. I, 9, Note, mit seinem Artikel in der Pmey- 
Idopädie „Economic politique". 



— (32 — 

den vollen Ertrag seiner Arbeit besitzt — diese Gedanken, 
welche in den socialistischen Systemen der späteren Zeit so 
häufig wiederkehren, sind dem älteren französischen Socialismus 
noch fremd. 

Ebensowenig finde ich diese Ansichten in den Schriften 
Babeufs ausgesprochen, dessen Verschwörung (1 796) als der Aus- 
gangspunkt der heutigen socialen Bewegung zu betrachten ist. 
Wie Babeuf in seiner erst vor kurzem vollständig gedruckten 
Verteidigungsrede selbst gesteht, ^ stand er unter dem Einfluss 
von Mably, Helvetius, Diderot (richtig Morelly)^ und 
Rousseau — eine Behauptung, welche durch den Inhalt der 
von ihm vor und während der Verschwörung herausgegebenen 
Zeitschrift (Tribun du peuple), sowie auch der bei ihm auf- 
gefundeneu Papiere bestätigt wird, Babeuf bekämpft in dem 
Tribun du peuple^ auf das heftigste das Eigentum, soweit es 



- Vgl. Victor Advielle, Histoire de Gracchus Babeuf et du 
Babouvisme, Bd. 2, 1884, S. 43, 51, 58. In der offiziellen Ausgabe der 
Babeufschen Prozess-Verhandlungen vor dem Gerichtshofe in Vendome, 
welche das Dii'ektorium in vier Bänden veröffentlicht hat, ist die Schluss- 
rede Babeufs nur in einem kleinen Bruchstück aufgenommen. Vgl, 
Discours des accussateurs nationaux, defenses des accuses et de leurs 
defenseurs, faisant suite aux debats du proces instruit contre Drouet, 
Babeuf et autres, Bd. 4, S. 362. 

^ Der Code de la nature, welcher im Jahre 1755 anonym erscliien, 
wurde lange Zeit ii-rtümlich Diderot zugeschrieben und sogar in eine 
zu seinen Lebzeiten erschienene Sammlung seiner Scüriften aus dem 
Jahre 1773 aufgenommen. Vgl. Villegardelle in seiner Ausgabe des 
Code de la nature, 1841, S. 6- Auch Babeuf, der in seiner Verteidigungs- 
rede zahlreiche Stellen aus dem Code de la nature anführt, hält Diderot 
für den Verfasser. 

■* Der Tribun du peuple ist eine Fortsetzung des gleichfalls von 
Babeuf herausgegebenen Journal de la liberte de la presse (zusammen 
43 Nummern). Einen socialistischen Charakter nimmt der Tribun du 
peuple erst von der Nummer .34 an. Vollständige Exemplare dieser 
ersten socialistischen Zeitschi-ift gehören zu den grössten Seltenheiten 
der socialistischen Litteratur. 



- 03 — 

das Bedürfnis des Einzelnen überschreitet und nennt einen 
solchen übermässigen Besitz, ähnlich wie schon früher Brissot,^ 
einen Diebstahl an den Mitbürgern. " Aber vom Standpunkt 
Babeufs sollen nicht die Arbeitsleistungen, sondern die Be- 
dürfnisse des Einzelnen für die Güterverteilung massgebend 
sein oder mit anderen Worten: Babeuf stellt sich auf den 
zweiten der oben (§. 1) erwähnten Standpunkte, welcher im 
Grossen und Ganzen mit der Anerkennung des Rechts auf 
Existenz gleichbedeutend ist. '^ Es ist dies auch begreiflich, 
wenn man erwägt, dass der Hauptzweck der Babeufschen 
Verschwörung darin bestand, neben der politischen Gleichheit 
auch die ökonomische (egalite reelle, egalite de fait) herbei- 
zuführen, während in einem socialistischen Staat, der das Recht 
auf den vollen Arbeitsertrag anerkennt, von einer vollständigen 
ökonomischen Gleichheit der Staatsbürger nicht die Rede sein, 
könnte. Die teils bei Babeuf gefundenen, teils später von 
Buonarroti veröffentlichten Papiere der Verschwörung stimmen 
vollständig mit den im Tribun du peuple ausgesprochenen An- 
sichten überein. ^ 

Auch die socialen Systeme Saint-Simon's und Fourier's, 
welche den ersten Decennien des 19. Jahrhunderts angehören, 
kennen das Recht auf den vollen Arbeitsertrag noch nicht. 

•^ Vgl. unten die Darstelhmg der Lehren Proudhon's §. 7, Note 5. 

'^ Babeuf sagt im Tribun du peuple, Nr. 35 (vom 17 brumaire, 
an IV), S. 102: que . . . tout ce qu'un membre du eorps social a au- 
dessus de la Süffisance de ses besoins de toute espece et de tous les 
jours, est le resultat d'un vol fait aux autres co-associes, qui en prive 
necessairement un nombre plus ou moins grand, de sa cote-part dans 
les biens communs. 

' Babeuf erwähnt im Tribun du peuple, Nr. ;J0, vom "20 frimaire, 
an IV, S. 112 beistimmend eine Aeusserung: En parlant sans cesse du 
droit de propriete, il nous ont ravi cclui d'exister. 

^ Vgl. Buonarroti, Conspiration pour l'egalite, dite de Babeuf, 
Bd. 1 (1828) S. 208. 209; ferner das von Sylvain Marechal verfasste, 
aber vom geheimen Direktorium der Verschwörung wegen einzelner 



— 64 — 

Die wichtigsten socialen Schriften Saint-Simon's wur- 
den während der Restauration geschrieben, also in einer Zeit, 
wo die Gefahr vorhanden war, dass das feudal-klerikale Regi- 
ment die bürgerliche Gesellschaft, wie sie sich während der 
Revolution und unter der Herrschaft Napoleons ausgebildet 
hatte, vollständig in den Hintergrund drängen würde. Dieser 
Gegensatz, der mehr dem Ideenkreis des Liberalismus als jenem 
des Socialismus angehört, bildet nun den Mittelpunkt der Pole- 
mik, welche Saint- Simon gegen die herrschenden Zustände 
richtet. Als Typus der Ansichten Saint-Simon's kann ein 
Aufsatz gelten, welchen er zuerst im Organisateur (1819) ver- 
öffentlicht hat und der dann unter der Bezeichnung Parabole 
de Saint-Simon so bekannt geworden ist. ^ 

Saint-Simon nimmt in dieser Parabel zunächst an, dass 
Frankreich plötzlich seine hervorragendsten Gelehrten, Künstler, 
Landwirte, Fabrikanten, Kaufleute und Banquiers verliere. 
Die Folge eines solchen Verlustes würde nach der Ansicht 

Stellen verworfene Manifeste des Egaux in : Copie des pieces saisies 
dans le local que Babeuf occupait lors de son arrestation Bd. 1 (an V) 
S. 159, und Buonarroti a. a. 0. Bd. 2, S. 130 (dazu noch Bd. 1, 
S. 11-5, Note), endlich das Fragment eines Decret econoniique bei 
Buonarroti, Bd. 2, S. 30-5, art. 9, u. a. m. — Wie nahe damals die 
üebei-tragung des Gleichheitsprincips auf die ökonomischen Fragen lag, 
geht daraus hervor, dass selbst Condorcet, der doch keineswegs ein 
Socialist gewesen ist, in einer unmittelbar vor seinem Tode (1794) ver- 
fassten Schi-ift die Andeutung macht, dass er die Gleichheit aller 
Menschen in Bildung und Wohlstand für das letzte Ziel aller politischen 
Bestrebungen hält (egalite de fait, dernier but de l'art social). Vgl. 
Condorcet, Esquisse d'un tableau historique des progres de l'esprit 
humain, 2. Aufl. (an III), S. 329. Dieser Ausspruch Condorcet's 
wm-de von Sylvain Marechal dem Manifeste des Egaux als Motto 
vorangesetzt. 

« Saint-Simon, L'Orgauisateur. livr. I, 3. Aufl., 1819, S. 9—20. 
Unter dem Titel „Parabole de Saint-Simon" erscheint jener Aufsatz 
zuerst in den von Olinde Rodrigues im Jahre 1832 herausgegebenen 
gesammelten Schriften Saint-Simon's (S. 71—80) und später noch öfter. 



— 65 - 

Saint -Simon's sein, class Frankreich sich sofort in eine 
seelenlose Masse (corps sans äme) verwandeln und im Ver- 
hältnis zu den rivalisierenden Nationen so lange in einem Zu- 
stande der Inferiorität verharren würde, bis die nötige Anzahl 
von hervorragenden Kräften auf dem Gebiete der Wissen- 
schaft, der Kunst und des Gewerbes wieder nachgewachsen 
wäre. 

Saint-Simon nimmt nun andrerseits an, dass in Frank- 
reich plötzlich die königliche Familie, die höchsten Hof- und 
Staatsbeamten, alle höheren Geistlichen und die zehntausend 
reichsten Besitzer sterben würden. Er meint, dass dieser Ver- 
lust für Frankreich von gar keinen nachteihgeu Folgen be- 
gleitet wäre (il n'en resulterait aucun mal politique pour 
l'Etat), da sich genug Leute finden würden, um die leer ge- 
wordenen Plätze ebensogut wie die früheren Inhaber aus- 
zufüllen. 

Offenbar sind diese Ansichten, welche sich in allen gleich- 
zeitigen und späteren Schriften Saint-Simon's in hundert- 
fachen Variationen wiederfinden, ^^ mehr radikal-politisch, als 
socialistisch im heutigen Sinne des Wortes. Denn S a i n t- 
Simon rechnet zu den vorzugsweise nützHchen Mitgliedern 
der bürgerlichen Gesellschaft auch die hervorragendsten Unter- 
nehmer auf dem Gebiete der Industrie, des Handels und der 
Finanz ; gerade diesen aber wirft der moderne Socialismus vor, 
dass sie vorzugsweise aus dem Arbeitsertrage Anderer ihren 
Reichtum schöpfen. 

Noch weniger als Saint-Simon konnte Fouri er nach der 
ganzen Anlage seines Systems zu einer Anerkennung des Rechts 

^^ Vgl. z. B. die beiden Broschüren Saint-Simon s: Le parti 
national ou industriel compare au parti anti-national und : Sur la que- 
reile des abeilles et frelons (zuerst erschienen im „Politique", 10. und 
11. Lieferung aus dem Jahre 1819). Derselbe, Du Systeme industriel, 
1821, S. IV ff. und passim. Derselbe, Catechisme des industriels, 
Heft 1, 1823, S. 1 u. s. f. 

Meng er, Arbeitsertrag. 2. Aufl. 5 



— 00 — 

auf den vollen Arbeitsertrag gelangen. In den socialistischen 
Gemeinden Fourier's (den Plialansterien) soll der Arbeits- 
ertrag zwischen dem Kapital, der Arbeit mid dem Talent ge- 
teilt werden und zwar etwa in der Weise, dass auf das Kapital 
*/i2, auf die Arbeit ^,12 und auf das Talent ^/i2 des Gesamt- 
ertrages entfällt. ^ ^ Daraus ergiebt sich , dass F o u r i e r in 
seinem Gesellschaftssystem das arbeitslose Einkommen nichts 
weniger als ausschliessen will , ja er spricht es geradezu aus, 
dass eine grosse Ungleichheit des Vermögens in der von ihm 
vorgeschlagenen Gesellschaftsordnung unerlässlich sei.^^ Seine 
Schule hat an dieser Verteilungsart, namentlich auch an dem 
arbeitslosen Einkommen der Kapitalbesitzer , stets festge- 
halten.^^ 

Dagegen ging die Schule Saint-Simon's weit über die 
Ansichten ihres Meisters hinaus, welcher sich damit begnügt 
hatte, in seinen zahlreichen Schriften den Gegensatz zwischen 
dem unproduktiven Adel und Klerus einerseits und den pro- 
duktiven Ständen (Landwirtschaft, Industrie und Handel) andrer- 
seits hervorzuheben. Als hauptsächlichster Vertreter der neuen 
Richtung, durch welche der Saint-Simonismus erst einen ent- 
schieden socialistischen Charakter im heutigen Sinne des Wortes 
erlangte, kann Enfantin mit seinen nächsten Freunden gelten. 
Schon im „Producteur" (1825 — 1826) hatte Enfantin eine 
Anzahl von Artikeln veröffentlicht, in welchen er den Gegen- 

^^ Fourier, Le nouveau Monde industriel et societaire, 1829, 
S. 364 ff. 

^^ Fourier a. a. 0. S. 7, 135. 

^^ Considerant, Destinee sociale Bd. 1, 2. Aufl., 1847, S. 250, 
270; Bd. 2, 2. Aufl., 1849, S. 390. Hippolyte Renaud, Solidarite, 
5. Aufl., 1877, S. 90. Gatti de Gamond, Realisation d'une commune 
societaire d'apres la theorie de Charles Fourier, 1841/42, S. 180. S. R. 
Schneider, Das Problem der Zeit und dessen Lösung durch die Asso- 
ciation, 1834, S. 17 f., S. 47 ff. Albert Brisbane, Social destiny of 
man: or, association and reorganization of industry, 1840, S. 345 — 361 
u. s. f. 



— (37 — 

satz zwischen denjenigen, Avelche von ihrer Arbeit und jenen, 
welche von dem Ertrage fremder Arbeit leben (travailleurs et 
oisifs), als den wichtigsten hervorhob. ^"^ In diesen Artikeln 
findet sich schon die Ansicht, dass Grundrente und Kapital- 
gewinn eine Steuer sind , welche die Arbeiter den müssigen 
Grund- und Kapitaleigentümern dafür bezahlen müssen, damit 
diese ihnen die Produktionsmittel überlassen (Producteur, Bd. 1, 
S. 243, Bd. 2, S. 411). Dieser Zustand der Kapitalsklaverei 
(l'esclavage des capitaux) werde aber ebenso, wenn auch etwas 
später als die Menschensklaverei (l'esclavage de l'homme), ver- 
schwinden (Bd. 1, S. 249); doch soll dies nicht etwa durch 
Konfiskation der Produktionsmittel (Bd. 1, S. 564), sondern 
durch die fortschreitende öfi^'entliche Meinung, welche immer 
mehr das Unrecht eines auf Kosten Anderer geführten müssigen 
Lebens einsehen Averde, ferner durch die allmählige Ausbil- 
dung des Associationswesens geschehen (Bd. 4, S. 214, Bd. 1, 
S. 247, 561). 

Es ist klar, wie nahe sich hier die Ansichten Enfantin's 
und jene der gleichzeitigen englischen Socialisten berühren. Ob 
Enf antin die Werke von Godwin, Hall und namentlich. 
Thompson, dessen Hauptschrift vor kurzem (1824) erschienen 
war, gekannt hat, ist aus seinen Aufsätzen nicht zu entnehmen,, 
da er in denselben nur Ricardo, Malthus und andere Ver- 
treter der bürgerlichen Nationalökonomie erwähnt. Sismondi's 
Hauptw^erk, in welchem schon die Lehre vom Mehrwert und 
vom arbeitslosen Einkommen vorgetragen wird (§. 5 Note 12), 
ist Enf antin jedenfalls bekannt gewesen, weil er im Pro- 
ducteur (Bd. 5, S. 94 — 98) eine Kritik jener Schrift veröffent- 
licht hat. 

'^ Die wichtigsten Aufsätze von Enfantin sind: Considorations 
sur la baisse progressive du loyer des objets mobiliers et immobiliers, 
Producteur Bd. 1, 1825, S. 241—254, 555 — 567; Conversion morale d'un 
rentier Bd. 2; 1826, S. 401—411; Bd. 4, 1826, S. 213—243; Considerations 
sur Torganisation feodale et industrielle Bd. 3, 1826, S. 66—85. 



— 68 - 

In den Vorträgen über die Saiut-Simonistisclie Lehre, 
welche Bazard im Auftrag und unter Aufsicht des obersten 
Kates der Saint-Simonisten in den Jahren 1828 — 1830 hielt, 
ist der Standpunkt Enfantin's festgehalten und noch schärfer 
accentuiert. Eine ausdrückliche Anerkennung des Rechts auf 
den vollen Arbeitsertrag, wie sie sich so häufig in den Schriften 
der englischen Socialisten vorfindet, ist, soviel ich sehe, in 
diesen Vorlesungen nicht ausgesprochen, wohl aber ist das- 
selbe in dem berühmten Grundsatze der Saint-Simonisten, dass 
in einem gerechten Gesellschaftszustaude Jedermann nach seinen 
Fähigkeiten verwendet und nach seinen Leistungen be- 
lohnt werden soll, ^^ im Keime enthalten. Bazard zieht auch 
aus diesem Princip sofort die Folgerung, dass das Eigentum 
in seiner heutigen Gestalt, weil es die Ausbeutung der 
arbeitenden Klassen durch die müssigeu Grund- und Kapital- 
besitzer ermöglicht, zu beseitigen und durch andere Einrich- 
tungen zu ersetzen ist. Ueberhaupt sind in diesen Vorlesungen, 
die zu den wichtigsten Denkmälern des Socialismus gehören, 
schon alle modernen socialistischen Schlagworte enthalten 
(s. bes. Vorl. 6 — 8) und die neueren Socialisten haben zu der 
Kritik des auf das Privateigentum begründeten Gesellschafts- 
zustandes, wie sie Bazard und Euf antin in diesen Vorlesungen 
lieferten, ^"^ nur wenig hinzuzufügen vermocht. 

^•^ Doctrine de Saint-Siinon, Exposition, preiniere annee, 1828 — 1829, 
Vlle seance vom 11. März 1829: Si . . . riiumanite s'achemine vers un 
etat oü tous les individus seront classes en raison de.leur capacite et 
retribues suivant leurs oeuvres, il est evident que la prop riete, teile 
qu'elle existe, doit etre abolie, puisqu'en donnant ä une certaine classe 
d'hommes la faculte de vivre du travail des autres et dans une com- 
plete oisivete, eUe entretient l'exploitation d'une partie de la population 
la plus utile, celle qui travaille et produit, au profit de celle qui ne 
sait que detruire. 

^^' Zufolge Fournel, Bibliographie Saint-Simonienne, 1833, S. 66, 
70, rührt die sechste und siebente Vorlesung von Bazard, die ae£te von 
Enfantin her. 



— 69 — 

Die in den Vorlesungen über die Lehre Saint-Simon's 
ausgesprochenen Grundsätze wurden von den Saint-Simonisten 
während der ganzen öffentlichen Wirksamkeit dieser Schule 
in zahllosen Zeitungsartikeln vertreten. Ich hebe hier nur 
einen kurzen Artikel aus dem Hauptorgan des Saint-Simonis- 
mus, nämlich dem „Globe" vom 9. Februar 1831 (S. 157) 
hervor, weil derselbe präcis den wesentlichen Inhalt der Saint- 
Simonistischen Lehre angiebt und in den socialistischen Blättern 
jener Zeit vielfach bemerkt und besprochen wurde. ^'' Der 
„Constitutionnel", damals neben dem „Journal des Debats" das 
wichtigste liberale Tagblatt in Paris, hatte die „mystischen" 
Anhänger des Saint-Simonismus mit einem Anflug von Ironie 
erwähnt. Darauf formulierte nun der „Globe" in der oben 
erwähnten Nummer das Programm des Saint-Simonismus 
folgendermassen: Nous voulons l'abolition de tous les Privi- 
leges hereditaires, sans exception ; nous voulons l'emaneipation 
des travailleurs et la decheance de l'oisivete qui les ronge et 
les fletrit; nous voulons qu'il n'y ait honneur, consideration et 
abondance que pour les hommes qui nourissent les nations, 
qui les eclairent, c|ui les animent de leurs inspirations , c'est 
ä dire pour les industriels, les savants et les artistes; nous 
voulons que celui qui seme recolte; que les fruits du travail 
des classes laborieuses ne soient pas devores par les classes 
oisives qui ne fönt rien, qui ne savent rien, qui n'aiment 
qu'elles memes; nous voulons un ordre social completement 
base sur le principe: A chacun selon sa capacite, ä chaque 
capacit^ selon ses oeuvres; nous voulons, ceci est clair, la 
suppression graduelle de tous les tributs que le travail 
paie a l'oisivete sous les noms divers de fermage des 
terres, loyer des usines et des capitaux. 



^^ Vgl. z. B. den Artikel von Fourier in der Reforme industrielle 
vom 22. November 1832, S. 222, ferner Abel Transon, ebenda 
S. 209. 212. 



In diesem Programm, welches zweifellos unter dem mass- 
gebenden Einfluss Enfantin'.s entstand, ist zwar das Recht 
auf den vollen Arbeitsertrag nicht wörtlich erwähnt, wohl 
aber sind alle Konsequenzen, welche dieses Recht in sich 
schliesst, mit grosser Kürze und Klarheit ausgesprochen. 
Wenige Wochen später (im Globe vom 7. März 1831, S. 2G4) 
erschien von Enfautin unter dem Titel „Les oisifs et les 
travailleurs. — Fermages, loyers, interets, salaires", ein Auf- 
satz, in dem er den Gegensatz zwischen den besitzenden und 
arbeitenden Klassen im Sinne jenes Programms näher dar- 
legt.^- An diese Arbeiten schlössen sich im Laufe der nächsten 
Zeit zahlreiche Zeitungsartikel und Broschüren verschiedener 
Verfasser an, welche jene Grundgedanken von zum Teil sehr 
abweichenden Standpunkten aus beleuchteten.^^ 

Durch welche praktischen Massregeln gedenkt aber der 
Saint-Simonismus zu bewirken, dass die arbeitenden Klassen 
von der Steuer, die sie an die müssigeu Reichen in der Gestalt 
von Miete, Pacht und Darlehenszius entrichten, befreit werden? 
Als Ideal stellt der Saint-Simouismus eine allgemeine Ver- 
brüderung aller Menschen (association universelle) zum Zwecke 
der friedlichen Arbeit hin,^" innerhalb deren jedoch die ein- 
zelnen Staaten fortbestehen sollen. Auf den Staat, der seine 

^^ Die von Enf antin im „Globe" in der Zeit vom 28. November 
1830 bis 18. Juni 1831 erschienenen Artikel wurden später als eine 
Broschüre : Economie politique et Politique, in drei Auflagen publiziert. 

1^ Vgl. z. B. Fournel, L'Oisif antique et l'Oisif moderne im 
Globe vom 21. März 1831. Derselbe, Questions sur le droit d'here- 
dite im Globe vom 26. Juni, 26. August und 27. September 1831, ferner 
Isaac Pereire, Le90ns sur l'industrie et les finances in der dritten 
Vorlesung (Globe vom 16. und 27. September 1831, und S. 38 ff. des 
Separatabdruckes, welcher im Jahre 1832 erschienen ist), endlich Michel 
Chevalier, Politique industrielle im Globe vom 30. März 1832 und 
S. 29 ff. des Separatabdi-uckes aus dem Jahre 1832 u. a. - 

" S. die Exposition in der Ausgabe der sämtlichen Werke von 
Saint-Simon und Enfantin Bd. 41, 1877, S. 180, 220—221. 



— 71 — 

heutigen bureaukratisch-militärischen Formen abstreifen und 
der sich in eine Gesellschaft der Arbeiter verwandeln muss, 
ist das Erbrecht zu üliertragen, während das Erbrecht der 
einzelnen Individuen, wie es unser heutiges Privatrecht kennt, 
zu beseitigen ist/''^ Durch das staatliche Erbrecht muss all- 
mählich die ganze Masse der Produktionsmittel und der benutz- 
baren Sachen auf friedhchem Wege an den Staat fallen. Die 
Staatsgewalt, welche nach der Ansicht des Saint-Simonismus 
eine theokratische Färbung haben soll, hat eine wdrtschaftliche 
Centralbehörde (une banque unitaire, directrice) mit den er- 
forderhchen Unterbehörden einzusetzen, welche über alle Reich- 
tümer, über alle Produktionsmittel zu verfügen hätte. ^^ Diese 
Centralbauk hätte die Produktionsmittel den Fähigsten zum 
Zwecke der Produktion zuzuweisen, ^^ doch würde diese nicht 
für die Rechnung der Produzenten erfolgen, welche vielmehr 
nur Anspruch auf ein bestimmtes Gehalt hätten. ^^ Der Saint- 
Simonismus trachtet also seinen obersten Grundsatz, dass Jeder 
nach seinen Fähigkeiten verwendet und nach seinen Leistungen 
belohnt werden soll, durch einen schrankenlosen, theokratisch 
gefärbten Staatssocialismus zu erreichen. 

Die Saint-Simonistische Lehre wurde bald nach ihrer Ent- 
stehung durch eine Reihe von Schriften auch in Deutschland 
bekannt. Ich nenne von denselben nur die Werke von 
Carove,^^ Bretschneider ^*^ und Moritz Veit.-^ In diesen 
Schriften sind auch die oben dargelegten Ansichten der Saint- 

2' Exposition a. a. O. Bd. 41, S. 243. 

22 Exposition S. 252—253, 271. 

2* Exposition S. 303, 329. 

2* Exposition S. 274. 

25 Pj._ Willi. Carove, Der Saint-Simonismus und die neuere 
französische Philosophie. Leipzig, 1831. 

2^ K. G. Bretschneider, Der Saint-Simonismus und das Christen- 
tum, Leipzig, 1832. 

2' Moritz Veit, Saint-Simon und der Saint-Simonismus. Allge- 
meiner Völkerbund und e'wifrer Frieden, 1834. 



Simoiiisteu über das Recht auf den vollen Arbeitsertrag kurz 
erwähnt.-^ Man kann deshalb wohl annehmen, dass die 
deutschen Schriftsteller, welche später die Saint-Simonistischen 
Theorien ohne wesenthche Abweichungen vortrugen (Rod- 
bertus!), dieselben nicht etwa selbständig entdeckt, sondern 
ihren Vorgängern entnommen haben. 

-^ Carove S. 139 ff., Bretschneider S. 35 ff., Veit S. 156—178. 



§. 7. Proudhon.i 

Den Grundgedanken der Saint-Simonisten, dass jedes ar- 
beitslose Einkommen , mag es in der Gestalt von Grundrente 
oder Kapitalgewinn bezogen werden, ein Unrecht gegen die 
arbeitenden Klassen ist, hat auch Proudhon festgehalten. Nur 
ist seine Kritik der bestehenden Zustände viel energischer, seine 
Ausdrucksweise viel schroffer als jene der Saint-Simonisten. 
Man merkt an dem Tone seiner Schriften sofort, dass seine 
Polemik schon einen mächtigen Resonanzboden in den un- 
zufriedenen Arbeitermassen besitzt. Origineller als in seiner 
Kritik ist Proudhon in den praktischen Massregeln, welche 
er zur Beseitigung des arbeitslosen Einkommens vorschlägt, 
obgleich auf sein Projekt einer Volksbank, wovon unten die 
Rede sein wird, die Arbeitstauschbank Owen's in London 
(s. unten §. 8) und die Tauschbank Mazel's in Marseille 
(1829 — 1845)^ nicht ohne Einfluss geblieben sein mögen. 

Gleich zu Anfang seines ersten Hauptwerkes über das 
Eigentum^ beantwortet Proudhon die Frage: „Was ist das 

^ Vgl. über Proudhon jetzt vorzüglich die Schrift von K a r 1 D i e h 1 : 
P. J. Proudhon. Seine Lehre und sein Leben, 1. und 2. Abt., 1888 — 90, 
besonders 11, S. 35 fF., S 176; ferner Arthur Mülberger, Studien 
über Proudhon, 1891. 

^ Vgl. Engländer, Geschichte der französischen Arbeiter- Asso- 
ciationen, Bd. 4, 18(J4, S. 02, 7G ft'., und Mazel, Code social. 1843, 
S. 59 ff., 106 ff. 

^ P. J. Proudhon, Qu'est-ce que la propricte, ou recherches sur 



— 74 — 

Eigentum", durch die bekannte Formel: „Das Eigentum ist 
Diebstahl" (La propriete c'est le vol).'^ In ähnlicher Weise hatte 
sich übrigens in Betreff des Eigentums schon im Jahre 1780 
der spätere Führer der Girondisten, Brissot, in seiner Schrift 
über das Eigentum und den Diebstahl, ferner Babeuf in dem 
Tribun du peuple geäussert.'' Proudhon setzt das Unrecht, 
welches nach seiner Ansicht in dem Bestand des Eigentums 
liegt, sehr ausführlich auseinander, nennt das Eigentum mör- 
derisch, tyrannisch und erklärt es aus allen diesen Gründen 
für „unmöglich".*^ 

Auch das Recht der Arbeiter auf den vollen Arbeits- 
ertrag — die positive Kehrseite dieser heftigen Kritik des 
Privateigentums — ist bei Proudhon klarer als bei den Saint- 
Simonisten ausgesprochen. Proudhon behauptet — und er 
glaubt damit etwas Neues auszusprechen — dass der Arbeiter, 
selbst nach Empfang des Lohnes, ein natürliches Eigentums- 
ie principe du droit et du gouvernement, 1840, ferner Lettre ä M. Blanqui 
sur la propriete. Deuxieme memoire 1841. Avertissement aux proprie- 
taires ou lettre ä M. Gonsiderant, etc., 1841. Die beiden ersten Schriften 
bilden den ersten Band der sämtlichen Werke, die bei Lacroix er- 
schienen sind. 

* Proudhon, Oeuvres completes Bd. 1, S. 13. 

'" Brissot, Sur la propriete et sur le vol, S. 63 des Brüsseler 
Abdrucks (oben §. 3, Note 5): Si quarante ecus sont suffisants pour 
conserver notre existence, posseder 200 mille ecus est un vol evident. . . . 
S. 64. Cette propriete exclusive est un delit veritable contre la nature. . . . 
S. 108. Le voleur dans l'etat de nature est le riebe, c'est celui qui a 
du superflu; dans la societe, le voleur est celui qui derobe ä ce riebe. 
— Ebenso bemerkt Babeuf, Tribun du peuple, Bd. 2, S. 102 (an IV) 
que . . . tout ce qu'un membre du corps social a audessus de la Süffisance 
de ses besoins de toute espece et de tous les jours, est le resultat d'un 
vol fait aux autres co-associes, qui en prive necessairement un nombre 
plus ou moins grand de sa cote-part dans les biens communs. Eine 
ganz ähnliche Aeusserung findet sich auch schon bei Locke, Two treatises 
of government II, 46. 

•"' Proudhon, Qu'est-ce que la propriete? Ch. 4. 



recht an der von ihm produzierten Sache behält.'' Sieht 
man von der unjuristischen Ausdrucksweise ab, deren sich 
Proudhon hier wie an zahlreichen anderen Stellen seiner 
Werke bedient, so erscheint gleich in seinem ersten Haupt- 
werk das Recht des Arbeiters auf den vollen Arbeitsertrag 
ausgesprochen. 

Eine einfache Konsequenz dieses Standpunktes ist es nun 
auch, dass Proudhon in seiner Schrift über die Tauschbank''* 
(1849) alles arbeitslose Einkoramen für ein Unrecht erklärt 
und es als eine blosse Steuer hinstellt, welche die Grund- und 
Kapitaleigentümer, ohne persönliche Gegenleistung, kraft ihrer 
gesetzlichen Machtstellung von den arbeitenden Klassen ein- 
heben, um diesen überhaupt nur die produktive Arbeit zu ge- 
statten.^ Er will in dieser Schrift die gefährliche Formel: 
La propriete c'est le vol, welche er vor fast einem Jahrzehnt 
aufgestellt hatte, nicht wiederholen,^'^ aber er erhebt gleich- 
wohl gegen das Eigentum mit allen seinen Konsequenzen 
feierlichen Widerspruch. ^ ^ 

Proudhon ist also ein heftiger Gegner des Pivateigen- 
tums in seiner heutigen Gestalt, er hält aber auch jede Gattung 
der Gütergemeinschaft, auf welche der Socialismus nach seiner 

' Proudhon, Bd. 1, S. 91. Voici ma proposition: Le travailleur 
conserve, meme apres avoir re9u son salaire, un droit naturel de pro- 
priete sur la cliose qu'il a produite. 

^ Proudhon, Resume de la question sociale, banque d'echange, 
1849, abgedruckt in den sämtlichen Werken Bd. 6. 

* Proudhon a. a. 0. Oeuvres completes Bd. 6, S. 174: La pro- 
priete ... est le reto mis sur la circulation par les detenteurs de capi- 
taux et d'instruments de travail, Pour faire lever ce veto et obtenir 
passage, le consommateur producteur paie ä la propriete un droit qui, 
suivant la circonstance et l'objet, prend tour-ä-tour les noms de rente, 
fermage, loyer, interet de l'argent, benefice, agio, escompte, commission, 
privilege, monopole, prime, cumul, sinecure. pot-de-vin, etc. etc. 

^" Oeuvres completes, Bd. 6, S. 148. 

^^ Oeuvres completes, Bd. G, S. 174. 



— rO — 

Ansicht scliliesslicli hinausläuft, für utopisch und verwerfhch,^^ 
und er will deshalb die Individualwirtschaft und die freie 
Konkurrenz aufrecht erhalten.^-' Die Mittel, um diese scheinbar 
widerstreitenden Ansichten zu vereinigen, soll ihm der Kredit 
bieten. 

Schon in seinem Systeme des Contradictions economiques 
(1846)^^ hatte Proudhon — allerdings ziemlich dunkel — 
eine neue Lösung des socialen Problems in dem angedeuteten 
Sinne versprochen. Die Ereignisse des Jahres 1848 nötigten 
ihn, sein Projekt in der Form von Broschüren und Zeitungs- 
artikeln dem Publikum vorzulegen,^' während er ursprünglich 

^- Proudhon, Systeme des contradictions economiques ou philo- 
sopliie de la misere, Bd. 2, 1846, eh. 12. 

^^ Proudhon a. a. 0. Bd. 1, 1846, eh. V., femer die Stelle in den 
Oeuvres completes Bd. 6, S. 92. 

^* Oeuvres completes Bd. 4, S. 414 ff. (Bd. 2, S. 527 ff. der Ori- 
ginalausgabe aus dem Jahre 1846). 

'^ Die drei Hauptschriften Proudhon's über die Lösung der so- 
cialen Frage sind : Organisation du credit et de la circulation et Solution 
du Probleme social, 1848, — Resume de la question sociale, banque 
d'echange (zuerst erschienen im Representant du peuple vom 26. April 
1848 an, dann als Broschüre 1849), — Banque du peuple, suivie du 
rapport de la commission de delegues du Luxembourg, 1849. Diese 
Broschüren sind im sechsten Band der sämtlichen Werke Proudhon's 
abgedruckt, doch ist ein volles Verständnis der Pläne Proudhon's nur 
aus den Journalen, an welchen er in den Jahren 1848 — 50 mitwirkte 
(Le Representant du peuple, Le Peuple, la Voix du peuple, Le Peujjle 
de 1850) zu erreichen. Ausserdem ist noch die berühmte Diskussion 
zwischen Proudhon und Bastiat über die Unentgeltlichkeit des 
Kredits zu vergleichen, welche ursprünglich in der Voix du peuple vom 
22. Oktober 1849 an, dann in zwei von Proudhon und Bastiat unter 
dem Titel Interet et principal, 1850, Gratuite du credit, 1850, veran- 
stalteten Separatabdrücken erschienen ist. Gegenwärtig ist dieser Brief- 
wechsel in Proudhon's Oeuvres completes, Bd. 19, und vollständiger 
in Bastiat's Oeuvres completes, Bd. 5, enthalten. — Wesentlich ab- 
weichende Vorschläge zur Lösung der socialen Frage, namentlich zur 
Beseitigung des arbeitslosen Einkommens macht Proudhon in seiner 
Idee generale de la revolution au XIX*' siecle, 1851, 5^ etude. 



die Absicht hatte, alle seine Vorschläge in einem Werk unter 
dem Titel: „Programme de l'association progressive, Solution 
du Probleme du Proletariat" darzustellen und wissenschaftlich 
zu begründen. ^"^ 

Im Wesentlichen bestehen die Vorschläge darin, dass eine 
Tausch- oder Volksbank (ßanque d'echange, banque du peuple) 
gegründet werden soll, welche es ermöglichen würde, zinslose 
Darlehen zu geben (gratuite du credit). Diese Unentgeltlich- 
keit des Kredits würde dann, wie Proudhon mit Recht be- 
hauptet, zur notwendigen Folge haben, dass auch Grundrente 
und Kapitalgewinn verschwinden müssten.^^ Denn wer wird 
diese Steuern an die Grund- und Kapitaleigentümer entrichten, 
wenn die Unentgeltlichkeit des Kredits ihm die Möglichkeit 
eröffnet, sich mit einem zinslosen Darlehen Grundstücke, Häuser 
und Fabriken jederzeit selbst anzuschaffen? Mit anderen Worten : 
Ist die Unentgeltlichkeit des Kredits durch irgend eine Kom- 
bination verwirklicht, so ist damit auch das ganze arbeitslose 
Einkommen beseitigt und auf diese Weise die sociale Frage 
unter Aufrechterhaltung des Privateigentums und der Indivi- 
dualwirtschaft gelöst. 

^^ Darimon in den Oeuvres completes, Bd. 6, S. 136. 

'^ Vgl. den neunten Brief von Proudhon an Bastiat (31. Dezember 
1849), in Bastiat, Gratuite du credit, 1850, S. 149; Proudhon, In- 
teret et principal, 1850, S. 109: Si donc l'interet, apres etre tombe, 
pour le numeraire, ä trois quarts pour cent, c'est-ä-dire ä zero, puisque 
trois quarts pour cent ne representent plus que le service de la Banque, 
tombait encore ä zero pour las marchandises; par l'aualogie des prin- 
cipes et des faits, il tomberait encore ä zero pour les meubles; le fer- 
nläge et le loyer finiraient par se confondre avec Tamortissement. 
Ebenso Proudhon, Le droit au travail et le droit de propriete, 1848, 
in den Oeuvres completes Bd. 7, S. 208. — Durch diese auf die Un- 
entgeltlichkeit des Kredits gerichtete Tendenz unterscheidet sich der 
Vorschlag Proudhon's durchgreifend von den Arbeits-Tauschbanken 
Owen's und Mazel's, welche nur den direkten Austausch von "Waren 
und Dienstleistungen (ohne Vermittlung des Geldes) herbeiführen sollten. 
Vgl.Proudhon,Les confessions d'un revolutionnaire, 3. Aufl., l851,S.240ff. 



- 78 — 

Wie aber gedenkt Proudhon einen Erfolg von so un- 
absehbarer Tragweite herbeizuführen? Auf eine selir einfache 
Weise! Die Unentgeltlichkeit des Kredits wird nämlich durch 
ein von der Volksbank ausgegebenes Papiergeld bewirkt, welches 
den Namen Bons de circulation führt und das alle Mitglieder der 
Bankgesellschaft bei Zahlungen anzunehmen verpflichtet sind. 
Die Volksbank braucht die Bons nicht in klingender Münze 
einzulösen, vielmehr enthält der Bon nur eine Anweisung an 
die Mitglieder der Bankgesellschaft (Societaires et adhe'rents), 
dem Inhaber Waren und Dienste bis zu einem bestimmten 
Betrage zu liefern, ^^ Die Bons de circulation unterscheiden 
sich also nicht wesentlich von uneinlöslichen Bank- oder 
Staatsnoten mit Zwangskurs, nur sollte eben der gesetzliche 
Zwangskurs durch eine vertragsmässige Verpflichtung der 
Genossen zur Annahme der Bons ersetzt werden. 

Der entscheidende Punkt ist selbstverständlich, in welchem 
Masse und unter welchen Bedingungen solche Bons von der 
Bank an die Mitglieder abgegeben werden. Ein Höchstbetrag 
der Bons wird von Proudhon nicht festgesetzt, sie waren 
vielmehr nach seiner Absicht beliebig vermehrbar. ^^ Was 
aber die Bedingungen betrifft, unter welchen die Bank den 
Teilnehmern die Bons abgeben sollte, so stehen die Statuten 
der Volksbank mit den theoretischen Ausführungen Proudhon's 
nicht recht im Einklang. In der Broschüre, in welcher er 
die Tauschbank (Banque d'echange, später Banque du peuple) 
zuerst empfahl, ^^ machte er die weitestgehenden Versj)rechungen; 



'® Der wesentliche Inhalt eines solchen Bons lautet folgendermassen: 
A vue, payez au porteur, contre le present ordre, en marchandises, pro- 
duits ou Services de votre Industrie, la somme de cinq fraucs, valeur 
re^ue ä la Banque du Peuple. — A tous les adherents de la Banque 
du Peuple. (Ygl. das Formular bei Proudhon, Bd. 0, S. 309.) 

19 Oeuvres completes, Bd. 6, S. 120 ff. 

-" Organisation du credit et de la circulation et Solution du Pro- 
bleme social (s. oben Note 15) in den Oeuvres completes Bd. 6, S. 89 ff. 



— 79 — 

er behauptet, durch seme Vorschläge würde dem Kredit eine 
so umfassende Grundlage gegeben, dass ihn keine Inanspruch- 
nahme erschöpfen könne und es werde dadurch ein Absatz 
geschaffen, dem die Produktion niemals genügen werde. ^ ^ Die 
Abschaffung des Metallgeldes, der Steuern, der Zölle, der 
Staats- und Hypothekarschulden sollte eine der ersten Kon- 
sequenzen des neuen Kreditsystems bilden. ^^ Dass zur Er- 
reichung dieser Zwecke die Emission einer ungeheuren Masse 
von Bons erforderlich wäre, liegt auf der Hand. Wie könnte 
auch sonst Proudhon annehmen, dass die Volksbank die 
Unentgeltlichkeit des Kredits und die Beseitigung des arbeits- 
losen Einkommens (Note 17) bewirken werde? 

Nach den Statuten der Volksbank sollten dagegen die 
Bons vorerst nur gegen bares Geld und zur Eskomptierung 
von guten Handelspapieren abgegeben werden. ^^ Später sollte 
die Bank zwar weniger streng vorgehen, immerhin aber bei 
der Eskomptierung von Forderungen die gewöhnlich von den 
Banquiers beobachteten Vorsichten anwenden. ^"^ Die wichtigste 
dieser Vorsichten besteht aber bekanntlich darin, dass die 
Kreditnehmer zahlungsfähig sein, d. h. den besitzenden 
Klassen angehören müssen. 

Auch die Unentgeltlichkeit des Kredits wurde durch die 
Statuten der Volksbank nicht verwirklicht. Principiell war 
zwar die Zinslosigkeit .der von der Bank gewährten Darlehen 

-^ Proudhon (Bd. 6, S. 90) giebt als Zweck seiner Vorschläge 
an: Doubler, tripler, augmenter ä l'infini le travail, et par conseciuent 
le produit. — Donner au credit une base si large, qu'aueune demande 
ne l'epuise, etc. 

-•- Proudhon Bd. 6, S. 120 ff. 

^^ Statuten der Banque du peuple vom 31. Januar 1849, Art. 31 
und 32. 

^* . . . L'escompte . . . sera fait dans une proportion de plus en 
plus large, sauf les precautions ordinaires prises par les banquiers, et 
fixees par le reglement de la banque (Art. 32 der Stat.). 



— 80 — 

ausgesprochen,^^ vorläufig aber sollten die Bons nur gegen 
Zinsen von 2"o abgegeben werden. Später sollte dieser Zins- 
fuss herabgesetzt werden, jedoch nicht unter V^"'o, welcher 
Betrag die Gebühr für die Dienstleistungen der Bank darzu- 
stellen hatte. ^^ 

Die Volksbank Proudhon's kam nicht zustande, weil 
das erforderliche Aktienkapital (50 000 fr.) nicht eingezahlt 
worden war und Proudhon, wegen seiner Verurteilung zu 
einer längeren Gefängnisstrafe, die Leitung des Instituts nicht 
übernehmen konnte. ^^ Aber wenn sie auch ins Leben ge- 
treten wäre, so hätte sie die Hoffnungen ihres Urhebers gewiss 
niemals erfüllt. Denn wenn die Bankleitung die Bons in 
sehr grosser Menge und ohne Rücksicht auf die Zahlungs- 
fähigkeit der Ki'editnehmer abgab, so war eine ins Ungemessene 
gehende Entwertung dieses Papieres unvermeidhch. Eskomp- 
tierte dagegen die Bank nur die Forderungen von zahlungs- 
fähigen Personen — und dies scheint in der That nach den 
Statuten der Volksbank zuletzt die Absicht Proudhon's ge- 
wesen zu sein — so musste die Cirkulation der Bons nur 
eine sehr beschränkte bleiben, die Unentgeltlichkeit des Kredits 
oder gar die Beseitigung des arbeitslosen Einkommens konnte 
niemals eintreten, ja die ökonomische Uebermacht der zahlungs- 
fähigen, d. h. der besitzenden Volksklassen musste durch die 
Volksbank (wie durch alle anderen Banken) geradezu ge- 
steigert werden. 

^^ Statut der Volksbank, Art. 34: D'apres le principe et le but 
de son Institution, qui est la gratuite absolue du credit, la Banque du 
Peuple, rempla^ant dans une proportion toujours croissante la garantie 
du numeraire par la garantie qui resulte de Faeeeptation reciproque 
et prealable de son papier par tous ses adherents, peut et doit operer 
rescompte, et donner credit moyennant un interet toujours moindre 

2^ Statut der Volksbank, Art. 34, 35. 

^' Vgl. die Verlautbarung Proudhon's in seinem Journal: Le 
Peuple, Nr. 144 vom 12. April 1849. 



— 81 — 

An die Stelle der kommunistischen Utopien, welche 
Proudhon mit so grosser Entschiedenheit bekämpft, hat er 
selbst also eine privatwirtschaftliche Utopie von der 
krassesten und augenfälligsten Uudurchführbarkeit gesetzt. 
Niemand hat nachdrücklicher als Proudhon hervorgehoben, 
dass das arbeitslose Einkommen, welches die Grund- und 
Kapitaleigentümer beziehen, nur eine Folge der ihnen von 
der Rechtsordnung eingeräumten Machtstellung ist. Solange 
aber diese Machtstellung dauert — und Proudhon will in 
dieser Beziehung keine Aenderung vornehmen — kann das 
arbeitslose Einkommen durch keine Einrichtung des Kredits, 
wie fein dieselbe auch ausgesonnen sein mag, beseitigt werden. 



M e n g e r , Arbeitsertrag. 2. Aufl. 



§. 8. Rodbertus. 

In der neuesten Zeit hat sich zwischen den Anhängern 
von Marx und Rodbertus ein lebhafter Streit über die Ori- 
ginalität der socialistischen Grundideen dieser beiden Schrift- 
steller erhoben. Schon Rodbertus hatte in einem seiner 
Briefe an Dr. Rudolf Meyer erklärt, „dass er sich heute bei 
Schäffle und Marx geplündert finde, ohne dass er genannt 
werde". ^ Und in einem anderen Briefe ^ sagt Rodbertus: 
„Woraus der Mehrwert des Kapitalisten entspringt, habe ich 
in meinem dritten socialen Briefe im Wesentlichen ebenso wie 
Marx, nur viel kürzer und klarer gezeigt. " Andrerseits ver- 
sichert uns Engels in einer von Marx selbst gebilligten 
Schrift, dass dieser die „grosse Entdeckung" des Mehi'wertes 
gemacht und dass erst dadurch der Socialismus sich in eine 
Wissenschaft verwandelt habe.^ Seither ist die Frage, welcher 
von den beiden Schriftstellern dem anderen seine wichtigsten 
Ansichten entlehnt hat, oft besprochen worden.^ Die Wahr- 

^ Dr. Rudolf Meyer, Briefe und socialpolitische Aufsätze von 
Dr. Rodbertus-Jagetzow, Bd. 1, S. 134. 

2 Dr. Rudolf Meyer a. a. 0. Bd. 1, S. 111. 

3 Engels, Streitschrift gegen Dühring, 1877/78, S. 10, 162 und 
S. X. der zweiten Auflage derselben Schrift (1886). Vgl. auch unten 
§. 9 Note 1. 

* Vgl. Rodbertus, Vierter socialer Brief, 1884, S. XV (von 
Theophil Kozak); Engels, Das Elend der Philosophie, deutsche 
Ausgabe, 1885, S. VI; derselbe, in der Vorrede zu ^Das Kapital" von 



— 83 — 

heit ist, dass sowohl Rodbertiis als auch Marx ihre grund- 
legenden Theorien aus den älteren Socialisten und zwar der 
erste vorzüglich aus Proudhon und den Saint-Simonisten, der 
letztere namentlich aus William Thompson geschöpft hat. 
Der ganze Prioritätsstreit, der nicht ohne einen gewissen komi- 
schen Beigeschmack ist, hätte niemals entstehen können, wenn 
Rodbertus und Marx sich nicht mit gleicher Sorgfalt ge- 
hütet hätten, dem Publikum die Quellen ihrer Ansichten mit- 
zuteilen. 

Rodbertus teilt das Einkommen jedes Einzelnen in Ar- 
beitslohn und in Rente ein, je nachdem die Bezugsberech- 
tigten „entweder durch ihre unmittelbare Mitwirkung bei der 
Produktion oder nur durch einen gelegentlichen Besitz dazu 
berechtigt sind. Die Rente ist daher dasjenige Einkommen, 
das Jemand auf Grund seines Besitzes, ohne dass er deshalb 
selbst zu arbeiten brauchte, bezieht".^ Diese Unterscheidung 
findet sich und zwar fast wörtlich schon in älteren National- 
ökonomen und Socialisten vor,*" 

K. Marx, Bd. 2, 1885, S. VIII u. ff. Einiges hierher Gehörige ent- 
halten auch die Aufsätze von K. Kautsky und Schramm in den Jahr- 
gängen 1884, 1885 der „Neuen Zeit". — In dem Jahrgang 1887 der 
„Neuen Zeit" S. 49 — 62 findet sich unter dem Titel „Juristen-Socialismus" 
eine heftige Kritik gegen die hier vertretenen Ansichten über den Ur- 
sprung der socialistischen Grundideen, doch geht der anonyme Verfasser 
viel zu wenig auf die entscheidenden litterärgeschichtlichen Fragen 
ein, um eine wissensch^tliche Polemik zu ermöglichen. 

■'' Rodbertus, Zur Erkenntnis unserer staatswirtschaftlichen Zu- 
stände, 1842, S. 64; Zur Beleuchtung der socialen Frage I, 1875, S. 32 
(Zweiter socialer Brief an Kirch mann, 1850, S. 59). 

^ Sismondi, Nouveaux Principes d'economie politique Bd. 1, 
1. Aufl., 1819, S. 104 und passim. (Oben §. 5, Note 12.) T. R.'Ed- 
monds: Pratical, Moral and Political Economy, 1828, S. 114: „The 
income of every individual consists either of Revenue or Wages or of 
both. Revenue is ivhat costs the receiver ho labouy, it is (jenenilly derived 
from property in lands, Jiouses, money^ machinery etc. Wages may be 
defined to be the commodities which a man of ordinary talents, and 



— 84 — 

Wie entsteht aber das arbeitslose Einkommen, die Rente 
(Saint-Siraonismus, Rodbertus), der Mehrwert (Thomp- 
son, Marx)? Der Grund dieser Erscheinung liegt nach der 
Ansicht von Rodbertus in der geltenden Rechtsordnung, 
speciell in dem Grund- und Kapitaleigentum. „Denn das 
positive Recht, sagt Rodbertus, erklärt den Boden und das 
Kapital als einzelnen Individuen ebenso eigentümlich zustehend, 
als dem Arbeiter die Arbeitskraft. Dadurch sind die Arbeiter, 
um nur überhaupt produzieren zu können, gezwungen, in eine 
Verbindung mit den Besitzern des Bodens und des Kapitals 
einzugehen und sich das Arbeitsprodukt mit diesen zu teilen . . . 
Diese Verbindung ändert nichts an den natürlichen produktiven 
Elementen aller Güter, sondern beseitigt nur ein gesell- 
schaftliches Hindernis dieser Produktion, das will- 
kürliche quod non der Grund- und Kapitaleigentümer 
und beseitigt dies durch eine Teilung des Produkts." ^ 

possessing no property or credit, receives in exchange for bis labour. — 
Economie politique et Politique (von Enfantin) 2. Aufl., 1832, S. 68, 
69 (vgl. oben §. 6, Note 18): „Tous sentiront alors que les efforts qui 
auraient pour but de reduire Vinteret, les loyers et les fermages, cest-ä-dire 
de diminuer Ja rente faite par le t)-availleHr au proprii'talre oisif, auraient, 
ainsi que ceux qui favoriseraient la bausse des salaires, Timmense 
avantage d'accroitre l'importance sociale du travail et de deconsiderer 
progressivement l'oisivete. — H. Feugueray (Scbüler des Saint- 
Simonisten Bucbez), L'association ouvriere industrielle et agricole, 1851, 
S. 53: Ce prelevement (der Grund- und Kapitaleigentümer) c'est ce 
qu'on appelle tantot rente de la terre, tantot loyers, tantot interets, 
tantot dividendes, et que je comprends sous ce seul mot: Rente. Vgl. 
aucb die Exposition de la doctrine Saint-Simonienne , Bd. 41, S. 247 
(unten Note 10); Ott (Scbüler Bucbez'), Traite d'economie sociale, 1851, 
S. 201, und Ludwig Gall, Was könnte belfen (oben §. 2, Note 16), 
S. 84, 85, 93—97. — Aus einem Aufsatz von Rodbertus aus dem 
Jabi-e 1837 (zur Beleucbtung der socialen Frage II, S. 210) ist wohl 
zu scbliessen, dass er seine Rentenlebre den Saint - Simonisten ent- 
lehnt hat. 

' Zur Beleuchtung der socialen Frage S. 45, 46 (zweiter socialer 
Brief 1850, S. 82, 83.) 



— 85 — 

Gerade so und zwar fast wörtlich wird die Entstehung der 
Rente oder des Mehrwertes von Proudhon,^ Louis Blanc^ 
und auch schon früher von den Saint-Simonisten ^ " erklärt. 

Dass Grrundrente und Kapitalgewinn dem einzelnen 
Grund- und Kapitaleigentümer nicht etwa wegen der pro- 
duktiven Eigenschaften des Bodens und der Kapitalgegen- 
sfände, sondern infolge der gesetzlichen Machtstellung zu- 
fliessen, welche ihm das Grund- und Kapitaleigentum verleiht, 
ist der entscheidende Punkt. Die Folgerungen für die ein- 
zelnen Zweige des arbeitslosen Einkommens, insbesondere für 
die Grundrente einerseits, den Kapitalgewinn andrerseits, er- 
geben sich von selbst und Rodbertus stimmt auch in Be- 
ziehung auf beide mit Proudhon im Wesentlichen überein. ^^ 

Die Ansichten, welche Rodbertus über das Wesen und 
die Entstehung des arbeitslosen Einkommens vorträgt, sind also 
schon vor ihm nicht nur bei den älteren englischen Socialisten 



^ Vgl. die oben §. 7, Note 9, aus dem ßesume de la question 
sociale (1849) abgedruckte Stelle Proudhon's, welche Rodbertus 
(s. d. Text) im Wesentlichen nur übersetzt hat, und : Qu'est-ce que la 
propriete, 1841, S. 162 ff. (Oeuvres completes I, 122 ff.). 

^ Louis Blanc, Organisation du travail, 9. Aufl., 1850, S. 156 ff. 

^" Exposition de la doctrine Saint-Simonienne (s. oben S. 68) 
in den sämtlichen Werken von Saint-Simon und Enfantin, Bd. 41, 
1877, S. 247 : La propriete, dans l'acception la plus habituelle du mot, 
se compose de richesses qui ne sont pas destinees ä etre immediate- 
ment consommees, et qui donnent droit aujourd'hui ä un revenu. En 
ce sens eile embrasse les fonds de terre et les capitaux, c'est-ä-dire, 
selon le langage des cconomistes, le fonds de production. Revenu 
heisst an dieser Stelle, wie aus der Note zu derselben hervorgeht, das 
arbeitslose Einkommen. 

" Vgl. Proudhon, Resume de la question sociale (oben §. 7, 
Note 15), S. 12 ff., in den Oeuvres completes VI, 158 ff., mit Rod- 
bertus, Zur Beleuchtung der socialen Frage, I, 1875, S. 141 ff. (Dritter 
soc. Brief an Kirchmann, 1851, S. 147 ff.) Die erste Auflage der 
Schrift Proudhon's (1849) ging der ersten .Auflage der socialen Briefe 
von Rodbertus (1850,51) unmittelbar vorher. 



— 80 — 

(§. 3—5), sondern auch von den Saint-Simonisten und von 
Proudhon ausgesprochen worden. Direkt hat Rodbertus 
ohne Zweifel aus den französischen Socialisten geschöpft, die 
er in seinen Schriften oft erwähnt, während die älteren eng- 
lischen Schriftsteller in Deutschland nur wenig bekannt ge- 
worden sind. 

Fragen wir nun, welche Stellung Rodbertus zu dem 
Eigentum und dem Recht auf den vollen Arbeitsertrag ein- 
nimmt, so werden wir dieselbe nur als eine sehr schwankende 
und unbestimmte bezeichnen können, eine Erscheinung, die 
sich übrigens bei allen konservativen Sociahsten wiederholt, 
Rodbertus erklärt in dem dritten socialen Brief, ^^ dass er 
das Erbrecht für ein gerade so wohl begründetes Recht halte 
als das Eigentum, und dass er den Begriff des Eigentums für 
so wohl begründet halte als überhaupt ein Recht sein kann. 
Dagegen äussert sich Rodbertus in dem vierten socialen 
Brief, der erst nach seinem Tod herausgegeben wurde, ^^ über 
die bekannte Formel Proudhon's (La propriete c'est le vol) 
folgendermassen : „Wenn Grund- und Kapitaleigentum deshalb 
Diebstahl ist, weil es den Produzenten einen Teil ihres Produkt- 
Avertes raubt, Sklaverei deshalb Mord, weil sie den Menschen 
um seine freie Entwicklungsfähigkeit bringt, so herrscht selbst 
in demokratischen Institutionen, die, bei Grund- und Kapital- 
eigeutum, auch für den Arbeitslohn den , freien Verkehr' bei- 
behalten, nicht bloss Diebstahl, sondern auch Mord. Denn 
solange die Arbeiter, sogar in ihrem Produktteil, von den 
Früchten der zunehmenden Produktivität ausgeschlossen sind, 
werden sie auch sicherlich um ihre freie Entwicklungsfähigkeit 
gebracht." Trotz aller Vorbehalte, die Rodbertus macht, ist 
der Gegensatz dieser beiden Ansichten über die Berechtigung 
des Grund- und Kapitaleigentums nicht zu verkennen. 

'2 Vgl. Rodbertus, Zur Beleuchtung I, S. 145. 
'^ Rodbertus, Das Kapital. Vierter socialer Brief an v. Kirch- 
mann, 1884, S. 204. Vgl. ebenda S. 214, 215. 



— 87 — 

Uebrigens finden sich auch schon in den früheren Schriften 
vonRodbertus manche Andeutungen, dass er gegen die Recht- 
mässigkeit des Grund- und Kapitaleigentums Bedenken hatte. 
So wenn er erklärt, dass die Unrechtmässigkeit von Grundrente 
und Kapitalgewinn nach natürlichem Recht nicht zu bezweifeln 
sei; ^^ dass das arbeitslose Einkommen (Grundrente und Kapital- 
gewinn) den Arbeitern durch das positive Recht entzogen und 
Andern zugewendet werde und dass letzteres, wie es sich von 
jeher mit der Gewalt koaliert habe, diese Entziehung auch nur 
durch fortgesetzten Zwang durchsetze; ^^ dass der Eigentums- 
begriflf fortwährend falsches Mass und Gewicht mit sich ge- 
führt habe ^^ u. s. f. 

Diesem unklaren principiellen Standpunkt entsprechen 
auch die praktischen Vorschläge, welche Rodbert us zur 
Beseitigung der nachteiligsten Wirkungen des arbeitslosen 
Einkommens in seiner heutigen Gestalt gemacht hat. Schon 
in den „Fünf Theoremen" hatte Rodbertus im Anschluss 
an ältere Nationalökonomen und Socialisten die Ansicht auf- 
gestellt, dass die Arbeiter infolge des Grund- und Kapital- 
eigentums von dem gesamten Nationaleinkommen nicht mehr 
erhalten als den notwendigen Unterhalt (das eherne Lohn- 
gesetz Lassalle's), während den Grund- und Kapitalbesitzern 
der ganze Rest in der Form von Grundrente und Kapital- 
gewinn zufällt. ^^ Da also der Arbeitslohn eine relativ konstante 
Grösse ist, während die Produktivität der Arbeit infolge von 



^* Rodbertus, Zur Beleuchtung der socialen Frage I, S. 115. 

" Rodbertus a. a. 0. S. 37. 

^^ Rodbertus a. a. 0. S. 145. Vgl. auch: Zur Beleuchtung der 
socialen Frage II, 1885, S. 44. 

'^ Rodbertus, Zur Erkenntnis unserer staatswirtschaftlichen Zu- 
stände, 1842, S. 72. Vgl. damit Thompson, Distribution of wealth, 
1824, S. 163—173, woraus die oben §. 5, Note 10, abgedruckte Stelle 
entnommen ist, und die von Lassalle in seinem Arbeiterlesebuoh ge- 
gebenen Nachweisungen. 



— 88 — 

Erfindungen und anderen Verbesserungen fortwährend steigt, 
so ist die Folge, „dass der Lohn der arbeitenden Klassen ein 
immer kleinerer Teil des Nationalprodukts wird."^'^ 

Rodbertus' Absicht ist nun nicht, wie die aller bisher 
erwähnten Socialisten, auf die völlige Beseitigung des arbeits- 
losen Einkommens gerichtet. Grundrente und Kapitalgewinn 
sollen vielmehr besfehen bleiben , ja im Verhältnis zur stei- 
genden Produktivität der Volksarbeit sich noch vermehren. 
Nur soll zugleich auch der Arbeitslohn aus der Unbeweglich- 
keit, in welcher ihn das eherne Lohngesetz erhält, aufgerüttelt 
werden und er soll in demselben Verhältnis wie das arbeits- 
lose Einkommen steigen. 

Es handelt sich also für Rodbertus vorläufig um ein 
Kompromiss zwischen der bestehenden Rechtsordnung und dem 
Socialismus. ^^ In einer späteren Zukunft würde, so glaubt 
Rodbertus, das private Grund- und Kapitaleigentum aller- 
dings vollständig entfallen - ^ und er hat deshalb in der erst 
nach seinem Tode veröffentlichten Schrift über das Kapital 
auch eine Darstellung seiner Vorschläge unter der Voraus- 
setzung einer kommunistischen Rechtsordnung gegeben. ^^ 
Hier will ich nur die Pläne ins Auge fassen, die Rodbertus 
in seinem Aufsatz „Ueber den Normalarbeitstag " aus dem 
Jahr 1871 veröffentlicht hat, da diese nach seiner Absicht 
die unmittelbar zu erstrebenden socialen Reformen enthalten 
sollen. ^^ 

^^ Rodbertus, Zur Beleuchtung der socialen Frage I, S. 24, II, 
S. 20. Derselbe, Zur Erklärung und Abhilfe der heutigen Kreditnot 
des Grundbesitzes, 2. (Titel-) Aufl., 1876, Bd. 2, S. 314. Dasselbe Gesetz 
ist auch schon von Fourier, Nouveau Monde Industi-iel, 1829, S. 41, 
42 ausgesi^rochen worden. 

1» Rodbertus, Das Kapital, S. 228. 

20 Rodbertus, Das Kapital, S. 219, 221. 

21 A. a. 0. S. 136—160. 

-- Der Aufsatz erschien zuei-st in der „Berliner Revue", 1871, und 
wurde seither öfter abgedruckt. Vgl. Kozak, Rodbertus, Social- 



— 89 — 

Der wesentliche Inhalt dieser Reform vorschlage ist fol- 
gender. Der Staat hätte die Bestimmung des Preises der 
Lohnarbeit und der Waren nicht mehr dem freien Verkehr zu 
überlassen, sondern dieselbe durch ein umfangreiches Taxen- 
system selbst in die Hand zu nehmen. Die Preise wären aber 
nicht, wie gegenwärtig, in Metallgeld, sondern in Arbeitsgeld 
zu bestimmen. Zu diesem Zweck ist in jedem Gewerk der 
normale Zeitarbeitstag — resp. zu 6, 8, 10 oder 12 Zeit- 
stunden — festzustellen und überdies muss auch noch in jedem 
Gewerk das normale Arbeitswerk eines solchen Zeitarbeits- 
tages festgesetzt werden , d. h. diejenige Quantität Werk 
oder Leistung, die ein mittlerer Arbeiter bei mittlerer Ge- 
schicklichkeit und mittlerem Fleiss während eines solchen Zeit- 
arbeitstages in seinem Gewerbe zu liefern im Stande ist. Dieses 
mittlere Mass von Leistung während eines Tages oder einer 
Stunde würde nun als Werteinheit dienen und nur dieses 
Mass würde der Arbeiter bescheinigt erhalten, gleichviel ob 
er darauf mehr oder weniger Zeit verwendet hat. 

Da das Grund- und Kapitaleigentum, wie oben bemerkt 
wurde, aufrecht erhalten bleiben soll, so kann dem Arbeiter 
selbstverständlich nicht das volle Mass der normalen Leistung 
bescheinigt werden, vielmehr müssen für den Staatsbedarf, dann 
zu Gunsten des arbeitslosen Einkommens Abzüge stattfinden. 
Rodbertus nimmt an, dass von zehn Millionen normaler 
Werkstunden etwa nur drei Millionen auf den Arbeitslohn, 
eine für den Staatsbedarf und je drei, zusammen also sechs 
auf die Grundrente und den Kapitalgewinn zu verwenden 
wären. Der Arbeiter, der zehn normale Werkstunden ge- 
liefert hat, würde also unter jener Voraussetzung nur drei 
wirklich bescheinigt erhalten und zur Befriedigung seiner 



ökonomische Ansichten, 1882, S. 8. Ich citiere hier nach dem Abdruck 
in den kleinen Schriften von D. Carl Rodbertus-Jagetzow, heraus- 
gegeben von Moritz Wirth, 1890, S. 337—359. 



— 90 - 

Bedürfnisse verwenden können. Natürlich müsste auch dieses 
Grundverhältnis zwischen den nationalen Einkommenszweigen 
(Arbeitslohn, Staatsbedarf, arbeitsloses Einkommen) durch die 
Staatsgewalt festgesetzt Averden. 

In diesen normalen Arbeitsstunden oder Tagen ist nun 
der Preis aller Waren und Dienstleistungen festzusetzen. Bei 
Waren ist nicht nur die unmittelbar verwendete Arbeit, sondern 
auch der Wert der Werkzeuge nach dem Verhältnis der Ab- 
nützung einzurechnen. Da die Produktivität der Arbeit Ver- 
änderungen unterworfen ist, folglich dasselbe Mass normaler 
Arbeit zu verschiedenen Zeiten mehr oder weniger Produkt 
erzeugt, so muss der Staat periodische Revisionen seiner Preis- 
listen vornehmen. 

Das Arbeitsgeld soll indessen das Metallgeld nicht voll- 
ständig verdrängen, vielmehr sollen beide neben einander cirku- 
lieren. Um die Cirkulation des Arbeitsgeldes in Gang zu 
bringen, hätte der Staat sich dessen Emission vorzubehalten, 
den Arbeitgebern billigen Kredit in diesen Geldzeichen zu 
gewähren und Staatsmagazine und Wechselcomptoirs anzu- 
legen, in welchen die von den Arbeitgebern zur Tilgung ihrer 
Darlehnsschulden zurückgezahlten Waren aufbewahrt, bez. das 
Arbeitsgeld gegen Metallgeld umgetauscht wird. Ein Zwangs- 
cours des Arbeitsgeldes ist von Rodbertus nicht in Aus- 
sicht genommen. 

Der Vorteil, welcher aus diesen Massregeln für die 
arbeitenden Klassen entspringen würde, besteht nach der Ab- 
sicht Rodbertus" hauptsächlich darin, dass ihnen nunmehr 
eine feste Quote des gesamten Nationaleinkommens (z. B. V^) 
gesichert wäre. Während also gegenwärtig das Einkommen 
der arbeitenden Klassen auch bei steigender Produktivität der 
Arbeit durch das eherne Lohngesetz immer auf dem Niveau 
des notwendigen Unterhalts zurückgehalten wird, würde das- 
selbe in Zukunft in gleichem Masse wie das arbeitslose Ein- 
kommen steigen. 



— 91 — 

Die im Vorstehenden dargestellten Vorschläge von Rod- 
bertus sind nicht neu. Zu wiederholten Malen ist die Fest- 
stellung des Preises der Waren und Dienstleistungen durch 
die Staatsgewalt, ferner die Schaffung eines Arbeitsgeldes ver- 
sucht worden. 

Der erste umfassende Versuch, den Preis der wichtigsten 
Lebensbedürfnisse und der Lohnarbeit durch ein Gesetz-^ zu 
normieren, ist das Edikt, welches Diokletian im Jahre 301, 
also kurze Zeit vor dem Sturze des heidnischen Staates, er- 
lassen hat (Edictum Diocletiani de pretiis rerum venalium).^* 
Diokletian verfügt in diesem Edikt, dass die wichtigsten 
Nahrungsmittel, Kleidungsstücke und Stoffe, die Lohnarbeiten 
und eine Anzahl von Werkzeugen und sonstigen Gebrauchs- 
gegenständen ^^ in Zukunft im ganzen römischen Reich einen 
bestimmten Preis haben sollen.^'' Sowohl den Verkäufer ^"^ 
als auch den Käufer, ^^ welche mit Verletzung dieser Preis- 
bestimmungen einen Kauf abschlössen, ferner auch denjenigen, 
welcher Lebensbedürfnisse dem Verkehr entzog und dadurch 
Mangel an denselben verursachte^^ (der accapareur der fran- 

^' Einzelne Lohn- und Warentaxen haben bekanntlich immer be- 
standen und bestehen auch noch gegenwärtig in den meisten Ländern. 

'^^ Ich eitlere dieses berühmte Gesetz nach der von Mommsen in 
den Verhandlungen der Königl. sächsischen Gesellschaft der Wissen- 
schaften in Leipzig, philosophisch-historische Klasse, 1851, gemachten 
Ausgabe. 

^^ Vgl. die Uebersicht der Tarifsätze bei Mommsen a. a. 0. 
S. 63—80. 

^^ Edict. cit. Placet igitur ea pretia, quae subditi brevis scriptura 
(der in dem Gesetz enthaltene umfassende Tarif) designat, ita totius 
orbis nostri observantia contineri, ut omnes intelligant egrediendi 
eadem licentiam sibi esse praecisam. 

^^ Edict. Diocl.: Placet, ut, siquis contra formam statuti huius 
■conixus fuerit audentia, capitali periculo subigetur. 

^^ Edict. Diocl. cit. : Idem autem periculo etiam ille subdetur, qui 
conparandi cupiditate auaritise distrahentis contra statuta consenserit. 

-" Edict. Diocl.: Ab eius modi noxa inmunis nee ille pra?8tauitur. 



— 02 — 

zösischen Revolution), sollte Kapitalstrafe, d. h. der Tod, Berg- 
werksarbeit oder Deportation auf eine Insel ^" treffen. — Das 
Gesetz trat nach kurzer Wirksamkeit, jedenfalls nach der 
Thronentsagung Diokletian's (1. Mai 805) ausser Kraft, nach- 
dem zu seiner Durchsetzung viel Blut vergossen und statt 
der angestrebten Billigkeit der wichtigsten Lebensbedürfnisse 
eine grosse Teurung bewirkt worden war.^^ 

Ein zweiter Versuch, die Preise der wichtigsten Lebens- 
bedürfnisse von Staats wegen festzustellen, ist das Maximum 
der französischen Revolution. ^ ^ Mit dem Dekret vom 29. Sep- 
tember 1793 verfügte der Konvent, dass der Preis der wich- 
tigsten Waren und Dienstleistungen (Nahrungsmittel, Beklei- 
dung, Metalle, gewöhnliche Lohnarbeit) ^^ durch die Organe der 
Republik bestimmt werden solle und zwar sollte derselbe für 
jedes Departement in Ansehung der Waren 1^3 des Markt- 
preises im Jahre 1790, in betreff der Dienstleistungen dagegen 
1^/2 dieses Preises betragen. ^^ Personen, welche mehr als das 
Maximum annahmen, Avurden nicht nur mit einer empfindlichen 
materiellen Strafe bedroht, sondern sie sollten auch auf die 
Liste der verdächtigen Personen gesetzt und als solche be- 

qui habens species victui atque usui necessarias post hoc siui tempera- 
mentum existumaverit subtrahendas ; cum pcena vel grauior esse debeat 
inferentis paenuriam quam contra statuta quatientis. 

^« L. 27, §. 2, L. 28. D. de poenis (48, 40). 

^^ Laetantius, de mort. pers., c. 7. Tunc, ob exigua et vilia 
multus sanguis effusus, nee venale quidquam metu apparebat et Caritas 
multo deterius exarsit, donec lex necessitate ipsa post multorum exitium 
solveretur. 

^' Vgl. über die allmähliche Ausbildung des Maximum namentlich 
Louis Blanc, Histoire de la Revolution fran9aise Bd. 11, 1801, S. 382 
bis 421; Joseph Garnier im Dictionnaire d'economie politique von 
Guillaumin sub verbo Maximum. 

^^ Eine genaue Aufzählung der objets de premiere necessite giebt 
Art. 1 des Dekrets vom 29. September 1793, im Moniteur universel vom 
1. Oktober 1793. 

'^* Art. 3 und 8 des Dekrets vom 29. September 1793. 



— 93 - 

handelt werden. ^^ Dies hatte nach dem Gesetz über die Be- 
handknig der verdächtigen Personen vom 17. September 1793 
die Einkerkerung bis zum Zustandekommen des Friedens zur 
Folge ;^'' auch sonst war die Existenz solcher Personen in jener 
Zeit revolutionärer Aufregung auf das Schwerste bedroht. 
Eine notwendige Konsequenz der Gesetze über das Maximum 
bestand darin, dass auch diejenigen Personen, welche die oben 
erwähnten Waren (marchandises ou denrees de premiere neces- 
site) durch Zusammenkaufen oder Einsperren dem Verkehr 
entzogen oder dieselben absichtlich zu Grunde gehen Hessen, 
als accapareurs bestraft werden mussten.^'' Die Strafe eines 
solchen passiven Widerstandes gegen die Gesetze über das 
Maximum, welcher selbstverständlich viel gefahrlicher und 
wirksamer sein musste als der aktive, war in allen Fällen 
der Tod.^'s 

Die Preisliste (Tableau du Maximum) kam auch wirklich 
in verhältnismässig kurzer Zeit zustande und trat am 21. März 
1794 in Wirksamkeit.^^ Nach dem Sturze Robespierre's 
konnten sich die Gesetze über das Maximum nicht behaupten, 
und sie wurden durch das Dekret des Konvents vom 23. und 
24. Dezember 1794 in ihrer Gesamtheit aufgehoben."^" 

Endlich hat auch Proud hon in der Broschüre über „die 
Organisation des Credits und der Cirkulation" ^^ den Vorschlag 

^^ Art. 7 des Dekrets vom 29. September 1793. 

^^ Art. 1 und 7 des Dekrets vom 17. September 1793, im Moniteur 
vom 19. September 1793. 

^' Decret sur les accaparements vom 26. Juli 1793, im Moniteur 
vom 29. Juli 1793, Art. 2 und 3. 

^« Dekret vom 26. Juli 1793, Art. 1, 8, 9. 

^^ Vgl. den Bericht Barere's in der Sitzung des Konvents vom 
30. Ventöse an II (20. März 1794), im Moniteur vom 21. März 1794, Nr. 181. 

" Dekret des Konvents vom 23. und 24. Dezember 1794, Art. 1, 
im Moniteur vom 24. und 26. Dezember 1794. Vgl. auch Buchez, 
Histoire parlementaire XXXVI, S. 207. 

^^ Proudhon, Organisation du credit et de la circulatiou et 



— (»4 — 

gemacht, dass der Staat, um die dm-cli die Revolution (1848) 
bewirkte Greschäftsstockung zu beseitigen, den Preis der Lohn- 
arbeit und der Waren feststellen soll. Die Projekte Proud- 
hon's sind dem Maximum der ersten Revolution sehr ähnlich, 
nur will er eine allgemeine Reduktion der Preise im Handel 
und der Industrie erzielen, wogegen die Landwirtschaft von 
der Preisherabsetzung nicht betroffen werden soll. 

Alle diese Projekte aus alter und neuer Zeit stimmen 
darin überein, dass der bisherige Wertmesser (das Geld) bei- 
behalten werden soll. Dagegen hat Robert Owen in seiner 
Ai-beitstauschbank (Equitable Labour Exchange) lange vor 
Rodbertus ein Institut geschaffen, welches alle charakteristi- 
schen Merkmale der Vorschläge dieses Letzteren an sich trägt. 
Im September 1832 eröffnete Robert Owen seine Arbeits- 
tauschbank, welche auf folgenden Grundsätzen beruhte : ^ - Jedes 
Mitglied der Gesellschaft konnte in dem Magazine der Bank 
Waren deponieren und hatte das Recht, dafür Arbeitsgeld 
(labour notes)^^ nach Massgabe einer Schätzung zu empfangen. 



Solution du probleme social, 1848, S. 17 — 23. Vgl. auch die Vorsehläge 
Fichte's oben §. 2, Note 14 ff. 

''^ Ueber gleichzeitige Projekte ähnlicher Tendenz vgl. Holyoake, 
The History of Cooperation in England, Bd. 1, 1875, S. 160. Nach 
Nojes, History of American Socialisms, 1870, S. 95, soll der amerika- 
nische Socialist Osiah "Warren den Plan einer Arbeitstauschbank 
Owen bei seiner Anwesenheit in Amerika (1826) mitgeteilt haben. 
Warren selbst giebt in seiner Schrift: Practical Detail of Equitable 
Cotomerce Bd. 1 (1852) S. 14 ff. eine interessante Beschreibung dieses 
am 18. Mai 1827 in Cincinnati eröffneten Zeitladens (time-store), welcher 
jedoch von der Arbeitstauschbank Owen's in vielen Beziehungen 
abweicht. 

■*^ Eine mir im Original vorliegende Arbeitsnote hat im Wesent- 
lichen folgenden Inhalt: National Equitable Labour Exchange. — To 
the Storekeeper of the exchange. — 22"' July 1833. — Deliver to the 
bearer exchange stores to the value of One Hour by the order of 
(folgt die Unterschrift des Superintendenten und des Sekretärs). 



Die Werteinheit war eine Arbeitsstunde, welche einem halben 
Shilling Metallgeld gleichstehen sollte. 

Bei jeder Ware wurde einerseits der Wert des Roh- 
materials, andrerseits die von dem Arbeiter darauf verwendete 
Arbeit geschätzt. Jeder Deponent erhielt nicht etwa so viel- 
Arbeitsstunden als er an Zeitarbeit wirklich verwendet hatte, 
sondern jene Zeit, welche nach Ansicht der Schätzmänner ein 
gewöhnlicher Arbeiter auf die betreffenden Waren verwenden 
würde. '^'^ Es sollte zugleich eine Bank zur Einwechselung des 
Arbeitsgeldes gegen Metallgeld gegründet werden, '^^ doch ist 
diese, so viel ich sehe, nicht zustande gekommen.**^ Da Owen 
die Arbeitstauschbank sofort ins Leben führen wollte, so 
konnte dies selbstverständlich nur in der Form einer Privat- 
unternehmung erfolgen; Owen war aber recht wohlbekannt, 
dass an einen durchgreifenden Erfolg der Arbeitsbörsen nur 
bei staatlicher Intervention zu denken ist. Er schlug deshalb 



^* Booth: Robert Owen, The Founcler ofSocialism in England, 
1869, S. 146: ... in the exchange valuators would fix the amount of 
hours which in their judgment an ordinary workman would employ on 
eacli article. Dies ist offenbar die , normale" Arbeitszeit von Rodbertus 
und entspricht auch im Wesentlichen der „allgemeinen oder gesellschaft- 
lich notwendigen" Arbeitszeit von Karl Marx (vgl. des letztern Schrift 
„Zur Kritik der politischen Oekonomie" 1. Heft, 1859, S. 9 ff., und Das 
Kapital, 3. Aufl., 1883, S. 6 if.). Booth a. a. 0. S. 147, und Sargant: 
Robert Owen, 1860, S. 309, tadeln diese Art der Schätzung, weil da- 
durch die Gleichheit zwischen den mehr oder minder leistungsfähigen 
Arbeitern aufgehoben wird. Ich bemerke, dass mir der erste Band der 
„Crisis", des offiziellen Organs der Arbeitstauschbank, mit den Statuten 
und Programmen derselben, aus welchem Booth die obige Stelle aus- 
zieht, nicht vorliegt. 

'*'' Sargant a. a. 0. S. 306, 307. 

*'' Schon am 21. Dezember 1833 (Crisis Bd. 3, S. 131) beschwei-t 
sich ein Mitglied, dass die labour notes im Volke nicht gleich 6 d., 
sondern nur zu 4V2 d. für die Arbeitsstunde genommen werden. Dies 
wäre selbstverständlich beim Vorhandensein einer Umwechslungsstelle 
nicht möglich gewesen. 



— im;. — 

in einem am 22. Januar 1834 in der Bank abgehaltenen 
Meeting eine Petition an den König und die beiden Häuser des 
Parlaments vor. in welcher als Uebergangsmassregel auch die 
Errichtung von Arbeitsbörsen in jedem Dorfe von Staats wegen 
verlangt wurde. ^' 

Die Einwendungen, welche Rodbertus in seiner Schrift 
über den Normalarbeitstag gegen das Projekt Owen's erhebt, 
sind folglich vollständig ungegründet. Rodbertus bemerkt 
über den Vorschlag w e n's folgendes: „Wenn man eine Stunde 
Schusterarbeit — nach Sonnenzeit berechnet — einer Stunde 
Weberarbeit — gleichfalls nach Sonnenzeit berechnet — gleich- 
setzt, so kann ein solches Wertsystem allerdings nicht vor- 
wärts helfen, denn es ist dann ein allgemeines Prämiierungs- 
system der Faulheit, ganz abgesehen von dem in der That 
kindischen Versuch, ein solches System fakultativ wie eine 
Aktiengesellschaft gründen zu woUen."^^ — Aus der obigen 
Darstellung ergiebt sich, dass Owen das Wesen der normalen 
Arbeit und die Notwendigkeit der staatlichen Intervention lange 
Zeit vor Rodbertus sehr klar erkannt hat. 

Ueberhaupt ist die Stellung, welche Rodbertus gegen- 
über dem Projekt Owen's einnimmt, für den Dilettantismus 
charakteristisch, mit welchem dieser in Deutschland so viel 
bewunderte Schriftsteller die sociale Frage behandelt hat. 
Rodbertus gesteht offen ein, dass er im Jahre 1842, als er 
die Schrift „Zur Erkenntnis unserer staatswirtschaftlichen Zu- 
stände" schrieb, von dem Versuche Owen's (1832) keine 
Kenntnis hatte, obgleich doch durch diesen letzteren sein Vor- 
schlag ein Arbeitsgeld zu schaffen*^ längst anticipiert worden 
war. Dreissig Jahre später, als Rodbertus den Aufsatz über 

"' Crisis vom 1. Februar 1834, Bd. 3, S. 184. 

*^ Rodbertus, in dem Aufsatz „Der Normalarbeitstag" in den 
Kleinen Schriften (1890) S. 350. 

*^ Rodbertus, Zur Erkenntnis unserer staatswii-tscbaftlichen Zu- 
stände I, 1842, S. 164—175. 



— 97 — 

den Normalarbeitstag verfasste (1871), hatte er von der Arbeits- 
tauschbank Owens bereits Kenntnis erlangt, aber nur aus 
Reybaud's Etudes sur les RL'formateurs ou Socialistes mo- 
dernes,"^ also aus einer Schrift, in welcher, wie jeder Fach- 
mann auf den ersten Blick erkennen muss, die gröbsten Irr- 
tümer nach Hunderten zählen. Natürlich musste Rodbertus 
durch die ganz unrichtigen und lückenhaften Angaben Rey- 
baud's zu falschen Schlüssen verleitet werden, da er sonst, 
wie er uns selbst versichert, über die Projekte Owen's und 
Anderer (trotz der so reichhaltigen Litteratur über diese Fragen) 
„nichts weiter erfahren hatte ".^^ Auch die Schriften Mazel's 
(§. 7 Note 2), dessen Vorschläge mit jenen Rodbertus' in 
den meisten Punkten übereinstimmen, scheinen ihm vollständig 
unbekannt geblieben zu sein. 

Fragen wir nun schliesslich, welchen praktischen Wert 



'"^ Die von Rodbertus, Kleine Schriften S. 349, citierten Ausfüh- 
rungen finden sich in den Etudes Bd. 1, 7. Aufl., 1864, S. 245. 

•'^^ Marx und Engels sind übrigens über die Arbeitstauschbanken 
— dieses für die Entwicklung der socialistischen Werttheorie entschei- 
dende Experiment — nicht besser unterrichtet als Rodbertus. Marx 
behauptet nämlich in seiner Schrift: Misere de la philosophie, 1847, 
S. 82, in allem Ei'nst, dass die Equitable-labour-exchange-bazars durch 
die im Jahre 1839 erschienene Abhandlung von J. F. Bray: Labour's 
wrongs and labour's remedy hervorgerufen worden seien und Engels 
lässt in der deutschen Uebersetzung der Misere de la philosophie, 1885, 
S. 62, diese Notiz unter Hinzufügung einiger missverständlicher Be- 
merkungen über Proudhon's Volksbank neuerdings abdrucken. In 
Wirklichkeit wurden die Arbeitstauschbanken vom Jahre 1832 an ge- 
gründet und waren schon geraume Zeit vor dem Jahre 1839 (z. B. die 
Londoner Bank im Jahre 1834) wieder zu Grunde gegangen (vgl. die 
„Crisis" vom 31. Mai und 7. Juni 1834, Bd. 4, S. 64, 71, und die Er- 
zählung Owen's in: New Moral World vom 17. Oktober 1835, Bd.- 1, 
S. 400). Wenn die Vorschläge Bray's (a. a. 0. S. 157—161 und passim) 
in Beziehung auf das Arbeitsgeld eine gewisse Aehnlichkeit mit der 
Arbeitstauschbank Owen's besitzen, so hat natürlich Bray aus den 
Arbeiten Owen's geschöpft, nicht umgekehrt. 

Meng er, Arbeitsertrag. 2. Aufl. 7 



die Vorschläge von Rodbertus besitzen, so werden wir wohl 
antworten müssen, dass wir es hier mit einer offenbaren Utopie 
zu thun haben. Rodbertus hat seine Vorschläge, wie aus dem 
neuerdings publicierten vierten socialen Briefe hervorgeht, ur- 
sprünglich für ein kommunistisches Gemeinwesen ohne Privat- 
eigentum an Grund und Boden und am Kapital berechnet. 
Eine eingehendere Kritik seiner Vorschläge kann also erst dort 
geliefert werden, wo ich das Verhältnis der kommunistischen 
Gesellschaftsordnung zu dem Recht auf den vollen Arbeits- 
ertrag in Betracht ziehen werde (§. 13). Hier will ich nur 
jene Bedenken besprechen, welche sich ergeben, wenn man 
sich jene Vorschläge in einem Gesellschaftszustand durchgeführt 
denkt, in welchem das individuelle Grund- und Kapitaleigen- 
tum noch fortbesteht. 

In einem solchen Gesellschaftszustand würde die Preis- 
bestimmung aller Waren und Dienstleistungen durch den Staat, 
gleichviel ob dieselbe in Metall- oder in Arbeitsgeld erfolgt, 
in einem fortwährenden Widerspruch mit den wirtschaftlichen 
Interessen aller grossen und kleinen Unternehmer auf dem 
Gebiete der Landwirtschaft, des Gewerbes und des Handels 
stehen. Gerade diese zahllosen selbständigen Unternehmer 
bilden in einem Staat mit individuellem Grund- und Kapital- 
eigentum die entscheidende Macht, welche durch den äusser- 
sten staatlichen Terrorismus wohl zeitweilig gebeugt, aber, so 
lang das Privateigentum besteht, niemals gebrochen werden 
kann. Dies hat sich bei der Durchführung des Diokletiani- 
schen Edikts und des Maximum während der französischen 
Revolution klar genug gezeigt, obgleich eine gesetzHche Preis- 
bestimmung in Metallgeld sich viel leichter durchführen lässt, 
als eine mehr oder weniger willkürliche Preisbestimmung in 
durchschnittlicher Arbeitszeit. Und doch haben Diokletian und 
die Terroristen der französischen Revolution die Durchführung 
ihrer Dekrete durch Lebens- und Kerkerstrafen zu erzwingen 
gesucht. 



09 



Man darf auch niclit vergessen, dass eine allgemeine Be- 
stimmung des Preises der Waren und Dienstleistungen durch 
den Staat es zugleich notwendig macht, den Unternehmern 
die Verpflichtung zum Verkaufe der entbehrlichen Produkte 
aufzulegen, weil sie sonst durch ihre blosse Passivität die ge- 
setzliche Preisliste ad absurdum führen könnten. Thatsächlich 
haben auch die Gesetze Diokletian's und der französischen 
Revolution über denjenigen, welcher entbehrliche Produkte 
zurückbehielt (den accapareur) ebenso strenge, ja strengere 
Strafen verhängt als über jene, welche die gesetzliche Preis- 
liste verletzt hatten. Dass aber ein Zustand, in welchem 
die staatlichen Organe den Unternehmern vorschreiben können, 
Avas sie zu verkaufen haben, die Freiheit und Selbständigkeit 
der Individualwirtschaft vollständig vernichtet und alle Nach- 
teile des Privat- und Kollektiveigentums vereinigt, liegt auf 
der Hand. Wahrscheinlich wäre deshalb das Römische Reich 
und Frankreich, wenn die bestehenden Machtverhältnisse eine 
Fortdauer jenes Zustandes gestattet hätten, sehr bald zum 
reinen Kollektiveigentum übergegangen.^^ 

^^ Ueber die Frage, ob bei Aufrechterhaltung der Individualwirt- 
schaft eine staatliche Fixierung des Preises der wichtigsten Lebensbe- 
dürfnisse möglich und nützlich sei, kann noch heute die Diskussion 
des französischen Konvents über die Aufhebung des Maximum vom 
23. und 24. Dezember 1794 (im Moniteur vom 26. und 27. Dezember 1794) 
mit Nutzen gelesen werden. Freilich wird der Wert dieser Debatten 
durch den reaktionären Fanatismus, der sich in fast allen Reden offen- 
bart, beträchtlich vermindert. 



§. 9. Marx. 

Wälirend Rodbertus im Wesentlichen die Gedanken der 
französischen Socialisten, namentlich der Saint-Simonisten 
und Proudhou's wiedergiebt, steht Marx vollständig unter 
dem Einfluss des älteren englischen Socialisraus, insbesondere 
William Thomp^on's. Sieht man von den zahlreichen mathe- 
matischen Formeln ab, die Marx in die Darstellung einmischt 
und welche die Sache mehr verdunkeln als aufklären, so ist 
die ganze Mehrwertstheorie : der Begriff des Mehrwertes, seine 
Bezeichnung und die Ansichten über die Höhe desselben im 
WesentHchen den Schriften Thompson's entnommen.^ Xur 

^ Vgl. Marx, Das Kapital, 1. Bd., 3. Aufl., 1883, S. 125, 193 ff. 
mit William Thompson, Distribution of wealth, S. 163 ff. (2. Aufl., 
S. 125 ff.). Engels, der noch in seiner Streitschrift gegen Dühring, 
1877, S. 10, 162, und in seiner Broschüre „Die Entwicklung des So- 
ciaUsmus von der Utopie zur Wissenschaft", 1882, S. 27, Marx als 
Entdecker des Mehnverts pries und von dieser epochemachenden Ent- 
deckung die Entstehung des wissenschaftlichen Socialismus datierte, 
scheint nunmehr in der Vorrede zum zweiten Bande des , Kapital", 
1885, S. XIV, zugeben zu wollen, dass Marx in Beziehung auf seine 
Mehrwertstheorie schon unter den älteren englischen Socialisten Vor- 
gänger gehabt hat. Doch bezweifle ich, dass Marx seine Ansichten 
über diese Frage aus der von Engels citierten Broschüre „The Som-ce 
and Remedj of the National Difficulties", London, 1821, die nui- einige 
schwache Andeutungen der Mehrwertstheorie enthält, entlehnt hat. Die 
wahren Entdecker des Mehrwertes sind Godwin, Hall und namentlich 
William Thompson (oben §. 3—5). Marx selbst hat die Quellen 
seiner Ansichten, ähnlich wie Rodbertus, verschwiegen, obgleich er 



— 101 _ 

zieht Marx, dem Zweck seines Werkes entsprechend, vor- 
zugsweise die eine Form des arbeitslosen Einkommens (den 
Kapitalgewinn) in Betracht, und es fehlt auch die notwendige 
Ergänzung der Mehrwertstheorie, nämlich eine i'echtsphilo- 
sophische Kritik des Privateigentums an den Produktionsmitteln 
und den benutzbaren Sachen, ferner eine gründliche Darlegung 
des Rechts auf den vollen Arbeitsertrag. In allen diesen 
Richtungen wird Marx von Thompson Aveit ttbertroffen, 
weshalb die Schrift des Letzteren als das Fundamentalwerk 
des Socialismus gelten kann. 

In Beziehung auf die praktischen Massregeln zur Be- 
seitigung des Mehrwertes steht dagegen Marx und sein 
Freund Engels auf einem eigentümlichen Standpunkt. In 
dem kommunistischen Manifest, welches noch der Epoche vor 
der Revolution des Jahres 1848 angehört, machen beide eine 
Reihe von Vorschlägen, welche fast ohne Ausnahme der älteren 
socialistischen Litteratur entlehnt sind. ^ Einzelne dieser Mass- 

sonst mit Citaten nicht eben sparsam ist. Vgl. noch Böhm-Bawerk, 
Kapital und Kapitalzins, Bd. 1, 1884, S. 361 flF.; Gustav C4ross: Karl 
Marx, 1885, S. .57 fF., S. 79 ff.; Schramm in der „Zukunft^ 1878, 
S. 129 und jetzt namentlich Diehl in seiner Schrift über Proudhon, 
passim, bes. 2. Abt. (1890) S. 269 ff. 

■^ Vgl. das kommunistische Manifest, 3. Aufl., 1883, S. 17 (S. 20 
der Originalausgabe vom Februar 1848): „Für die vorgeschrittensten 
Länder wei'den die folgenden Massregeln ziemlich allgemein in An- 
wendung kommen können: 1) Expropriation des Grundeigentums und 
Verwendung der Grundrente zu Staatsausgaben; 2) Starke Progressiv- 
steuer; 3) Abschaffung des P]rbrechts; 4) Konfiskation des Eigentums 
aller Emigranten und Rebellen; 5) Centralisation des Kredits in den 
Händen des Staates durch eine Nationalbank mit Staatskapital und 
■ausschliesslichem Monopol; 6) Centralisation des Transportwesens in 
den Händen des Staates; 7) Vermehrung der Nationalfabriken, Pro- 
duktionsinstrumente, Ui-barmachung und Verbesserung der Ländereien 
nach einem gemeinschaftlichen Plan; 8) Gleicher ArbeitszAvang für Alle, 
Errichtung industrieller Armeen, besonders für den Ackerbau; 9) Ver- 
einigung des Betriebs von Ackerbau und Industrie. Hirnvii'keii auf die 



— 102 — 

regeln, namentlich die Exproi3riation des Grundeigentums, die 
Abschaffung des Erbrechts, die Konzentration des Kredit- und 
Transportwesens, dann eines Teils der Industrie in den Händen 
des Staates verfolgen auch augenscheinlich den Zweck, das 
arbeitslose Einkommen wenigstens der Hauptsache nach zu 
beseitigen. Später haben Marx und Engels einzelne dieser 
Vorschläge wiederholt, z. B. wenn Marx^ vorhersagt, dass 
die Reichen, wenn die Konzentration der Produktionsmittel in 
ihren Händen den höchsten Grad erreicht hat, ihrerseits durch 
eine revolutionäre Schilderhebung des Volkes expropriiert 
werden. Dieselbe Ansicht spricht auch Engels aus, indem 
er es als eine Notwendigkeit bezeichnet, dass das Proletariat 
nach Eintreten der ökonomischen Vorbedingungen die Staats- 
gewalt ergreift und die Produktionsmittel in Staatseigentum 
verwandelt,'* Beide Schriftsteller stehen also, in Beziehung 
auf den wichtigsten Punkt, noch auf demselben Standpunkt 
wie im Jahre 1848, nur hat sich inzwischen die Expropriation 
des Grundeigentums in eine Konfiskation aller Produktionsmittel 
verwandelt. 

Im Wesentlichen dieselben Ansichten av erden von jenen 
Schriftstellern und Körperschaften vertreten, welche man zu 
der Partei der beiden genannten Socialisten zählen kann. So 
beschloss der Kongress der Internationale von Brüssel im 
Jahre 1868, dass die wichtigsten Zweige der Urproduktion, 
nämlich der Acker- und der Bergbau, kommunistisch betrieben, 
d. h. dass die Bergwerke und das Ackerland im Eigentum 
des Staates sich befinden und von Arbeiterassociationen be- 
wirtschaftet werden sollen (gemeinsames Eigentum und ge- 
allmähliche Beseitigung des Unterschieds von Stadt und Land; 10) OetFent- 
liche und unentgeltliche Erziehung aller Kinder, Beseitigung der Fabrik- 
arbeit der Kinder in ihrer heutigen Form, Vereinigung der Erziehung 
mit der materiellen Pa-oduktion u. s. w. 

3 Marx, Das Kapital, 3. Aufl., S. 790. 

■* Engels, Die Entwicklung des Socialismus, S. 42. 



— 108 — 

meinsame Nutzung). Andrerseits aber beschloss der Kongress — 
und dieser Beschluss steht mit dem vorhergehenden, wie sich 
weiter unten (§. 13) ergeben wird, nicht im vollen Einklang — 
dass der Arbeit ihr volles Recht und ihre ganze Belohnung 
bleiben muss, und dass demgemäss alle im Namen des Kapitals 
beanspruchten Abzüge, sei es in der Form von Rente, Zinsen, 
Gewinn oder in irgend einer anderen Weise, zu verwerfen sind.'' 
Auf dem Kongress der Internationale von Basel im 
Jahre 1869 wurde die Frage nochmals einer Erörterung unter- 
zogen. Auch dieser Kongress erklärte, dass die Gesellschaft 
das Recht hat, das Privateigentum an Grund und Boden auf- 
zuheben und diesen der Gemeinschaft zuzuweisen. Diese Zu- 
weisung des Bodens an die Gemeinschaft wurde ferner als 
eine Notwendigkeit erklärt.'' Dagegen konnte man sich über 
die Frage nicht einigen, ob das gemeinsame Eigentum auch 
gemeinsam benutzt werden soll, oder ob die Gesellschaft Stücke 
des gemeinschaftlichen Bodens Privatpersonen und einzelnen 
Arbeiterassociationen zur temporären Sonderuutzung zuweisen 
darf. ^ Diese Frage wvirde auf den nächsten Kongress ver- 
schoben, kam jedoch nicht mehr zur Entscheidung, weil auf 
dem Kongress im Haag (1872) die bekannte Spaltung der 
Internationale eintrat. 

■'' Vgl. Troisieme Congres de l'Association Internationale des Tra- 
vailleurs. Compte rendu officiel, Bruxelles, 1868, S. 40, 45. Die Be- 
schlüsse dieses Kongresses sind übrigens infolge des Gegensatzes zwischen 
den Anhängern Proudhon's und Marx' ziemlich unklar und -wider- 
spruchsvoll. 

•^ Die beiden Beschlüsse lauten nach dem Compte rendu du 
IV* congres international, tenu ä Bäle, en septembre 1869 (Brüssel, 
1869), S. 89, 90: P Le Congres declare qua la societe a le droit d'abolir 
la propriete individuelle du sol et de faire entrer le sol ä la commu- 
naute; IP II declare encore qu'il y a aujourd'hui necessite de faire 
entrer le sol ä la propriete collective. Gegen diese Beschlüsse Adolf 
Wagner, Die Abschaffung des privaten Grundeigentums, 1870. 

^ Compte rendu S. 72. 



— IUI — 

Die Beschlüsse der Internationale waren auch für die 
Arbeiterkongresse der einzelnen Länder von massgebender 
Bedeutung. Der allgemeine deutsche socialdemokratische Ar- 
beiterkongress, welcher in Eisenach am 7. — 9. August 1869 
(also vor der Versammlung der Internationale in Basel) ab- 
gehalten wurde, beschränkte sich noch darauf, auszusprechen, 
dass die „ökonomische Abhängigkeit des Arbeiters von dem 
Kapitalisten die Grundlage der Knechtschaft in jeder Form 
bildet, und dass deshalb die socialdemokratische Partei unter 
Abschaffung der jetzigen Produktionsweise (Lohnsystem), durch 
genossenschaftliche Arbeit den voUen Arbeitsertrag für jeden 
Arbeiter erstrebt".^ Das sogen. Eisenacher Programm sprach 
sich also, obgleich der Kongress von Brüssel (s. oben) bereits 
ein Jahr früher stattgefunden hatte, nur für das Kecht auf 
den vollen Arbeitsertrag und für die genossenschaftliche Arbeit 
im Allgemeinen aus, ohne jedoch in die Mittel, durch welche 
dieses Ziel erreicht werden soll, näher einzugehen. Erst der 
Kongress der socialdemokratischen Arbeiterpartei in Stuttgart 
vom 4. — 7. Juni 1870 erklärte im Anschluss an die Beschlüsse 
der Internationale in Brüssel und Basel, „dass die ökonomische 
Entwicklung der modernen Gesellschaft es zu einer gesell- 
schaftlichen Notwendigkeit machen wird, das Ackerland in 
ein gemeinschaftliches Eigentum zu verwandeln und den Boden 
von Staats wegen an Ackerbaugenossenschaften zu verpachten, 
welche verpflichtet sind, das Land in wissenschafthcher Weise 
auszubeuten und den Ertrag der Arbeit nach kontraktlich 
geregelter Uebereinkunft unter die Genossenschafter zu ver- 
teilen. . . . Als Uebergangsstadium von der Privatbewirt- 
schaftuug des Ackerlandes zur genossenschaftlichen Bewirt- 
schaftung forderte der Kongress, mit den Staatsdomänen, 

^ Protokoll über die Verhandlungen des Allgemeinen deutschen 
socialdemokratischen Ai-beiterkongresses in Eisenach am 7., 8. und 
9. August 1869. Leipzig, 1869, S. 29—32. 



— 105 - 

Schatullengütern, Fideikommissen, Kirchengütern, Gemeinde- 
ländereien, Bergwerken, Eisenbahnen u. s. f. zu beginnen, und 
er erklärte sich deshalb gegen jede Verwandlung des oben 
angeführten Staats- und Gemeindebesitzes in Privatbesitz".^ 

Dass diese Kundgebungen der socialistischen Partei den 
angestrebten Gesellschaftszustand klar und bestimmt erkennen 
lassen, wird man schwerlich behaupten können. Selbst die 
Fundamentalfrage des Socialismus, ob das Recht auf den vollen 
Arbeitsertrag, oder das Recht auf Existenz die Grundlage der 
künftigen Rechtsordnung bilden soll, erscheint durch diese 
Beschlüsse nicht beantwortet. Erst das sogen. Gothaer Pro- 
gramm, welches in dem am 23. — 26. Mai 1875 abgehaltenen 
Kongresse beschlossen wurde, und das noch gegenwärtig die 
Grundlage der sociahstischen Bewegung in Deutschland bildet, 
ist mit grösserer wissenschaftlicher Präcision abgefasst. Der 
wesentliche Inhalt dieses Programmes lässt sich so zusammen- 
fassen, dass die deutsche socialistische Partei das Recht auf 
Existenz, die Verteilung nach dem Bedürfnis als Grundlage 
der künftigen socialen Ordnung betrachtet. 

Als Fundamentalsatz stellt nämlich das Gothaer Programm 
die Ansicht auf, dass die Arbeit die Quelle alles Reichtums 
und aller Kultur ist, und dass das gesamte Arbeits- 
produkt, da allgemein nutzbringende Arbeit nur durch die 
Gesellschaft möglich ist, der Gesellschaft, d. h. allen 
ihren Gliedern, bei allgemeiner Arbeitspflicht, 
nach gleich em Recht, jedem nach seinen vernunft- 
gemässen Bedürfnissen gehört. Das Arbeitsprodukt 
soll also nicht, wie in der notwendigen Konsequenz des Rechtes 
auf den voUen Arbeitsertrag liegt, dem Arbeiter, sondern der 
Gesellschaft gehören und von dieser jedem Einzelnen nach 

^ Protokoll über den ersten Kongress der sooialdemokratischen 
Arbeiterpartei in Stuttgart vom 4. bis 7. Juni 1870. Leipzig, 1870. 
S. 16—18. 



— 106 — 

Massgabe seiner vernunftgemässen Bedürfnisse zugewiesen 
werden (s. oben §.1). 

Um die Lösung der socialen Frage anzubahnen, fordert 
die socialistische Arbeiterpartei Deutschlands in dem Gothaer 
Programm die Errichtung von socialistischen Produktivgenossen- 
schaften mit Staatshilfe unter der demokratischen Kontrolle 
des arbeitenden Volkes. Die Produktivgenossenschaften sind 
für Industrie und Ackerbau in solchem Umfang ins Leben 
zu rufen, dass aus ihnen die socialistische Organisation der 
Gesamtarbeit entsteht. Als Uebergangsmassregel zu der rein 
kommunistischen Gesellschaftsordnung wird also die Durch- 
führung der von Louis Blanc und F er d. Lassalle gemachten 
Vorschläge empfohlen. ^"^ 

Auf dem ersten Kongress der socialdemokratischen Partei 
Deutschlands, welcher nach Aufhebung des Socialistengesetzes 
vom 12. bis 18. Okt. 1890 in HaUe stattfand, wurde die Re- 
formbedürftigkeit der soeben dargestellten Bestimmungen wie 
auch des ganzen Programms von allen Seiten anerkannt, jedoch 
die Vornahme der erforderlichen Veränderungen auf den nächsten 
Parteikongress verschoben. ^ ^ 

Die französische Arbeiterbewegung nahm gleich von vorn- 
herein den Faden dort auf. wo ihn die deutsche hatte fallen 
lassen. Der dritte französische Arbeiterkongress in Marseille 

^° Vgl. über das Gothaer Pi'ogramm und die damit zusammen- 
hängenden Fragen Liebknecht, Die Grund- und Bodenfrage, 2. Aufl., 
1876, S. 183, 184; Bebel, Unsere Ziele, 9. Aufl., 1886, S. 23, 29, 30; 
Derselbe, Die Frau in der Vergangenheit, Gegenwart und in der Zu- 
kunft, 1883, S. 148, 149; Schaffte, Die Quintessenz des Socialismus, 
7. Aufl., 1879, S. 2 &., S. 44 ff".; Hermann Bahr, Die Einsichts- 
losigkeit des Herrn Schäffle, 1886, S. 78 fi". u. a. m. 

^^ Vgl. das Protokoll über die Vei'handlungen des Parteitages der 
socialdemokratischen Partei Deutschlands, 1890, S. 157 fi". Aus den 
Verhandlungen ist namentlich die Rede Liebknechts hervorzuheben, 
welche einen klaren Einblick in die geistigen Strömungen der socia- 
listischen Arbeiterpartei Deutschlands gewährt. 



— 107 — 

(1879) verlangte die Einziehung des Bodens, der Maschinen, 
Transportwege, Gebäude und angesammelten Kapitalien zu 
Gunsten des Menschengeschlechtes, und erklärte ferner, dass 
diese Einziehung der Arbeitsmittel und Produktionskräfte mit 
allen möglichen Mitteln angestrebt werden muss.^"- 

Fasst man diese Darstellung zusammen, so kann Fol- 
gendes als die gemeinsame Ansicht des modernen Socialismus 
gelten. Die socialistischen Parteien der Gegenwart bekämpfen 
das Privateigentum an den Produktionsmitteln und den benutz- 
baren Sachen ebenso wie das arbeitslose Einkommen (Rente, 
Mehrwert) und sie erkennen ganz allgemein das Recht auf 
den vollen Arbeitsertrag in der negativen Bedeutung dieses 
Wortes (s. unten §. 13) an, nämlich so weit als dadurch die 
Berechtigung von Grundrente und Kapitalgewinn verneint wird. 
Eine blosse Konsequenz dieser Ansichten ist, dass der moderne 
Socialismus die Verwandlung des Privateigentums an den Pro- 
duktionsmitteln und den benutzbaren Sachen in gemeinsames 
Eigentum verlangt. 

Dagegen sind die socialistischen Parteien der Gegenwart 
über das Fundamentalprincip des Socialismus, ob die Grund- 
lage der künftigen Gesellschaftsordnung das Recht auf den 



'- Vgl. Rapports et Resolutions des Congres Ouvriers de 1876 
ä 1883, Paris 1883, S. 7, 8; Le Congres . . . conclut ä rexpropriation 
collective des sol, sous-sol, machines, voies de transport, bätiments, 
capitaux accumules, au bonefice de la eollectivite humaine; Le Congres 
declare que Tappropriation collective de tous les Instruments de travail 
et forces de production doit etre poursuivie par tous les moyens pos- 
sibles. Bis zum Kongress von Marseille standen die Arbeiterkongresse 
in Beziehung auf das Privateigentum auf dem konservativen Stand- 
punkt; noch der Kongress von Lyon (1878) hatte einen Beschluss, welcher 
sich für die Anerkennung des Rechts auf den vollen Arbeitsei'trag und 
für das Kollektiveigentum an den Produktionsmitteln aussprechen sollte, 
mit grosser Majorität abgelehnt. Vgl. Mermeix, La France socialiste, 
1886, S. 80 — 86. und über die englische Arbeiterbewegung unten §. 12, 
Note 26 ff. 



— 108 — 

vollen Arbeitsertrag oder das Recht auf Existenz bilden soll, 
noch zu keiner festen, übereinstimmenden Ueberzeugung ge- 
langt. Ebensowenig besteht Uebereinstimmung über die Frage, 
wer in Zukunft das Subjekt dieses gemeinsamen Eigentums 
sein soll. Sollen im socialistischen Staat Arbeiterassociationen 
das Eigentum der Produktionsmittel und der benutzbaren 
Sachen haben und dasselbe gemeinsam benützen (Gruppen- 
socialismus) ? Oder soU dieselbe Aufgabe der Gemeinde, dem 
Staat oder gar, wie der Kongress von Marseille will (Note 12), 
der gesamten Menschheit zufallen (Gemeinde-, Staats-, Welt- 
socialismus) ? Oder soll eine Kombination dieser verschiedenen 
Standpunkte stattfinden, z. B. in der Weise, dass der Staat 
oder die Gemeinde das Eigentum der Produktionsmittel hat, 
diese aber einzelnen Personen oder Associationen zur indi- 
viduellen Benützung und Bewirtschaftung hingiebt? Auf alle 
diese Fragen geben die neueren socialistischen Schriften und 
die Beschlüsse der socialistischen Kongresse nur unbestimmte, 
vielfach im Widerspruch stehende Antworten. 

Dieser Mangel wird gewiss . zum Teil durch die Schwierig- 
keit jener Fragen verursacht, weil es sich hier um vorherr- 
schend juristische Probleme handelt, während die Durch- 
forschung des socialistischen Gedankenkreises vom juristischen 
Standpunkte bisher noch nicht einmal versucht worden ist. 
Aber von noch grösserem Einflüsse auf diese Haltung des 
modernen Socialismus waren ohne Zweifel die Ansichten von 
Marx und Engels, welche das Wesen des wissenschaftlichen 
Socialismus (im Gegensatz zu dem utopistischen von Saint- 
Simon, ^^ Fourier und Owen) in einer kritischen Darlegung 

'^ Durchaus unnchtig ist es, wenn Engels Saint-Simon (der von 
seiner Schule genau unterschieden werden muss) als Utopisten bezeichnet, 
vgl. die Streitschrift gegen Dühring, S. 219, 223, Die Entwicklung 
des Socialismus von der Utopie zur Wissenschaft S. 11 ff. In den 
Schriften Saint- Simon's finden sich zwar, gerade so wie bei Marx und 
Engels, einzelne Vorschläge zur Reform der Gesellschaft, aber eine 



— 109 — 

des gegenwärtigen ökonomischen Zustandes in seinem ge- 
schichtlichen Zusammenhang und der daraus sich ergebenden 
principiellen Massregeln (s. oben S. 101) erkennen, dagegen jede 
nähere Darlegung der zu erstrebenden Gesellschaftsordnung als 
Utopie verwerfen. Die Aufgabe des wissenschaftlichen Socia- 
lismus, sagt Engels, war nicht mehr, ein möglichst voll- 
kommenes System der Gesellschaft zu verfertigen, sondern den 
geschichtlichen ökonomischen Verlauf zu untersuchen, dem 
das Proletariat und die Bourgeoisie und ihr Widerstreit mit 
Notwendigkeit entsprungen, und in der dadurch geschaffenen 
ökonomischen Lage die Mittel zur Lösung des Konflikts zu 
entdecken . . . Der bisherige Socialismus (vor Marx) kritisierte 
zwar die bestehende kapitalistische Produktionsweise und ihre 
Folgen, konnte sie aber nicht erklären, also auch nicht mit 
ihr fertig werden. All dies habe erst Marx durch seine 
„Entdeckung" des Mehrwertes geleistet. ^^ 

Ich halte eine solche Darstellung eines vollkommenen 
Gesellschaftszustandes nicht nur für durchaus wissenschaftlich, 
sondern geradezu für unerlässlich, wenn die socialistische Be- 
wegung ihre Ziele auch nur zum Teile erreichen soll. Eine 
unwissenschaftliche Utopie ist nur dann vorhanden, wenn man 
bei der Entwerfung des künftigen socialen Systems von der 
Ansicht ausgeht, dass die Menschen nach Einführung der 
neuen socialen Ordnung von wesentlich anderen Triebfedern 
geleitet, oder dass eine andere Verkettung von Ursache und 

Utopie, d. h. eine ins einzelne gehende Darstellung des künftigen Ge- 
sellscliaftszustandes, wird man bei ihm vergebens suchen. Erst der 
Saint -Simonismus hat in der Exposition de la doctrine Saint- Simo- 
nienne (s. oben §. 6) ein solches Bild der künftigen socialen Ordnung 
geschaffen. Auch Owen kann man nur sehr uneigentlich einen Utopisten 
nennen. 

^* Engels, Die Entwicklung des Socialismus, S. 26, 27. Engels 
folgt in dieser Richtung dem „Kleinbürger" Proudhon, der in seinem 
Systeme des contradictions economiques, Bd. 2, S. 330 ff-, gleichfalls 
alle bisherigen kommunistischen Systeme als Utopien verworfen hat. 



— 110 — 

Wirkung stattfinden wird, als in unserem gegenwärtigen Zu- 
stand. Diese zwei Grundregeln haben nun freilich ältere und 
neuere Socialisten — '■ Engels ^^ selbst nicht ausgenommen — 
vielfach ausser Acht gelassen. Ich erinnere nur an Cabet,^'' 
welcher das Gefühl der Brüderlichkeit als die einzige Trieb- 
feder wie auch als den einzigen Zweck seines socialen S3'-stems 
erklärte, obgleich er sich doch unmöglich verhehlen konnte, 
dass die bisher gemachten Erfahrungen von der menschlichen 
Natur eine solche unbedingte Herrschaft der Brüderlichkeit 
auch im kommunistischen Staat nicht erwarten lassen. Oder 
ich erinnere an Fourier und an Pierre Leroux,^^ welche 



^" So äussert sich Engels in seiner Streitschrift gegen Dühring, 
S. 235 über den wahrscheinlichen Erfolg der Einführung der socia- 
listischen Ordnung folgendermassen: „Die Möglichkeit, vermittelst der 
gesellschaftlichen Produktion allen Gesellschaftsgliedern eine Existenz 
zu sichern, die nicht nur materiell vollkommen ausreichend ist und von 
Tag zu Tag reicher wird, sondern die ihnen auch dievollständige 
freie Ausbildung und Bethätigung ihrer körperlichen und 
geistigen Anlagen garantiert, diese Möglichkeit ist jetzt zum 
erstenmal da, aber sie ist da." Ich glaube, dass diese Versicherungen, 
welche das letzte Ziel aller menschlichen Bestrebungen schon jetzt als 
erreichbar hinstellen, viel utopischer sind als alle die Versprechungen 
von auserlesenen gastronomischen, geschlechtlichen und geistigen Ge- 
nüssen, mit welchen Fourier seine dicken Bände füllt. 

1^ Man hatte Gäbet vorgeworfen, dass seine „Reise nach Ikarien" 
keine zusammenhängende wissenschaftliche Theorie des Socialismus 
enthalte. Darauf gab Gäbet in der von ihm redigierten Monatsschrift 
„Le Populaire" (Nr. 4 vom November 1844, S. 3) die schöne, aber 
phantastische Antwort: Si Ton nous demande quelle est notre science, 
nous repondons : la, Fraterintcf — quel est votre principe? ]a Fraternite! 
— quelle est votre doctrim? la Fraternite! — quelle est votre theorie? 
la Fraternite! — quel est votre Systeme? la Fraternite! 

^^ Fourier giebt auf S. II des Nouveau Monde Industriel et 
Societaire, 1829 als Resultat seiner Erfindung an : Moyen de quadrupler 
subitement le produit effectif et de vingfupler le relatif, la somme de 
jouissances. Der Titel einer im Jahre 1853 erschienenen, an die stän- 
dische Vertretung von New Jersey gerichteten Schrift von Pierre 



— 111 - 

die sonst in der Erfahrung gegebene Verkettung von Ursache 
und Wirkung so sehr verkennen, dass sie, als die unmittelbare 
Folge der Verwirklichung ihrer Vorschläge, die Vervierfachung 
oder die Verfünffachung des wirtschaftlichen Produkts in Aus- 
sicht stellen. Selbstverständlich sind diese phantastischen Ver- 
sprechungen, wenn einzelne socialistische Systeme (z. B. die 
von Fourier und Cabet) praktisch erprobt Avurden, niemals 
wirklich erfüllt worden. ^^ 

Marx und Engels meinen freilich, dass die Centralisa- 
tion der Produktionsmittel und die Vergesellschaftung der 
Arbeit allmählich einen Punkt erreichen werden, wo dadurch 
notwendig das Privateigentum gesprengt werden muss. Aber 
wie wenig die grössten socialen Missstände geeignet sind, eine 
Umgestaltung der Gesellschaftsordnung herbeizuführen, wenn 
den Nationen nicht ein klares, von aller Ueberschwenglichkeit 
freies Bild des künftigen Zustandes vorschwebt, zeigt ein Blick 
auf das sinkende römische Reich. Noch nie Avaren die Pro- 
duktionsmittel so centralisiert, wie zu der Zeit, da die Hälfte 
der afrikanischen Provinz sich im Eigentum von sechs Per- 
sonen befand (Plin. bist. nat. XVIII, 35, ed. Sillig); niemals 
waren die Leiden der arbeitenden Klassen grösser als in der 
Zeit, wo fast jeder produktive Arbeiter ein Sklave Avar. Es 
fehlte damals auch nicht — namentlich bei den Kirchen- 
vätern — an heftigen Kritiken des bestehenden Gesellschafts- 
zustandes, die sich mit den besten socialistischen Schriften der 
Gegenwart messen können. ^^ Dennoch folgte auf den Sturz 
des Aveströmischen Reichs nicht etwa der Socialismus, sondern 
— die mittelalterliche Rechtsordnung. 

Leroux lautet: Sur un moyen de quintitpJer, pour iie dire jios plus, 
la production agricole du pays. 

^^ Vgl. über die praktischen Versuche, welche in Nordamerika 
mit dem Fourierismus gemacht wurden, Noyes, History of American 
Socialisms S. 200 ff. 

'^ Vgl. Villegardelle, Histoire des Idees sociales, 1846, S. 50 ff. 



— 112 — 

Wie notwendig eine gründliche Ausbildung der socia- 
listisclien Staatslehre von einem juristischen Gesichtspunkte, 
sowohl im Interesse der besitzenden als auch der arbeitenden 
Klassen ist, zeigt der Verlauf der französischen Revolution 
des Jahres 1848, die ja doch durchgreifend einen socialen 
Charakter an sich trug. Ich verkenne nicht, dass die Macht- 
verhältnisse bei dieser Umwälzung im Allgemeinen für die 
arbeitenden Klassen ungünstig lagen, und dass deshalb eine 
durchgreifende sociale Reform überhaupt nicht durchzusetzen 
war. Aber die wenigen Massregeln, welche damals ergriffen 
wurden, vollzogen sich nicht etwa im Sinne von Marx und 
Engels kraft einer den wirtschaftlichen Verhältnissen imma- 
nenten geschichtlichen Notwendigkeit, sondern sie waren schon 
vorlängst in Büchern und Zeitschriften vorgeschlagen und be- 
sprochen worden. Ich verweise nur auf die oben (§. 1) ge- 
gebene Darstellung der historischen Entwicklung des Rechts 
auf Arbeit, dessen Anerkennung durch eine vieljährige, sehr 
„utopische" Diskussion vorbereitet worden war. 

Eine zweite Massregel, deren socialistische Tendenz un- 
zweifelhaft ist, war die Einsetzung einer Kommission der Re- 
gierung für die Arbeiter, welche von der provisorischen Re- 
gierung durch das Dekret vom 28. Februar 1848 verfügt 
wurde. ^" Das Pariser Volk hatte am 28. Februar 1848 ein 
Arbeits- und Fortschrittsministerium (Ministere du travail et 
du progres) verlangt, d. h. eine Behörde, welche zur Wah- 
rung der Arbeiterinteressen eine wirkliche Vollziehungsgewalt 
besessen hätte. ^^ Louis Blanc Hess sich jedoch von seinen 
Kollegen in der provisorischen Regierung bestimmen, statt des 
Arbeits- und Fortschrittsministeriums eben jene Regierungs- 

^^ Carrej^ Bd. 1, Nr. 42, 58. Die Yerhancllungen dieser Kom- 
mission wurden von Louis Blanc in einer Broschüre: La Revolution 
de Fevrier au Luxembourg, Paris, 1849, herausgegeben. 

-' Louis Blanc, Histoire de la Revolution de 1848, 5. Aufl., 
1. Bd., 1880, S. 133 ff. 



— 113 - 

kommission zu acceptieren, welche einen rein theoretischen 
Charakter hatte und eine Art Akademie zur Diskussion der 
Arbeiterinteressen war. — Das Fortschrittsministerium war 
aber ebenso wie das Recht auf Arbeit ein alter Plan der 
fourieristischen Schule. ^ ^ 

Endlich bestimmte ein Dekret der konstituierenden Ver- 
sammlung vom 5. Juli 1848 einen Betrag von drei Millionen 
zur Unterstützung von Arbeiterassociationen, welche in der 
Weise verwendet wurden, dass Kredite unter 25 000 Franken mit 
drei Prozent, Kredite in einem höheren Betrage zu fünf Prozent 
zu verzinsen waren. Die drei Millionen Franken wurden auch 
von den Arbeiterassociationen in Paris und in der Provinz 
fast vollständig in Anspruch genommen und manche der- 
selben erfreuten sich einer grossen Blüte, bis sie infolge des 
Staatsstreichs vom 2. Dezember 1851 wegen der republika- 
nischen Gesinnung ihrer Mitglieder aufgelöst wurden. ^^ Man 
wird in diesen Massregeln die Vorschläge, welche Louis Blanc 
schon früher in seiner Schrift über die Organisation der Arbeit 
und dann während der Februarrevolution selbst in der Luxem- 
burger Kommission gemacht hatte, ^^ leicht wieder erkennen. 

Fragt man aber, was die Führer der socialistischen Be- 
wegung bestimmt, trotz dieser geschichtlichen Thatsachen, die 
ja bekannt genug sind, eine wissenschaftliche Detaildarstellung 

^^ Vgl. Bases de la politique positive, Manifeste de l'öcole socie- 
taire, fondee par Fourier, 2. Aufl., 1842, S. 207 ff. 

^^ Enquete de la commission extraparlementaire des assoeiations 
ouvrieres Bd. I, 1883, S. 10, Bd. II, S. 329 ff. 

^* Louis Blanc, Organisation du travail, 1. Aufl., 1841, S. 7(3 ff., 
S. 107, 113, 114. Derselbe, La Revolution de Fevi-ier au Luxenibourg, 
1849, S. 100 ff. Derselbe in der von ihm herausgegebenen Monats- 
schrift le Nouveau Monde vom 15. September 1849, S. 129 (Le socia- 
lisme en projet de loi). Derselbe, Org. d. travail, 9. Aufl., 1850, 
S. 119 ff., und in der zehnten Ausgabe in den Questions d'aujourd'hui 
et de demain im 4. Bd., 1882. S. 152. Die hier angeführten Vorschläge 
stimmen übrigens nicht vollkommen überein. 

Meng er, Arbeitsertrag. 2. Aufl. 8 



— 114 — 

des angestrebten Gesellscliaftszustandes oder mit anderen Worten 
die Ausbildung einer socialistisclien Staatslehre zu vermeiden, 
so dürften wohl zwei Punkte die Erklärung für diese an sich 
befremdende Erscheinung bieten. Zunächst die Thatsache, dass 
die hervorragenden socialistischen Theoretiker in der Regel auch 
einüussreiche Führer der socialistischen Parteien sind. Unter 
politischen und ökonomischen Parteien ist aber erfahrungs- 
gemäss die Einigkeit viel leichter durch Negation bestehender 
Zustände als durch Aufstellung positiver Ziele zu erreichen. 

Dann aber mag zu jener Haltung einer wichtigen Gruppe 
socialistischer Theoretiker eine Verkennung der Unterschiede 
zwischen den theoretischen und den praktischen Disziplinen 
beitragen. In den theoretischen Wissenschaften ist schon der 
blosse Nachweis eines Irrtums von Bedeutung, auch wenn es 
dem Forscher noch nicht möglich sein mag, die wahre Einsicht 
an die Stelle des beseitigten Irrtums zu setzen. So hätte Koper- 
nikus schon durch die Widerlegung des Ptolemäischen Welt- 
systems sich unsterblichen Ruhm erworben, auch wenn er sein 
eigenes nicht hätte aufstellen oder begründen können. 

Anders verhält es sich auf dem Gebiet der praktischen 
Disziplinen. Hier ist keine noch so wahre Kritik bestehender 
Einrichtungen berechtigt, solange nicht die Möglichkeit eines 
besseren Zustandes genügend erwiesen wird. So gross auch 
der Druck sein mag, den das arbeitslose Einkommen (die 
Rente, der Mehrwert) auf die arbeitenden Klassen ausübt, so 
werden sich doch die Völker niemals zu einem eingreifenden 
socialen Experiment entschliessen, wenn nicht zuvor eine nur 
von erfahrungsmässigen Gesichtspunkten geleitete socialistische 
Staatslehre geschaffen ist. Auch die politischen Reformbestre- 
bungen des 18. und 19. Jahrhunderts hätten keinen dauernden 
Erfolg gehabt, wenn den Nationen in den Schriften von Montes- 
quieu und Rousseau nicht schon ein Abriss des künftigen 
politischen Zustandes vorgelegen wäre. 



§. 10. Louis Blanc und Ferdinand Lassalle. 

Louis Blanc und Lassalle sind die zwei hervor- 
ragendsten Vertreter derjenigen Form des Socialisraus, welche 
ich oben (S. 108) den Gruppensocialismus genannt habe. Der 
Grundgedanke dieses socialistischen Systems besteht darin, dass 
grössere oder kleinere Associationen von Arbeitern desselben Be- 
rufes einesteils das Eigentum an den Produktionsmitteln haben 
und andrerseits diese gemeinsam benützen sollen. Dem steht 
selbstverständlich nicht entgegen, dass zwischen den verschie- 
denen Arbeitergruppen desselben Zweiges oder vielleicht sogar 
zwischen allen Arbeitergruppen eine einheitliche Organisation 
besteht. Es genügt, dass die Arbeitergruppe oder -Associa- 
tion Subjekt des Eigentums und der Wirtschaft ist, um den 
Gruppensocialismus von den übrigen socialistischen Grundformen 
(dem Gemeinde-, Staats- und Weltsocialismus) scharf zu unter- 
scheiden. 

Das Verhältnis zwischen Louis Blaue und Lassalle 
lässt sich etwa so bestimmen: Die philosophische und histo- 
rische Grundlegung des Gruppensociahsmus ist bei Louis 
Blanc sehr dürftig, während Lassalle nicht nur die histo- 
rischen und philosophischen Seiten der Frage beherrscht, son- 
dern auch einen Teil der früheren Litteratur über das Grund- 
problem des Socialisnms: das arbeitslose Einkommen kennt. 
Dagegen ist Lassalle in seinen praktischen Vorschlägen von 
Louis Blanc vollständig abhängig. 



— 116 — 

Louis Blanc gehörte zu einer Gruppe von jungen Leuten, 
welche sich nach der Julirevolution (1830) um Philipp Buo- 
narroti, den Genossen Babeufs und den Geschichtschreiber 
der Babeuf sehen Verschwörung gesammelt hatten.^ Die Be- 
ziehungen Louis Blanc's zu dem alten kommunistischen Ja- 
kobiner blieben nicht ohne Einfluss auf seine socialistischen 
Schriften. Es fehlt namentUch in seinem System die national- 
ökonomische Verbrämung, mit welcher die Socialisten seit 
Ricardo und Thompson die socialistischen Probleme, die 
im Grunde doch Macht- und Rechtsfragen sind, zu umgeben 
pflegen. Für die entschlossenen Revolutionäre, welche sich 
mit Babeuf zur Herbeiführung einer neuen socialen Ord- 
nung auf dem Wege der Gewalt verbunden hatten, genügte 
eben der Hinweis auf die ewige Gerechtigkeit, welche nach 
ihrer Auffassung neben der politischen Gleichheit auch die 
ökonomische (egalite de fait, egalite reelle) erheischt. 

Louis Blanc geht deshalb bei seinem System nicht von 
einer bestimmten Auffassung des Wertes aus, er vernach- 
lässigt den bei den meisten Socialisten so sehr hervorgehobenen 
Gegensatz zwischen Arbeitslohn und Arbeitsertrag und er be- 
hauptet auch nicht das Recht des Arbeiters auf den vollen 
Ertrag seiner Arbeit. Allerdings untersucht er in der neunten 
Auflage seiner Hauptschrift ^ auch die Berechtigung des 
arbeitslosen Einkommens — eine Frage, welche durch die 
während der Februarrevolution erschienenen Schriften von 
Proudhon und Bastiat auf die Tagesordnung gesetzt worden 
war. Louis Blanc vertritt die Ansicht, dass das arbeitslose 
Einkommen , speciell der Darlehenszins an sich ungerecht ist 
(gegen Bastiat), dass es aber in unserer Rechtsordnung, 
welche den Boden und die anderen Produktionsmittel an ein- 

1 Ad vi eile, Histoire de Gracchus Babeuf et du Babouvisme Bd. 1, 
1884, S. 360. 

2 Louis Blaue, Organisation du travail, 9. Aufl., 1850, S. 156 ff. 
Vgl. auch seine Schrift: Le socialisme. Droit au travail, 1848, S. 20 — 24. 



— 117 — 

zelne Privatpersonen verteilt, als eine unbedingte Notwendig- 
keit betrachtet v^erden muss (gegen Proudhon). Aber er 
verfolgt diese Gedanken nicht so weit, um ein Recht des Ar- 
beiters auf den vollen Arbeitsertrag aufzustellen, vielmehr be- 
hauptet er ein Recht jedes Menschen auf Existenz (droit ä la 
vie)^ und stellt als Grundsatz für die Einrichtung der socialen 
Ordnung die Regel auf, dass jeder nach seinen Fähigkeiten 
produzieren und nach seinen Bedürfnissen konsumieren soll.* 
Es ist daraus klar, dass der Mittelpunkt des socialisti- 
schen Systems von Louis Blanc nicht das Recht auf den 
vollen Arbeitsertrag, sondern das Recht auf Existenz ist, dass 
dessen Grundlage nicht ein volkswirtschaftliches Prinzip, son- 
dern der philanthropische Grundsatz der Brüderlichkeit bildet. 
Um nun jenes Ziel zu erreichen, schlägt Louis Blanc 
eine lange Reihe von Massregeln vor, aus welchen ich folgende 
hervorhebe. Es soll, wie auch die Schule Fourier's vorge- 
schlagen hat (s. oben §. 9, Note 22), ein Ministerium des 
Fortschrittes gebildet werden, dessen Hauptaufgabe in der 
allmählichen Beseitigung des Proletariats auf dem Wege der 
Reform besteht. Dieses Ministerium hätte die Eisenbahnen 
und Bergwerke, die Zettelbank, die Versicherungsanstalten in 
seine Verwaltung zu übernehmen und Bazars für den Klein-, 
Entrepots für den Grosshandel zu errichten, letztere mit dem 
Recht, auf Grund der deponierten Waren eine Art Warengeld 
herauszugeben. Von dem Gewinn, welcher aus allen diesen 



* Louis Blanc, Organisation du travail in den Questions d'au- 
jourd'hui et de demain Bd. 4, 1882, S. 202. 

* Organisation du travail in den Questions Bd. 4, S. 91 : L'egalite 
n'est donc que la proportionnalite , et eile n'existera d'une maniere 
veritable que lorsque cliacun, d'apres la loi ecrite en quelque sorte 
dans son Organisation par Dieu lui-meme, proflnira stlon scs facuUes et 
coiiso»ii/u'ra selon ws besoins. Vgl. auch Louis Blanc, La revolution 
de Fevrier au Luxembourg, 1849, S. 72, 75. S. auch oben §. 1, 
Note 4, 5. 



— 118 - 

Anstalten dem Staat zufliessen würde, wären zunächst Kapital 
und Zinsen der zu diesen Oiierationen erforderlichen Einlösungs- 
summen zu berichtigen, der verbleibende Rest würde das Budget 
der Arbeiter bilden. 

Aus dem Arbeiterbudget wären nun landwirtschaftliche 
und industrielle Arbeiterassociationen zu begründen und zwar 
in der Weise, dass ihnen zur Anschaffung der Produktions- 
mittel Staatskredit gewährt wird. Doch müssen die Arbeiter- 
associationen , welche auf den Staatskredit Anspruch machen, 
in ihre Statuten folgende Bestimmungen aufnehmen. Aus dem 
Gewinn der Association sind zunächst alle Auslagen der Pro- 
duktion, einschliesslich der Arbeitslöhne, ferner die Interessen 
der vom Staat vorgeschossenen Kapitalien zu bestreiten; von 
dem Rest ist ein Viertel auf die Amortisierung der vorge- 
schossenen Kapitalien selbst, das zweite Viertel zur Gründung 
eines Unterstützungsfonds für die Arbeitsunfähigen, das dritte 
Viertel zur Verteilung unter den Genossenschaftern zu ver- 
wenden. Das letzte Viertel soll endlich in einen allgemeinen 
Reservefonds fliessen, der alle Arbeiterassociationen im Falle 
einer Krisis unterstützen soll. 

Zwischen den Betriebsstätten der Associationen desselben 
Berufs (Ateliers sociaux^) soll nämlich eine Organisation be- 

•'' Die Ateliers sociaux nach den Vorschlägen von Louis Blanc 
und die Ateliers nationaux, welche die provisorische Regierung nach 
der Februarrevolution einrichtete (oben §. 1) sind genau zu unter- 
scheiden, wie denn auch Louis Blanc gegen eine Identifikation beider 
stets aufs Nachdrücklichste protestiert hat. Thatsächlich ist auch der 
Unterschied zwischen beiden Einrichtungen gross genug. Die Ateliers 
sociaux sind nach der Absicht von Louis Blanc Genossenschaften von 
Arbeitern desselben Berufes, welche für eigene Rechnung arbeiten und 
deshalb durch das Band einer gewissen Solidarität verbunden sind. 
Die Ateliers nationaux waren dagegen turbulente Vereinigungen von 
beschäftigungslosen Proletariern aller Berufszweige, welche militärisch 
organisiert waren und nur deshalb zu Erdarbeiten verwendet wurden, 
um den Schein eines Almosens zu vermeiden. Vgl. Louis Blanc, 



— 110 — 

stehen, indem alle Betriebsstätten derselben Art von einer 
Centralbetriebsstätte abhängig sein sollen.^ Diese Organisation 
würde es ermöglichen, die Preise für die verschiedenen Be- 
triebsstätten festzusetzen und dadurch die Konkurrenz zwischen 
den einzelnen Ateliers zu verhindern. An der Spitze sämt- 
licher landwirtschaftlichen und industriellen Arbeiterassociationen 
würde ein oberster Rat stehen, der auch den früher erwähnten 
Reservefonds zu verwalten hätte. ^ 

Fragen wir nun nach dem Verhältnis, in welchem der 
zweite der oben genannten Vertreter des Gruppensocialismus 
zu Louis Blanc steht, so ist zunächst hervorzuheben, dass 
Lassalle zur Begründung seiner Vorschläge einen grossen Teil 
des philosophisch-nationalökonomischen Ideenkreises vorträgt, 
welcher seit Godwin von den englischen, französischen und 
deutschen Socialisten herausgearbeitet worden ist. Direkt 
schöpft allerdings Lassalle aus Proudhon, Marx und Rod- 
bertus, ohne, wie es scheint, die eigentlichen Quellen jener 
Theorien zu kennen. Gleich in dem „Offenen Antwortschreiben 
an das Centralkomitee zur Berufung eines allgemeinen deutschen 

Pages de l'histoire de la revolution de Fevrier, 1848, S. 55. — Le so- 
cialisme. Droit au travail. Reponse ä M. Thiers, 1848, S. 62. — Nouveau 
Monde vom 15. Juli 1850, S. 31. — Histoke de la revolution de 1848 
Bd. 1, 5. Aufl.. 1880, S. 221. Auch der Direktor der Ateliers nationaux, 
Em. Thomas, hat zu wiederholten Malen bestätigt, dass dieselben durch- 
aus nicht auf den Ideen Louis Blanc's beruhten, vielmehr den geheimen 
Zweck verfolgten, diese letzteren durch ein Scheinexperiment ad ab- 
surdum zu führen. Vgl. Rapport de la commission d'enquete sur l'in- 
surrection qui a eclate dans la journee du 23 Juin et sur les evenements 
du 15 Mai, Bd. 1, 1848, S. 352. — Thomas, Histoire des Ateliers 
nationaux, 1848, S. 142. — S. auch oben §. 1 Note 33. 

" Organisation du travail in den Questions Bd. 4, S. 98. 

^ Louis Blanc, Organisation du travail in den Questions Bd. 4, 
S. 152 (vgl. auch die Citate oben §. 9, Note 24). Louis Blanc hat 
seine Vorschläge, namentlich in Beziehung auf die Verteilung des Ge- 
winnes der Arbeiterassociationen, nach der Februarrevolution beträchtlich 
modifiziert. 



— 120 — 

Arbeiterkongresses zu Leipzig" vom 1. Mai 18G3, womit 
Lassalle seine socialistische Agitation eröffnete, stellte er 
„das eherne ökonomische Gesetz" auf, „dass der durchschnitt- 
liche Arbeitslohn nur auf den notwendigen Lebensunterhalt 
reduziert bleibt, der in einem Volke gewohnheitsmässig zur 
Fristung der Existenz und zur Fortpflanzung erforderlich ist",** 
Von dem gesamten Arbeitsertrage werde deshalb zunächst so 
viel abgezogen und unter die Arbeiter verteilt, als zu ihrer 
Lebensfristung erforderlich ist (Arbeitslohn) ; der ganze Ueber- 
schuss der Produktion — des Arbeitsertrages — falle auf 
den Unternehmeranteil. Die Arbeiter seien deshalb auch von 
jeder Teilnahme an der durch die Fortschritte der CiviHsa- 
tion gesteigerten Produktivität ihrer eigenen Arbeit ausge- 
schlossen. ^ 

Alle späteren sociahstischen Schriften L assall e's, nament- 
lich das Arbeiterlesebuch ^^ und die Streitschrift gegen Schulze- 
Delitzsch^^ verfolgen im Wesentlichen nur den Zweck, diese 
wenigen Sätze historisch, philosophisch und natioualökonomisch 
zu erweisen und zu erläutern. 

Die praktischen Vorschläge Las sali e's schliessen sich 
überall jenen Louis Blanc's an, nur fehlt ihnen die Aus- 



^ Ferd. Lassalle, sämtliche Reden und Schriften, herausgegeben 
von Georg Hotschick, New York, Bd. 1, S. 36—37. Vgl. v. Plener: 
Ferd. Lassalle (1884) S. 40 ff. und passim. — Auf dem Kongress der 
socialdemokratischen Partei in Halle (1890) hat sich Liebknecht bei 
Besprechung des Gothaer Programms, welches „die Zerbrechung des 
ehernen Lohngesetzes " als eines der wichtigsten Ziele hinstellt, gegen 
die Annahme eines solchen Gesetzes erklärt und dessen Streichung aus 
dem Parteiprogramm gefordert. Vgl. das Protokoll über die Verhand- 
lungen jenes Kongresses, 1890, S. 167. 

9 Lassalle, Werke Bd. 1, S. 38. VgL oben §. 8, Note 17, 18. 

^° Arbeiterlesebuch. Eede Lassalle's zu Frankfurt a. M. am 17. 
und 19. Mai 1863. Frankfurt a. M., 1863. 

1* Heinr. Bastiat-Schulze von Delitzsch, Der ökonomische 
Julian. Berlin, 1864. 



— 121 — 

arbeitung im Detail, wie sie übrigens auch bei Louis Blanc 
erst infolge seiner Stellung an der Spitze der Luxemburger 
Kommission eingetreten war. Lassalle stellt mit seinen Vor- 
schlägen, die er niemals genauer präcisiert hat , ungefähr auf 
demjenigen Standpunkt, welchen Louis Blanc in den älteren 
Auflagen seiner Schrift über die Organisation der Arbeit ^^ und 
das Dekret der französischen Nationalversammlung vom 5. Juli 
1848^^ einnimmt. In seinem „Offenen Autwortschreiben" 
resümiert er seine Vorschläge in folgender Weise: „Noch ein- 
mal also, die freie individuelle Association der Arbeiter, aber 
die freie Association, ermöglicht durch die stützende und för- 
dernde Hand des Staates — das ist der einzige Weg aus der 
Wüste, der dem Arbeiterstand gegeben ist".^^ In seiner Streit- 
schrift gegen Schulze bezeichnet er die vorgeschlagenen Ar- 
beitervereinigungen kurz als Produktivassociationen der Arbeiter 
mit Staatskredit. ^° Regelmässig würde an jedem Orte für 
einen Berufszweig nur eine Association bestehen, sämtliche 
Associationen derselben Art aber durch einen Assekuranz- 
und Kreditverband vereinigt sein. ^^ Zu den Vorschüssen an 
die Arbeiterassociationen , welche selbstverständlich nur all- 
mählich zu bilden wären, erachtete Lassalle für ganz Deutsch- 
land vorläufig 100 Millionen Thaler für genügend.^' 

Lassalle hielt seine Vorschläge nur für eine Ueber- 
gangsmassregel , welche die Lösung der socialen Frage vor- 

^^ Louis Blanc, Organisation du travail, 1. Aufl., 1841, S. 76 fi'. 

^^ Eine gute Zusammenstellung der Vorgeschichte dieses Dekrets 
giebt die Enquete de la commission extraparlementaire des associations 
ouvrieres Bd. 2, 1883, S. 329 fF. 

" Lassalle, Werke Bd. 1, S. 55. 

'' Lassalle, Werke Bd. 2, S. 391, 392. 

^^ Lassalle, Offenes Antwortschreiben, Werke Bd. 1, S. 47, 48, 
Note. Bastiat-Schulze, ebenda Bd. 2, S. 396, 397. Vgl. auch die 
Briefe von F. Lassalle an Carl Rodbertus- Jagetzow, 1878, 
S. 43, 80. 

'' Lassalle, Arbeiterlesebuch, Werke Bd. 1, S. 168, 169. 



122 

bereiten sollte ^^ und hat dieselben nicht einmal bis in ihi-e 
nächsten Konsequenzen durchdacht. Aber selbst die Vor- 
schläge Louis Blanc's, die doch ungleich besser durchge- 
arbeitet sind, erscheinen nicht geeignet, das von ihm ange- 
strebte Ziel zu erreichen, d, h. die Konkurrenz zu beseitigen 
und der Masse der Arbeiter ein befriedigendes Dasein zu 
schaffen. Zwischen den Betriebsstätten desselben Produktions- 
zweiges könnte möglicherweise durch die Verfügungen der 
Centralbetriebsstätte die Konkurrenz beseitigt werden; aber 
dafür würde der Interessenkampf zwischen den einheitlich 
organisierten Produktionszweigen nur um so lebhafter ent- 
brennen. Denn man vergesse nicht, dass nur innerhalb der 
einzelnen Produktivassociationeu eine socialistische Rechts- 
ordnung hergestellt würde; für das gesamte Gebiet der Kon- 
sumtion, ferner für das Verhältnis der einzelnen Berufszweige 
untereinander würde das Privatrecht mit seinen unvermeidlichen 
Konsecjuenzen : der Vertragsfreiheit und der Konkurrenz fort- 
bestehen. 

Noch weniger würde aber das arbeitslose Einkommen 
durch den Gruppensocialismus beseitigt werden. L a s s a 1 1 e 
hat freilich in seinem Offenen Antwortschreiben gemeint, ^^ 
wenn der Arbeiterstand (durch die Produktivassociationeu) sein 
eigener Unternehmer würde, so müsste an die Stelle des Ar- 
beitslohnes als Vergeltung der Arbeit der Arbeitsertrag 
treten. Allein wer sieht nicht, dass durch die Vorschläge 
Louis Blanc's und Lassalle's an die Stelle des individuellen 
Eigentums nur Korporationseigentum tritt, welches letztere 
auch in unserer heutigen Rechtsordnung in ausgedehntestem 

" Lassalle, im Arbeiterlesebuch (Werke Bd. 1, S. 16(3, Note 1); 
in Bastiat- Schulze (Werke Bd. 2, S. 392); in den Briefen an Rod- 
bertus-Jagetzow S. 44, 46, 81; dann Rodbertus in seinen Briefen 
an Dr. R. Meyer Bd. 1, S. 226 ff. 

1^ Lassalle, Werke Bd. 1, S. 43. Tgl. jedocb seine Briefe an 
Rodbertus S. 77 ff. 



— 123 — 

Masse besteht; dass folglich das Grrund- und Kapitaleigentum 
und die diesem gesetzlich eingeräumte Machtstellung fort- 
besteht und deshalb auch Grundrente und Kapitalgewinn nicht 
beseitigt werden können. Ja, wenn man nicht von der uto- 
pischen Voraussetzung ausgeht, dass die Arbeiterassociationen 
sich ausschliesslich von dem Gefühl der Brüderlichkeit leiten 
lassen werden, so muss man im Gegenteil annehmen, dass 
die einheitlich organisierten Berufsgenossenschaf'ten (nament- 
lich jene, welche wie die Landwirtschaft unentbehrliche Lebens- 
bedürfnisse erzeugen), kraft ihrer Machtstellung aus der Ge- 
samtheit noch mehr arbeitsloses Einkommen erpressen würden, 
als heute den einzelnen Individuen auf dem offenen Markte 
möglich ist. ^*^ 

^" Vgl. auch noch die (von dem reinen Manchester-Standpunkt 
ausgehende) Kritik der Louis Blanc'schen Vorschläge, welche Thiers 
in seiner Rede vor der französischen Nationalversammlung vom 13. Sep- 
tember 1848 gegeben hat (Girardin, Le droit au travail au Luxem- 
bourg et ä l'assemblee nationale Bd. 2, 1849, S. 221 ff.) und die Ant- 
wort Louis Blanc's in seiner Schrift Le Socialisme. Droit au travail. 
Reponse a M. Thiers, 1848, S. 56 ff. 



§. 11. Moderne Bestrebungen. 
I. Der konservative Socialismus in Deutscliland. 

In dem letzten Jahrzehnt sind die sociahstischen Prin- 
cipien ein Element der grossen Politik und dadurch zum 
Spielball der politischen und rehgiösen Parteien geworden. 
Ich halte es für unrichtig, wenn Marx und Engels^ die 
idealen Grebiete des menschlichen Lebens: den Staat, die Kirche, 
die Kunst und Wissenschaft bloss als Konsequenzen der jewei- 
ligen wirtschaftlichen Zustände auffassen (die sogen, materiah- 
stische Geschichtsauffassung). Schon die ungeheure Verbreitung 
der rehgiösen Ueberzeugungen , durch welche die Leiden des 
Lebens und die Schrecken des Todes gemildert werden sollen, 
widerspricht dieser Annahme, weil das Streben nach einem 
sehgen Dasein im Jenseits den wirtschaftlichen Triebfedern 
in zahllosen Fällen notwendig entgegenwirken muss. Viel- 
melu' kann man die Einwirkung der ökonomischen Verhältnisse 
auf den Lauf der menschlichen Entwicklung so bestimmen, 
dass kein grosses geschichtliches Ereignis lediglich aus den 
wirtschaftlichen Zuständen erklärt werden kann, dass aber auch 
keines von denselben vollständig unbeeinflusst geblieben ist. Wir 
sehen denn auch in der That, dass die politischen und reli- 

1 Marx, Misere de la philosophie, 1847, S. 99 flf., 113 ff.; Der- 
selbe, Zur Kritik der politischen Oekonomie, 1. Heft, 1859, S. V; 
Engels, Streitschrift gegen Dühring, 1877, S. 9 ff.; Derselbe, Die 
Entwicklung des Socialismus von der Utopie zur Wissenschaft, 1882, S. 26. 



— 125 — 

giösen Parteien neben ihren idealen Interessen immer auch wirt- 
schaftliche Zwecke verfolgen und dass sie namenthch von dem 
arbeitslosen Einkommen, welches in jedem Zeitpunkt nur eine 
bestimmte Grösse darstellt, so viel als möglich den Gegen- 
parteien abzunehmen und sich selbst zuzuwenden trachten. 
Daher die auf den ersten Blick befremdende Erscheinung, dass 
zahlreiche neuere Socialschriftsteller , welche im Dienste von 
politischen und religiösen Parteien stehen, die ihren Partei- 
genossen zufliessenden Arten des arbeitslosen Einkommens aufs 
Nachdrücklichste verteidigen, alle übrigen Formen desselben 
aber mit der grössten Heftigkeit als eine empörende Unge- 
rechtigkeit angreifen. 

Aber noch ein anderes Moment hat auf diese verschiedene 
Behandlung der einzelnen Formen des arbeitslosen Einkommens 
eingewirkt. Gerade bei dem arbeitslosen Einkommen, welches 
dem Berechtigten nicht aus wirtschaftlichen Gründen, sondern 
nur kraft positiver Rechtsnormen zufliesst, ist es von beson- 
derer Wichtigkeit, dass der Befugnis des Berechtigten auch 
eine entsprechende thatsächliche Macht zur Seite steht. 

Die Feudallasten waren in Frankreich, wie Tocqueville 
nachgewiesen hat, unmittelbar vor der grossen Revolution viel 
weniger drückend als in Deutschland oder in England; den- 
noch richtete sich der Hass der französischen Bevölkerung 
hauptsächlich gegen diese Form des arbeitslosen Einkommens, 
weil das Königtum dem französischen Adel allmählich alle 
Machtbefugnisse, deren Ausübung die Feudallasten hätte legi- 
timieren können, vollständig entzogen hatte. ^ 

Fragen wir nun, wie sich Recht und thatsächliche Macht 
bei den heutigen Formen des arbeitslosen Einkommens ver- 
halten, so springt sofort in die Augen, dass der Besitz der 
mittleren und ärmeren Volksklassen in dieser Richtung am 
besten gestellt ist, weil sich hier Recht und Macht am voU- 

^ Tocqueville, L'ancien regime et la revolution, liv. 2, eh. 1. 



— 12(3 — 

ständigsten decken. Ungünstiger ist schon das Verhältnis beim 
landwirtschaftlichen und industriellen Grossbesitz, weil bei 
diesen die thatsächliche Macht des Eigentümers durch freie 
Mittelspersonen ausgeübt werden muss, deren Interessen mit 
jenen des Besitzers keineswegs zusammenfallen. Am un- 
günstigsten stehen endlich alle Personen, die ihr arbeitsloses 
Einkommen auf Grund einer Forderung beziehen, insbesondere 
die Besitzer von Aktien und von Staats- und Privatschuld- 
'verschreibungen, welche Schuldtitel in der neuesten Zeit eine 
so unermessliche Vermehrung erfahren haben. Denn hier ist 
eine faktische Macht des Berechtigten überhaupt nicht vor- 
handen und die Gesetzgebung kann solche Rechte jeden Augen- 
blick dadurch vernichten, dass sie ihnen einfach die Aner- 
kennung entzieht. 

Je mehr nun Recht und thatsächliche Macht auseinander- 
fallen, je mehr der Klein- und Mittelbesitz sich in Grossbesitz, 
dieser wieder sich in Papierbesitz verwandelt, desto schwächer 
wird das innere Gefüge der ganzen Privatrechtsordnung. In 
dieser fortwährend steigenden Verschiebung von Recht und 
Macht, welche ohne Zweifel ein eigentümliches Merkmal unserer 
Epoche bildet, erblicke ich das wichtigste Moment, welches 
unsere Privatrechtsordnung dem Socialismus entgegentreibt. 
Diese juristische Thatsache ist viel wichtiger als die öko- 
nomische Konzentration der Produktionsmittel in einzelnen 
Händen, auf welche Marx und andere Socialisten das Haupt- 
gewicht legen ; denn diese kann unter Umständen, z. B. wenn 
der Grossbetrieb, wie im Altertum, durch persönlich unter- 
worfene Arbeiter (Sklaven) geführt wird, sogar zu einer Be- 
festigung der Privatrechtsordnung führen. 

Es ist nun auch begreiflich, dass jene Formen des arbeits- 
losen Einkommens, bei welchen die Machtstellung des Be- 
rechtigten eine schwache ist und die im Wesentlichen auf der 
Anerkennung der Gesetzgebung beruhen, von neueren socia- 
listischen Schriftstellern mit besonderem Nachdruck angegriffen 



— 127 - 

werden. Dies giebt auch die Erklärung, weshalb in Deutsch- 
land, wo die Stellung des Grundbesitzes wegen der grossen 
Zahl von mittleren und kleineren Landwirten eine sehr feste ist, 
sich die Angriffe der einseitigen Socialschriftsteller haupt- 
sächlich gegen das sogen, mobile Kapital richten, während in 
England; wo die Machtstellung des Grundbesitzes infolge des 
Latifundienwesens eine sehr schwache ist, das Grundeigentum 
das wichtigste Objekt für die Angriffe jenes parteiischen 
Socialismus bildet. 

Zu den Aeusserungen eines parteiischen und einseitigen 
Socialismus sind nun zuvörderst die heftigen Angriffe zu rechnen, 
welche die konservativen Socialschriftsteller in Deutschland 
und Oesterreich gegen den Darlehenszins und die verwandten 
Formen des arbeitslosen Einkommens (namentlich die Zinsen 
von rückständigen Kauf- und Erbschaftsgeldern) richten. Der 
Zins von kreditierten Geldern jeder Art (welchen ich der Kürze 
wegen als Darlehenszins bezeichnen will) ist vom socialpoliti- 
schen Standpunkt ebenso ein arbeitsloses Einkommen, welches 
dem Kreditgeber kraft positiver Rechtsvorschrift zufliesst, wie 
der Miet- und Pachtzins oder jene Formen der Grundrente 
und des Kapitalgewinns, welche der Landwirt und der In- 
dustrielle bei eigenem Betriebe aus dem Ertrage ihrer Unter- 
nehmungen empfangen. Nur darin unterscheidet sich der 
Darlehenszins von dem übrigen arbeitslosen Einkommen, dass 
hier das Kapital und der Zins gleichartige Grössen sind, wie 
denn auch gewöhnlich die Höhe des Zinses in Prozenten des 
Kapitals ausgedrückt wird. Der Schuldner vermag deshalb 
in diesem Falle, ohne jede juristische und nationalökonomische 
Reflexion, das Mass seiner Ausbeutung klar zu erkennen, 
Avährend dieser Punkt bei den übrigen Arten des arbeitslosen 
Einkommens durch die Ungleichartigkeit von Leistung und 
Gegenleistung (Arbeit und Lohn, Wohnungsgebrauch und Miet- 
zins u. s. f.) dem ungeübten Auge verdeckt wird. 

Der Umstand, dass Bedrückungen durch den Darlehens- 



- 128 - 

zins (der Darlehenswucher) für Jedermann so leicht erkennbar 
sind, hat zwei wichtige Folgen. Zuvörderst die, dass der Dar- 
lehenswucher regelmässig nur von gesellschaftlich tiefstehendeu 
Personen betrieben und deshalb, weil die sittliche Beurteilung 
immer mit den gesellschaftlichen Machtverhältnissen zusammen- 
hängt, seit jeher mit besonderer Heftigkeit verabscheut wurde. 
Dagegen fanden Bedrückungen durch den Lohn-, Miet- oder 
Pachtvertrag (der Lohn-, Miet- und Pachtwucher), weil sie 
regelmässig von den höheren Gesellschaftsklassen ausgingen, 
immer selbst unter den Volksmassen eine minder ungünstige 
Beurteilung. Und doch bedi'ückt der Darlehenswucher nur ver- 
hältnismässig enge Lebenskreise; dagegen hat bekanntlich der 
Lohnwucher die Degeneration ganzer Bevölkerungen (nament- 
lich auf dem Gebiete der Industrie) herbeigeführt, der Miet- 
wucher ist die Geissei aller aufblühenden Städte^ und der 
Pachtwucher hat die ländliche Bevölkerung ganzer Länder 
(Grossbritannien, Italien, Südfrankreich, Spanien)'^ in einen 
der Sklaverei ähnhchen Zustand versetzt. 

Die leichte Erkennbarkeit des Darlehenswuchers hat aber 
auch zweitens bewirkt, dass der Staat und die Kirche gegen 
denselben schon zu einer Zeit aufgetreten sind, als die anderen 
Seiten der socialen Frage noch vollständig unbekannt waren. 
Ursprünglich war in Kom dem Darleheuswucher keine Schranke 
gesetzt; schon das Zwölftafelgesetz und eine lange Reihe von 
Gesetzen bis auf Justinian '" setzten aber ein gesetzliches Zins- 



^ Vgl. D. Engel, Die moderne "Wohnungsnot, 1873, S. 24 und 
passim. 

^ Ueber die Greuelthaten , welche die englische Grandaristokratie 
sich gegen ihre Pächter hat zu schulden kommen lassen, ist zu ver- 
gleichen Wallace, Land-Nationalisation, 2. Aufl., 1882, eh. 3—5. 
Wichtige hierher gehörende Aufschlüsse enthält auch Sugenheim, 
Geschichte der Aufhebung der Leibeigenschaft, 1861, passim. 

' L. 26, §. 1, Cod. de usuris (4, 32). Vgl. Glück, Ausführliche 
Erläuterung der Pandekten, Bd. 21, 1820, S. 1 S. 



— 129 — 

maximum fest, ja es scheint sogar während der republikani- 
schen Periode das zinsbare Darlehen vorübergehend vollständig 
verboten gewesen zu sein.^ Die christliche Kirche erliess 
gleichfalls strenge Verbote gegen das Zinsnehmen, wobei sie sich 
namentlich auf einen im Evangelium des Lukas (VI, 34 — 35) 
berichteten Ausspruch Christi stützte, der sich jedoch gar nicht 
auf das Zinsnehmen bezieht, sondern vorschreibt, dass der 
Darleiher ohne Hoffnung auf die Rückgabe der dargeliehenen 
Summe borgen soll. ^ Etwa seit dem 13. Jahrhundert kam 
jedoch die Lehre von den sogen, Zinstiteln auf, deren wesent- 
licher Inhalt darin bestand, dass das Darlehen als solches 
zwar immer ein unverzinsliches sein müsse, dass aber der 
Darleiher dennoch eine Entschädigung annehmen dürfe, wenn 
besondere Thatsachen eine solche rechtfertigen, z. B. wenn 
der Darleiher durch das Darlehen einen Schaden erlitt (Dam- 
num emergens) oder ihm dadurch ein Gewinn entging (Lu- 
crum cessans), wenn das Darlehenskapital durch seine Hingabe 
an den Schuldner gefährdet war (Periculum sortis) u. s. f.^ 

« Tac. Ann. VI, 16; cfr. Livii 1. VII, c. 16, 42. 

^ Die Stelle bei Lukas VI, 34 — 35, lautet wörtlich : v.al iav oavri- 
Ctjts Tcap' CUV iXTiiCsT^e ^.TCoXaßslv, %ola. u|jlIv yap:? iati; v.al Y"p o'- ö}J-ocp- 
xcuXol d[xapTü)Xot(; oavEt^ouai, Iva ftjtoXäßcu^i xä laa . TtXrjV a'(rxKÖ.xs zobq 
h/ß'pobq ö}j.(Jüv, v.al ä'^ad-OTzo'.sizs v.al oa'/ti!^tzz [j.f]2sv äTvsX-i^ovxs? ' v.al E-tai 
o fj-iaO-ö? ujxüjv Tiolui;, xal essafl-s ulol toü 6'iiaxoa u. s. f. Dieser Ausspruch 
war, wie aus der Zusammenstellung des Woh|thuns und des Darleihens 
klar genug hervorgeht, nicht als Rechts-, sondern als sittliche Vorschrift 
gemeint. Wollte man aber gleichwohl die Stelle im Widerspruch mit 
ihrem ganzen Inhalt als Rechtsvorschrift deuten, so müsste daraus ein 
Verbot der Zurückforderung der Darlehenssumme oder, da das Rück- 
zahlungsversprechen zum Wesen des Vertrages gehört, ein Verbot des 
Darlehenskontraktes überhaupt (nicht bloss des verzinslichen Dar- 
lehens) gefolgert werden. Vgl. Funk, Zins und Wucher, 1868, S. 220. 
Anderer Ansicht Vogelsang, Zins und Wucher, 1884, S. 7. 

* Ueber diese sog. Zinstitel vgl. namentlich Funk, Zins und Wucher, 
1868, S. 78 ff.; Endemann, Studien in der romanisch-kanonistischen 
Wirtschafts- und Rechtslehre, 2. Bd., 1883, Abt. VIII u. IX. 
Menger, Arbeitsertrag. 2. Aufl. Ü 



— 130 — 

Dass durch diese ausserordentlich umfassenden Zinstitel das 
kanonische Zinsverbot praktisch so gut als ausser Wirksam- 
keit gesetzt wurde, liegt auf der Hand. Thatsächlich halten 
auch nur sehr wenige katholische Socialschriftsteller an dem 
Zinsverbot noch fest,^ während die überwiegende Zahl der- 
selben einen massigen Darlehenszins für zulässig hält und 
nur den eigentlichen Darlehenswucher bekämpft. ^^ Auf dem- 
selben Standpunkt stehen die neueren staatlichen Gesetz- 
gebungen. 

Der Jahrtausende alte Kampf der katholischen Kirche 
gegen das verzinsliche Darlehen kann also gegenwärtig als 
aufgegeben betrachtet werden, und dieser Erfolg musste not- 
wendig eintreten, weil jener Gegensatz auf einer einseitigen 
Beurteilung der socialökonomischen Verhältnisse beruhte. Denn 
es ist nicht der entfernteste Grund vorhanden, den Darlehens- 
zins und den Darlehenswucher vom sittlichen und religiösen 
Standpunkt mehr zu bekämpfen, als die übrigen Formen des 
arbeitslosen Einkommens und ihre Ausartungen. Wer dem 
Darlehenszins seine Berechtigung bestreitet, muss folgerichtig 
auch die anderen Arten des Kapitalgewinns und jede Grund- 
rente, namentlich aber die mittelalterlichen Feudallasten und 
den Miet- und Pachtzins als unzulässig verwerfen, da diese 
letzteren Einkommensarten gleichfalls ohne jede Arbeit von 
Seiten des Berechtigten bezogen werden. Deshalb konnte man 
dem kanonischen Zinsverbot gegenüber immer geltend machen, 
dass der Darleiher sich für die Darlehenssumme, statt dieselbe 
zu verleihen, Produktionsmittel anschaffen und auf diese Weise, 
kraft seiner gesetzlichen Machtstellung, . ein von der Kirche 
nicht verpöntes arbeitsloses Einkommen beziehen kann. Der 
kirchliche Standpunkt hätte nur dann eine innere Konsequenz 

® Vgl. Vogelsang, Zins und Wucher, S. 49, 73 und passim. 

^° Funk a. a. 0. S. 215 ff. Ratzinger, Die Volkswirtschaft in 
ihren sittlichen Grundlagen, 1881, S. 231. Jäger, Die Agrarfrage der 
Gegenwart, Abt. 2, 1884, S. 275, 276 u. a. 



— 131 — 

gehabt, wenn sich die Kirche gegen das arbeitslose Einkommen 
überhaupt gewendet hätte, wozu die bekannte Aeusserung des 
Apostels Paulus: „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen" 
(II. Thess. cap. 3, 10) gleichfalls eine biblische Grundlage 
geboten haben würde. 

Die kirchlichen Anschauungen der späteren Zeit, in Be- 
ziehung auf das arbeitslose Einkommen, sind auch noch für 
die heutige Staatspraxis massgebend. Fast alle Staaten haben 
in ihren Civil- und Strafgesetzbüchern mehr oder minder strenge 
Bestimmungen gegen den Darlehenswucher, aber es fehlt an 
jeder wirksamen Repression gegen Bedrückungen durch den 
Lohn-, Miet-, Pacht- und Kaufvertrag. Erst seit wenigen 
Jahrzehnten haben die meisten europäischen Staaten die in- 
dustriellen Arbeiter durch Beschränkung der Arbeitszeit für 
die Frauen und jugendlichen Personen, ferner durch Fest- 
stellung einer Normalarbeitszeit für alle Arbeiter (Normalarbeits- 
tag) und durch ähnliche Einrichtungen gegen die äussersten 
Härten des Lohnvertrags zu schützen gesucht, während rück- 
sichtlich der landwirtschaftlichen Arbeiter ein ähnlicher Schutz 
bisher noch nirgends erreicht worden ist. Ausserdem ist Eng- 
land (ebenso wie in betreff des Lohnwuchers) auch in der 
Repression des Pacht wuchers den übrigen europäischen Staaten 
durch die irische Landakte vom Jahre 1881 (44 und 45 Vic- 
toria eh. 49) ^^ vorangegangen, ohne jedoch bisher irgendwo 
Nachahmung gefunden zu haben. In Beziehung auf alle 
anderen Formen des Wuchers herrscht noch überall das System 
der unbeschränkten Vertragsfreiheit. 

Die ungünstige Beurteilung des Darlehens durch die kirch- 
lichen Kreise hat aber auch auf die Reformvorschläge der 
konservativen und katholischen SocialschriftsteUer erheblich 
eingewirkt. Während sich diese Schriftsteller in Beziehung 

" Vgl. Eduard Wiss, Das Landgesetz für h-land vom Jahre 1881, 
Leipzig, 1882. 



— 132 — 

auf die anderen Privatrechtsverbältnisse, welche den begünstigten 
Yolksklassen das arbeitslose Einkommen vermitteln, sehr kon- 
servativ verhalten, erscheint ihnen das Darlehen als ein Rechts- 
institut, welches von der Gesetzgebung beliebig modifiziert oder 
wohl gar in grösserem oder geringerem Umfange beseitigt 
werden kann. Hier zeigt sich der Einfluss der poHtischen 
Parteiinteressen besonders wirksam, da der Darlehenszins fast 
ausscliliessKch von der liberalen städtischen Bevölkerung be- 
zogen wird, während die konservative Landbevölkerung ihr 
arbeitsloses Einkommen hauptsächlich in der Form der Grund- 
rente empfängt. Wenn die kirchlich-konservativen Schrift- 
steller der Ansicht sind, dass dieser Standpunkt einen höheren 
ethischen Gehalt in sich birgt als die bürgerliche National- 
ökonomie, welche die gleiche Berechtigung aller Formen des 
arbeitslosen Einkommens vertritt, so ist dies eine vollständig 
willkürliche Annahme; vielmehr liegt hier nur der alte Gegen- 
satz zwischen dem landed interest und dem money interest 
vor, der in Deutschland und Oesterreich mit dem politischen 
Gegensatz der liberalen und kirchlich-konservativen Parteien 
fast identisch ist. 

Die Vorschläge der konservativ-kirchlichen Socialisten zur 
Umbildung des Darlehens und der verwandten Kreditverträge 
sind im Wesentlichen doppelter Natur. Ein Teil dieser Vor- 
schläge will nämlich das arbeitslose Einkommen des Dar- 
leihers nicht schmälern, sondern nur die Begründung oder 
die Geltendmachung seines Rechts ändern. Diese Vorschläge 
haben folglich einen mehr formellen Charakter und es wird 
durch dieselben die Verteilung des arbeitslosen Einkommens 
unter die einzelnen Bevölkerungsklassen nicht berührt. 

Eine zweite Gruppe von Vorschlägen betrifft dagegen 
die materielle Seite des Darlehens, nämlich das arbeitslose 
Einkommen des Darleihers, welches in ii-gend einer Weise ge- 
mindert werden soll. Die Differenz soll dann dem Schuldner, 
namentlich den mit Hypotheken belasteten Landwirten zu- 



— 133 — 

kommen und auf diese Weise deren arbeitsloses Einkoramen 
entsprechend vermehrt werden. ^^ 

Von den Vorschlägen der ersten Art hebe ich namentlicli 
das Rentenj)rincip hervor, welches Rodbertus als Grundlage 
für eine neue Organisation des landwirtschaftlichen Kredits 
aufgestellt hat. ^^ Nach der Ansicht dieses Schriftstellers ist 
jedes landwirtschaftliche Grundstück nur ein ewiger Renten- 
fonds, es kann aus demselben nur ein dauernder jährlicher 
Ertrag, nicht aber eine Geldsumme, die seinen Wert reprä- 
sentiert, gezogen werden. Demgemäss kann auch ein solches 
Grundstück nicht für ein Darlehenskapital, sondern nur für 
eine jährliche Zinssumme verpfändet werden, oder mit anderen 
Worten: die heutige Kapitalshypothek ist zu beseitigen und 
an deren Stelle der Rentenkauf zu setzen. Jede Abschätzung 
eines landwirtschaftlichen Grundstückes hat folglich in Ertrags- 
oder Rentengrundwert, nicht in einer Kapitalsumme zu er- 
folgen; der Wert eines Gutes ist z. B. nicht auf 100000 Mark, 
sondern lediglich auf 5000 Mark jährlichen Reinertrages fest- 
zusetzen. Alle Geschäfte, welche das Grundstück betreffen, 
sind in Rente abzuschliessen. So verpflichtet sich der Käufer 
des Grundstücks, gleichviel ob der Kauf als Privatvertrag oder 
unter gerichtlicher Autorität erfolgt, an den Verkäufer eine ge- 
wisse jährliche Rente zu entrichten, zu welchem Zweck er 
auch die auf dem Gute bereits haftenden Rentenschulden auf 
Rechnung des Kaufpreises oder richtiger der Kaufrente über- 
nehmen kann. Ebenso werden bei Erbteilungen die Abfin- 
dungen der Miterben nicht in Kapital, sondern in einer vom 
Uebernehmer des Grundstücks zu entrichtenden Jahresrente 
berechnet. Auch Darlehen können nur in der Form des 
Rentenkaufes abgeschlossen av erden, also in der Weise, dass 

'- Eine Zusammenstellung der neuesten Vorschläge zur Reform des 
Grundkredits giebt Jäger a. a. 0. Bd. 2, S. 304 fF. 

'^ Rodbertus, Zur Erklärung und Abhilfe der heutigen Kreditnot 
des Grundbesitzes, 2. (Titel-) Aufl.. Bd. 2, 1876, S 72 ff. 



- 134 — 

der Eigentümer des Grundstücks sich gegen Empfang der Dar- 
lehenssumme zur Zahlung einer jährlichen Rente verpflichtet. 
Selbstverständlich können die Beteiligten, wenn eine Renten- 
schuld getilgt werden soll, durch gemeinsame Vereinbarung 
ein Ablösungskapital festsetzen, das an den Rentenberechtigten 
zu bezahlen ist; aber ohne eine solche Vereinbarung geht die 
Verpflichtung des Grundeigentümers immer nur auf Rente, 
niemals auf Kapital. Für die Rentenverpflichtung haftet nur 
das belastete Gut, nicht dessen Eigentümer; deshalb wird in 
die über das Rentengeschäft aufgenommene Urkunde (Renten- 
brief) nur der Namen des verpfändeten Grundstücks, nicht 
aber der Namen eines persönlich haftenden Schuldners auf- 
genommen. 

Zum Zweck der Beförderung des landwirtschaftlichen 
Kredits werden die Besitzer der Grundstücke des ganzen 
Staates oder eines Bezirkes zu Verbänden, ähnlich den preus- 
sischen Landschaften, vereinigt. Diese haben festzusetzen, 
bis zu welcher Höhe der Ertrag eines Guts (die Grundrente) 
als sicher anzusehen ist: für diesen Betrag fertigt der Verband 
dem Eigentümer eines unbelasteten Guts auf den Inhaber 
lautende „Landrentenbriefe" in bestimmten Abschnitten (z, B. 
100 Mark Jahresrente) aus, für welche dann der gesamte 
Grundbesitz des Verbandes solidarisch haftet. Diese Land- 
rentenbriefe sind überdies eine Art von Grundgeld, indem sie 
das gesetzliche Zahlungsmittel für alle Rentenverpflichtungen 
darstellen. Mit den Landrentenbriefen, die an der Börse ge- 
handelt werden, kann der Grundeigentümer jede Rentenschuld 
ablösen, während der Rentengläubiger eine solche Ablösung 
nicht verlangen kann, oder mit anderen Worten: die Renten- 
schuld ist auf Seiten des Schuldners jederzeit einseitig ablösbar. ^* 
— Auf Grund des Gutswerts, der hinter die Grenze des 
sicheren Ertrages (s. oben) fällt, können noch „Gutsrenten- 

^* Rodbert US a. a. 0. Bd. 2, S. 196, 197, 270 und passim. 



— 135 — 

briefe" ausgegeben werden, für welche bloss das belastete 
Gut haftet und die deshalb auch nicht den Charakter eines 
Grundgeldes besitzen. 

Die bestehenden Kapitalsbypotheken sollen zwangsweise 
in Rentenschulden konvertiert werden; ^^ nur jene Hypothekar- 
forderungen, welche nicht rückständige Kaufgelder oder Erb- 
abfindungen sind, sondern auf wirklichen Darlehensverträgen 
beruhen, könnten in ihrer ursprünglichen Form (als Kapitals- 
hypotheken) allenfalls weiter bestehen. Die Zwangskonversion, 
über die sich Rodbertus nicht näher äussert, könnte wohl 
nur darin Ijestehen, dass dem Hypothekargläubiger, soweit 
dessen Forderung noch innerhalb der Grenze des sicheren Er- 
trages fällt, bis zu dem vollen Betrage seines Darlehenszinses 
„Landrentenbriefe" ausgefolgt werden; die hinter jene Grenze 
fallenden Hypothekarforderungen wären dagegen in „Guts- 
rentenbriefen" zu berichtigen. 

Die Ansichten von Rodbertus hat Eugen Jäger ^" 
im Wesentlichen adoptiert. Nur will er den staatlichen Be- 
hörden einen grösseren Einfluss auf den Kredit einräumen 
als Ro dbertus, indem diese auf Verlangen des Grundbesitzers 
berechtigt sein sollen, übermässige Renten zu reduzieren ^ ^ und 
den Zinsfuss, nach welchem der Grundeigentümer die Renten 
in Kapital einlösen kann (S. 134), von Zeit zu Zeit zu be- 
vstimmen, ^ ^ 

Es ist nicht meine Aufgabe, in dieser Schrift, welche nur 
die Theorie des Rechtes auf den vollen Arbeitsertrag geben 
soll, die zahlreichen wirtschaftlichen und juristischen Bedenken 
gegen Rodbertus' Vorschläge zusammenzustellen. Eine 
w' esentliche Hilfe könnten diese mehr formellen Reformen dem 

1^ Rodbertus a. a. 0. Bd. 2, S. 251 ff.; vgl. jedoch auch S. 246 ff. 
^^ Eugen Jäger, Die Agrarfrage der Gegenwart, 2. Abt., 1884, 
S. 320 ff. 

1' Eugen Jäger a. a. 0. S. 831. 
'8 Eugen Jäger a. a. 0. S. 322. 



— 136 — 

Grundbesitz ohnedies nicht bringen, weil die Verteilung des 
arbeitslosen Einkommens dadurch nicht geändert würde. Will 
man sich über die Rechte der Hypothekargläubiger in dem- 
selben Masse wie Rodbertus hinwegsetzen, so kann man die 
von ihm angestrebten Zwecke ohne Anwendung eines so kom- 
plizierten Apparats einfach dadurch erreichen, dass man die 
bestehenden und die zukünftigen Hypothekarforderungen auf 
Seiten des Gläubigers für unkündbar erklärt. 

Aber darauf muss hier noch hingewiesen werden, wie 
sehr diese Vorschläge des konservativ-radikalen Socialschrift- 
stellers vom Klasseninteresse des Grundbesitzerstandes einge- 
geben sind. Denn nicht nur landwirtschaftliche Grundstücke, 
auch Miethäuser und industrielle Betriebsstätten jeder Art 
sind bloss ein dauernder Rentenfonds; desgleichen liefert die 
wirtschaftliche Thätigkeit derjenigen Personen, welche von 
Lohn oder Gehalt oder einem anderen fixen Einkommen leben, 
nur eine jährhche Rente. WiU man nun nicht eine reine 
Klassengesetzgebung zulassen, so muss man auch in diesem 
Falle eine kündbare Kapitalverschuldung untersagen und nur 
eine bloss auf Seiten des Schuldners kündbare Rentenschuld 
gestatten, üeberhaupt würde das Rentenprincip in seiner 
Anwendung auf die übrigen Volksklassen, die für den Staat 
gewiss nicht weniger wichtig sind als die Landbevölkerung, 
konsequent dahin führen, dass jede Schuldforderung als un- 
gültig erklärt werden müsste, wenn sie der Schuldner nach 
seiner wirtschaftlichen Lage voraussichtlich nicht erfüllen kann. 
Dass aber mit diesem Grundsatz ein praktisch anwendbares 
Obligationenrecht nicht zu konstruieren ist, wird jeder Sach- 
kundige zugeben. 

Während die Projekte Rodbertus' und seiner Anhänger 
sich im WesentHchen auf die Form der Verteilung des arbeits- 
losen Einkommens beschränken, soll durch die zweite Gruppe 
von Vorschlägen (S. 132) das arbeitslose Einkommen selbst 
getroffen werden. Der einseitige Standpunkt der Socialschi-ift- 



— 137 — 

steller, welche diese Reforniprojekte vertreten, zeigt sich darin, 
dass nur das arbeitslose Einkommen, welches die Greldkapita- 
listen von der Landbevölkerung beziehen, nicht aber die an- 
deren Arten desselben eine Beeinträchtigung erleiden sollen. 
Im Wesentlichen lassen sich diese Reformvorschläge dahin 
zusammenfassen, dass die gegenwärtig auf dem landwirtschaft- 
lichen Besitz ruhenden Hypothekarforderungen, ähnlich wie 
früher die Feudallasten, unter Mitwirkung des Staates abge- 
löst und in Zukunft neue Belastungen dieser Art gar nicht 
oder doch nur in eingeschränktem Masse zulässig sein sollen. 
Der älteste mir bekannte Vertreter einer solchen neuen 
Grundentlastung ist Franz Vidal, welcher in einer im Jahre 
1848 erschienenen Schrift^'' den Vorschlag macht, das ganze 
Hypothekenwesen unter Vermittlung von Landbanken, die in 
jedem Departement zu begründen wären, ^^ neu zu ordnen. 
Rücksichtlich der Einlösung der Hypothekarforderungen macht 
er drei verschiedene Vorschläge. Ein Vorschlag geht dahin, 
dass die Hypothekargläubiger durch ein Gesetz verpflichtet 
werden sollen, zur Berichtigung ihrer Forderungen Pfand- 
briefe der Landbank zu 3,6570 anzunehmen, wogegen der 
Schuldner an die Bank 4^/0 und eine Amortisationsquote zu 
zahlen hätte. ^^ Nach dem zweiten Vorschlag soll der Staat 
die Hypothekarlasten selbst einlösen, indem er den Gläubigern 
vierprozentige Pfandbriefe bis zum Betrage ihrer Forderungen 
ausfolgt. ^^ Endlich schlägt Vidal noch ein drittes System 
vor, welches im Wesentlichen darin besteht, dass die Land- 



^^ Fran9ois Vidal, Vivre en travaillant , 1848. Die Vorschläge 
sollten in das Expose der Commission de gouvemement pour les tra- 
vailleurs (§. 9, Note 20 fF.), deren Sekretär Vidal war, aufgenommen 
werden, doch unterblieb dies, weil die Kommission früher aufgelöst 
wurde. 

20 Vidal a. a. 0. S. 117. 

" Vidal a. a. 0. S. 147, 148. 

-2 Vidal a. a. 0. S. 148, 149. 



— 138 — 

banken durch den Staat ermächtigt werden sollen, eine Art 
Grundgeld zu emittieren, welches erst nach einer bestimmten 
Zeit einlösbar und zu einem geringen Zinsfuss (l'^o) verzinslich 
wäre, aber bei Zahlungen an den Staat und an die Land- 
banken verwendet werden könnte. Mit diesem Grundgelde 
hätten die Landbanken die sämtlichen Hypothekarforderungen 
— wie es scheint auch gegen den Willen der Gläubiger — 
einzulösen. ^^ 

Eine Kritik dieser Vorschläge, welche die wirtschaftliche 
Leistungsfähigkeit des heutigen Staates offenbar weit über- 
schätzen, ist wohl nicht notwendig. Nur mag bemerkt werden, 
dass eine ungerechte Benachteiligung der städtischen Bevöl- 
kerung zu Gunsten der Landwü-te Vi dal sehr ferne lag, da 
sein Buch in dem iDhilanthropischen Geist jener Zeit auch 
gutgemeinte Beglückungsrezepte für alle übrigen Yolksklassen 
enthält. 

In den letzten Jahren ist der Plan einer Entlastung der 
landwirtschaftlichen Grundstücke, namentlich des bäuerlichen 
Besitzes, von allen Hypotheken in Oesterreich wieder auf- 
getaucht. Unter den Schriftstellern. Avelche für die neue 
Grundentlastung eintreten , ist namentlich" v, Vogelsang^^ 
zu nennen. Nach seinem Vorschlag, der übrigens in die 
Detailfragen wenig eingeht, soll die Grundentlastung auf Kosten 
der Belasteten, aber unter Leitung der obrigkeitlichen Gewalt 
erfolgen und sich namentlich auf den bäuerlichen Besitz er- 
strecken. Die zu bildenden autonomen Genossenschaften hätten 
zunächst eine Revision des Schuldenstandes vorzunehmen und 
überschuldete Grundbesitzer von der Rechtswohlthat der Ent- 
lastung auszuschliessen. Die Genossenschaften hätten die Zinsen 
und Amortisationsraten von den Schuldnern zu erheben und 

" Vidal a. a. 0. S. 149—158. 

^* Baron v. Vogelsang, Die Notwendigkeit einer neuen Grund- 
entlastung, 1880, S. 30ff. Vgl. auch Hitze, Kapital und Arbeit, 1881, 
S. 465 fi. Stoepel, Die freie GeseUschaft, 1881, S. 25—47 u. a. 



— 139 — 

an die Gläubiger abzuführen. Zur Erleichterung der Grund- 
entlastung wäre für die bäuerlichen Besitzer ein gesetzliches 
Moratorium von zehn Jahren und, wenn nötig, auch von einer 
längeren Dauer zu gewähren. Zu gleicher Zeit wären die 
Hypothekenbücher definitiv zu schliessen und die Verpfändung 
der landwirtschaftlichen Grundstücke (ausser für Kulturzwecke) 
für alle Zukunft zu untersagen. ^^ 

Eine Detailkritik dieses Projekts ist, weil es nach der 
Absicht des Verfassers nur die principiellen Fragen berührt, 
wohl nicht möglich. Nur folgendes mag bemerkt werden. Soll 
die Entlastung des bäuerlichen Besitzes wirklich ausschliess- 
lich auf Kosten der Verpflichteten erfolgen, so kann diesen 
dadurch gewiss kein wesentlicher Vorteil verschafft werden, 
weil das Uebel ja eben darin bestehen soll, dass der bäuer- 
liche Besitzer von seinem Einkommen einen zu grossen Teil 
an seine Gläubiger entrichten muss. Sollen dagegen seine 
Verpflichtungen durch die Grundentlastung merklich vermindert 
werden, so kann dieser Erfolg entweder durch direkte Beein- 
trächtigung der Ansprüche der Gläubiger an Kapital und Zinsen 
oder durch Gewährung eines Staatszuschusses erreicht werden, 
der dann hauptsächlich von den dem Bauernstande nicht an- 
gehörigen Staatsbürgern aufzubringen wäre. Entschliesst sich 
die Gesetzgebung einmal zu einer revolutionären Massregel 
von so unermesslicher Tragweite wie die neue Grundentlastung, 
so wird sie zweifellos auch eine beträchtliche Reduktion der 
Verbindlichkeiten des bäuerlichen Besitzes in der einen oder 
der anderen Form gewähren müssen. 

Die Folge einer solchen Massregel wäre nun, dass das 
arbeitslose Einkommen des mittleren und kleineren Grundbesitzes 
durch einenlegislativen Gewaltakt vermehrt, dagegen das arbeits- 
lose Einkommen zahlloser dürftiger Existenzen, die durch Spar- 

'^■' Aehnlich schon AI brecht. Teljeldi (Pseudonym für Bei dt el), 
Die Geldangelegenheiten Oesterreichs, 1847, S. 257 ff. 



- 140 — 

kassebüclier, Pfandbriefe, kleine Hypotheken oder auf andere 
Weise an der Grundrente der bäuerlichen Besitzungen beteiligt 
sind, um den gleichen Betrag vermindert würde. Schon ein blosses 
Moratorium, auch wenn es keine Einbusse an Kapital und Zinsen 
herbeiführte, müsste einen grossen Teil der ärmeren städtischen 
Bevölkerung wirtschaftlich ruinieren. Die landwirtschaftliche 
Arbeiterbevölkerung würde aus solchen Massregelu gar keinen 
Vorteil ziehen, und andrerseits würde das grosse mobile Kapital, 
welches sein Geld auf Bauerngüter selten verleiht, nur in un- 
bedeutendem Masse getroifen werden. Ich vermag deshalb 
in allen diesen Vorschlägen nur Aeusserungen eines krassen 
Egoismus der bäuerlichen Mittelstände, nicht aber Konsequenzen 
einer christlichen Weltanschauung zu erkennen. 

Noch wichtiger als die neue Grundentlastung wäre die 
Aufhebung oder die Beschränkung der Verpfändbarkeit der 
landwirtschaftlichen Grundstücke. Wollte man eine solche 
Massregel einführen, ohne gleichzeitig den freien Verkehr mit 
Bauerngütern und die gleiche Erbteilung zwischen den Kindern 
zu beseitigen , so würde das Verbot hypothekarischer Be- 
lastung nur zur Latifundienbildung fülireu. Denn bei Ver- 
käufen und l)ei Erbteilungen könnten die Grundstücke unter 
dieser Voraussetzung nur an Personen überlassen werden, die 
den ganzen Wert derselben sofort zu bezalilen im stände sind. 
Gerade dies ist aber die richtige Situation für die Bildung 
von Latifundienbesitz, weil dadurch die Kinder des verstorbenen 
Besitzers und minder bemittelte Bauern von der Erwerbung 
landAvirtschaftlicher Grundstücke regelmässig ausgeschlossen 
werden. 

Gewöhnlich wird aber von den konservativen Socialisten 
vorausgesetzt, dass zugleich mit der Schliessung der Hypo- 
thekenbücher auch Beschränkungen des freien Verkehrs mit 
Bauerngütern und die Aufhebung der gleichen Erbteilung ein- 
treten soll. Entschliesst sich die Gesetzgebuno-, das Institut 
der Familienfideikommisse, welches gegenwärtig meist auf den 



— 141 - 

grossen Grundbesitz adliger Familien beschränkt ist, wenigstens 
in seinen wesentlichsten Bestimmungen auf alle Bauerngüter von 
einem bestimmten Umfang auszudehnen, so ist keinem Zweifel 
unterworfen, dass die Aufhebung oder richtiger die Beschrän- 
kung der Verpfändbarkeit (etwa bis zu einem Drittel des 
Wertes) praktisch wirklich durchgeführt werden kann. Durch 
eine solche Massregel wird dann freilich dem Erstgeborenen der 
Besitz eines wenig oder gar nicht belasteten Bauerngutes und 
damit auch ein beträchtliches arbeitsloses Einkommen ge- 
sichert; alle nachgeborenen Kinder werden aber durch eine 
positive Rechtssatzung in die Reihen der besitzlosen Prole- 
tarier gedrängt. Ich verkenne nicht, dass solche geschlossene 
Bauerngüter vom Standpunkt einer rationellen Landwirtschaft 
manche technische Vorteile haben; auch mögen einzelne grosse 
Grundbesitzer sich der Hoifnung hingeben, in den Besitzern der 
Bauernfideikommnisse eine Schutzwehr für ihre eigenen Privi- 
legien, in den enterbten Kindern aber ein billiges und bereit- 
williges Arbeitermaterial zu finden. Aber alle diese Rück- 
sichten werden durch die socialpolitischen Nachteile der 
Massregel weit überwogen. In früheren Zeiten, wo die besitz- 
losen Arbeiter ihr Los stillschweigend trugen, mochte man 
leichten Herzens Einrichtungen schaffen oder erhalten, durch 
welche der weit überwiegende Teil der nachwachsenden Land- 
bevölkerung in eine künstliche Dürftigkeit versetzt wird; heute 
sind solche Vorschläge eine verderbliche Thorheit. Denn man 
vergesse nicht, dass die besitzlosen Klassen der Kulturländer 
immer mehr von einem Gefühl der Zusammengehörigkeit er- 
griffen werden, und dass die Zeit vielleicht nicht ferne ist, 
WQ jeder Proletarier, mag er den Pflug oder den Hammer 
führen, sich in einem bewussten Gegensatz zur geltenden 
Rechtsordnung befinden wird. — 

Das Rentenprincip , die neue Grundentlastung und die 
Aufhebung oder Beschränkung der Verpfändbarkeit der land- 
wirtschaftlichen Güter — dies sind die drei Grundideen, aus 



— 142 — 

welchen sich alle Vorschläge zur Rettung der Landwirtschaft 
zusammensetzen, soweit diese nicht auch in das Erbrecht 
hinübergreifen. Diese überaus zahlreichen Projekte, von wel- 
chen ich jene von Ratzinger,-'' Schaeffle^^ und Preser^^ 
hervorhebe, brauchen deshalb hier nicht besonders dargestellt 
und besprochen zu werden. 

-^ Ratzinger, Die Volkswirtschaft in ihren sittlichen Grundlagen, 
1881, S. 345 flf. 

^' Schaeffle, Die Inkorporation des Hyi^othekarkredits, 1883, 
S. 6-9. 

28 Pres er, Die Erhaltung des Bauernstandes, 1884, S. 324. 



§. 12. Moderne Bestrebungen. 

II. Die Terstaatliclmiig' von Grimd imd Bodeu 
in England. 

In keinem Lande der Welt beherrscht diejenige Wirt- 
schaftsform, welche man seit Louis Blanc den Kapitalismus 
zu nennen pflegt, so unbedingt das ganze ökonomische Leben 
Avie in England. Man könnte deshalb erwarten, dass die so- 
cialistischen Bestrebungen dieses Landes sich vorzüglich gegen 
das sogen, „mobile Kapital" richten werden. Li Wirklichkeit 
bekämpfen die socialistischen Systeme, welche bisher in Eng- 
land grössere Popularität erlangt haben, vorherrschend den 
Grundbesitz und die Grundrente, während der Kapitalbesitz 
und Kapitalgewinn (profit) vorläufig noch wenig angefochten 
werden. Der Grund dieser auffallenden Erscheinung liegt 
Avie in Deutschland in den gesellschaftlichen Machtverhält- 
nissen; die thatsächliche Macht des Grundbesitzes, Avelcher 
sich allmählich in verhältnissmässig wenigen Händen ver- 
einigt hat, ist gering, und auch seine politische Macht hat 
sich durch die wiederholten Parlamentsreformen namhaft ver- 
mindert. In den letzten Jahren, seit dem ersten Erscheinen 
dieser Schrift, hat allerdings dieser Zustand erhebliche Modi- 
fikationen erfahren. 

Der älteste Vertreter der Bodenverstaatlichung oder rich- 
tiger der Vergemeindlichung von Grund und Boden, der sich 
auch nach Art des heutigen Socialisraus mit seinen Plänen schon 



— 144 — 

unmittelbar an die grossen Massen wandte, ist Thomas 
Sp enc e. ^ Er wurde um das Jahr 1750 in Newcastle-upon-Tyne 
in dürftigen Verhältnissen geboren und nahm daselbst in seiner 
Jugend die Stellung eines Schulmeisters ein. Am 8. November 
1775 hielt er in der philosophischen Gesellschaft von Newcastle 
einen Vortrag, der schon alle wesentlichen Grundsätze seines 
Systems enthielt und über den er auch später, während einer 
fast vierzigjährigen Agitation, nicht hinausgegangen ist.^ In- 
folge dieses Vortrages musste er nach London übersiedeln, 
wo er sich der Verbreitung seiner Ideen widmete, aber da- 
durch zu wiederholtenmalen , namentlich während der Revo- 
lutionskriege, die Verfolgung der Regierung auf sich zog. 
Er starb im September des Jahres 1814, doch hinterliess er 
eine beträchtliche Anzahl von Anhängern, welche, wenn man 
den amtlichen Parlamentspapieren Glauben schenken kann, im 
Jahre 1817 in London einen Aufstand zur Durchführung der 
Absichten ihres Meisters versuchen wollten.-'' Doch wurden 
diese Pläne von der Regierung vereitelt und die Vereine der 
Anhänger von Thomas Spence aufgelöst. Da Robert 
Owen um diese Zeit seine erfolgreiche und mit grossen 
äusseren Mitteln unterstützte Agitation begann, so trat das 
sociale System von Thomas Spence sehr bald in den Hinter- 
grund der öffentlichen Aufmerksamkeit. 

Die Grundgedanken dieses Systems sind die folgenden. 
Spence nimmt an, dass die in einem Lande Lebenden kraft 

'■ Ueber das Leben und die Lehre von Thomas Spence vgl. Allen 
Davenport, The life, writings, and principles of the Spencean system 
er agrarian equality, London, 1836. 

^ Ich benütze die Ausgabe des Vortrags, welche von Thomas Spence 
selbst unter dem etwas schwülstigen Titel: The meridian sun of liberty; 
or the whole rights of man displayed and most accurately defined, 
London, 1796 besorgt worden ist. Ein Abdruck dieser wichtigen Schrift 
wurde von Hyndmann (London, 1882) veröffentlicht. 

^ Vgl. Report from the Committee of Secrecy vom 19. Februar 
1817; Second Report from the Committee of Secrecy vom 20. Juni 1817. 



- 145 - 

ihres Rechts auf Existenz ein gleiches Recht auf den Grund 
und Boden samt allem Zubehör besitzen.* Die rechtswidrige 
Aneignung des Bodens durch die Grundbesitzer sei die Quelle 
alles Unglücks der arbeitenden Klassen, indem diese dadurch 
gezwungen werden, für die müssigen Grundeigentümer zu ar- 
beiten und andere Opfer zu bringen. Deshalb soll das Grund- 
eigentum auf die Gemeinde oder das Kirchspiel (parish) in der 
Weise übertragen werden, dass alle Bewohner daran ein 
gleiches Recht besitzen und dass die Gemeinde ihren Grund- 
besitz niemals veräussern darf. Doch braucht sie ihre Län- 
dereien nicht selbst zu bewirtschaften, vielmehr wird voraus- 
gesetzt, dass sie dieselben den Meistbietenden gegen Zahlung 
eines Pachtzinses auf siebenjährige Pachtjjerioden überlassen 
würde. Von den eingehenden Pachtgeldern sind zunächst die 
Steuern und andere gemeinnützige Auslagen zu bestreiten, der 
Rest aber unter die Bewohner in gleichen Beträgen zu ver- 
teilen. Auf die bewegliche Habe soll sich dieser zwischen 
Privat- und Gemeinwirtschaft sch^vankende agrarische Socialis- 
mus nicht beziehen.^ 

Diese Gedanken, welche durch die Unterdrückungsmass- 
regeln der englischen Regierung und durch die Agitation 
Robert Owen's für längere Zeit in den Hintergrund gedrängt 
worden waren, sehen wir bald nach der Julirevolution wieder 

•* Thomas Spence, Meridian Sun S. 6: Hence it is piain, that 
the land or the earth, in any country or neiglibourhood , with every 
thing in or on the same, or pertaining thereto, belongs at all times 
to the living inhabitants of the said countiy or neighbourhood in equal 
manner. For, as I said before, there is no living but on land and its 
productions, consequently, what we cannot live without, we have the 
same property in, as in our lives. 

^ Thomas Spence, Meridian Sun S. 8—11; Thomas Evans, 
Librarian to the Society of Spencean Philanthropists : Christian Policy, 
The Salvation of the Empire, 2. Aufl., 1816, S. 25 ff.; Davenport, 
Life of Thomas Spence S.U. Ueber Charles Hall, dessen Vorschläge 
vielfach mit Thomas Spence übereinstimmen, vgl. oben S. 49. 
Menger, Arbeitsertrag:. 2. Aufl. 10 



U6 - 

aufleben. Die Bodenver.stacitlicliung wurde ein beliebtes 
Schlagwort der radikalen Reformpolitiker, welche, ohne sich 
gerade dem Kommunismus Robert Owen's zu verschreiben, 
doch die Ansicht vertraten, dass die Katholikenemancii^ation, 
die Parlamentsreform und ähnliche politische Massregeln zur 
Heilung der furchtbaren Gebrechen unserer socialen Zustände 
entfernt nicht genügen. Ich nenne unter diesen radikalen De- 
mokraten namentlich William Carpenter" und James 
Bronterre O'Brien.^ Auch William Cobbett führte in 
einer vielgelesenen Schrift, welche kurz vor seinem Tod (1835) 
erschien , eine heftige Polemik gegen das englische Grund- 
besitzertum (landlordism), doch fordert er nicht etwa die Ab- 
schaffung des Privateigentums an Grund und Boden, sondern 
er gelangt nur zu dem bescheidenen Resultat, dass die Grund- 
besitzer die Landbevölkerung von ihren Ländereien nicht will- 
kürlich vertreiben dürfen (clearing of estates), ferner dass den 
Armen im Notfalle eine genügende Unterstützung, und zwar 
als ein Recht, nicht als eine milde Gabe gewährt werden 
muss.^ 

Während die bisher angeführten Schriftsteller in unserer 
Zeit fast vollständig verschollen sind,, sehen wu' die Idee der 
Bodenverstaatlichuug bei einer Reihe von Theoretikern fort- 
leben, von Avelchen das Gedankenleben der Gegenwart un- 
mittelbar beeinfiusst wird. Der hervorragendste englische 
Schriftsteller, welcher das Grundeigentum vom ökonomischen 
und rechtsj)hilosophischen Standpunkt als weniger berechtigt 
ansieht als das Kapitaleigentum, ist John Stuart Mill. In 

« William Carpenter, Montlily Political Magazine, Bd. 1, 1831, 
S. 23, 24. 

' Vgl. die erst nach dem Tode Bronterre's vollständig gedruckte 
Schrift: The Eise, Progress and Phases of Human Slavery, 1885, S. 126. 

^ William Cobbett, Legaey to Labourers or what is the right 
which the lords , baronets and squires have to the lands of England, 
1835. S. 99 ff. 



- 147 - 

seinen Grundsätzen der politischen Oekonomie gründet er das 
Privateigentum — seltsam genug — auf das Recht auf den 
vollen Arbeitsertrag. „Das Eigentum, auf seine wesentlichen 
Bestandteile zurückgeführt, besteht in der Anerkennung des 
Rechts jeder Person, über alle Sachen frei zu verfügen, welche 
sie durch eigene Arbeit hervorgebracht, oder durch Erl)schaft 
oder Vertrag von dem Produzenten empfangen hat. " ^ Da nun 
der Grund und Boden, wenn man von den Verbesserungen ab- 
sieht, kein Produkt menschlicher Arbeit ist, so kann auch jenes 
Princip des Eigentums auf den Grundbesitz nicht angewendet 
werden; ^^ zwischen diesem und dem Eigentum an den eigent- 
lichen Arbeitsprodukten besteht ein tiefgreifender Gegensatz. 
Deshalb kann auch der Staat mit dem Grundbesitz frei schalten 
und denselben sogar vollständig enteignen, vorausgesetzt nur, 
dass die Grundeigentümer den vollen Geldwert des Bodens in 
Kapital oder Rente ersetzt erhalten. Dagegen ist Mill der 
Ansicht, dass das Eigentum an den Produkten menschlicher 
Arbeit ein unbedingtes sein kann und sein soll. ^^ 

Diese Ansichten, welche augenscheinlich schon dem Grenz- 
gebiet zwischen Nationalökonomie und Socialismus angehören, 
haben auf die späteren englischen Socialisten stark eingewirkt. 
Ich nenne von diesen nur Herbert Spencer, ^^ Alfred 
Rüssel Wallace und Henry George, welche in England 
die Bewegung für die Verstaatlichung des Grundes und Bodens 
(nationalisation of land) veranlasst haben. Der Kürze wegen, 

® Mill, Princi]5les of political economy, book II, eh. 2, §. 1. 

^^ Mill a. a. 0. eh. 2, §. 5. Aehnliehe Ansichten über die ver- 
sehiedene rechtliehe Stellung des Bodens und der durch Arbeit hervor- 
gebrachten Bodenverbesserungen vertritt schon Thomas Paine in 
einer 1795/96 verfassten Schrift: Agrarian Justice opposed to agrarian 
Law, Paris und London, 1797, S. 6, 7; 2. Aufl., 1842, S. 5—7. 

^1 Mill a. a. 0. eh. 2, §. 6. 

'^ Herbert Spencer, Social Statics; or, the conditions essential 
to human happiness specified, and the first of them developed. Stereot. 
ed., 1868, S. 131-144. 



— 148 — 

will ich vorzüglich die Doktrinen Henry George's^^ dar- 
stellen, welcher unter allen Vertretern der Bodenverstaatlichung 
wohl den meisten Einfluss erlangt hat. 

Henry George erkennt jedem Menschen ein angeborenes 
Recht auf die Mitbenützung der Natur zu, aber er beschränkt 
dieses Recht auf den Gl'und und Boden, während die Pro- 
dukte menschlicher Arbeit nach seiner Ansicht allerdings ohne 
Ungerechtigkeit von den Produzenten angeeignet werden 
können. „Das gleiche Recht aller Menschen auf den Ge- 
brauch von Grund und Boden ist so klar wie ihr Recht, Luft 
zu atmen : es ist ein Recht , das durch die Thatsache ihres 
Daseins verbürgt wird. Denn wir können nicht annehmen, 
dass einige Menschen ein Recht haben, auf der Welt zu sein, 
und andere nicht." ^* Aus diesem Mitbenützungsrecht folgert 
aber George nicht, wie Consideraut (§. 1), das Recht auf 
Arbeit, sondern er spricht dem Staate die Befugnis zu, sich die 
Grundrente zu appropriieren. Dagegen erkennt er, in völliger 
Uebereinstimmung mit John Stuart Mill, die absolute Be- 
rechtigung des Produzenten an den von ihm verfertigten Ar- 
beitsprodukten an. ^° 

Selbstverständlich muss George von diesem Standpunkt 
aus auch das auf dem Grundeigentum beruhende arbeitslose 
Einkommen oder die Grundrente als ein Unrecht ansehen. 

^* Henry George, Progress and Poverty, an inquiry into the 
cause of industrial depressions and of increase of want with increase 
of wealth, 1879. Derselbe, Social Problems, 1884. Derselbe, The 
Land question. ^Tiat it is and liow only it can be settled. Unter den 
deutschen Socialschriftstellem haben sich für die Bodenverstaatlichung 
ausgesprochen: Stamm, Die Erlösung der darbenden Menschheit, 
3. Aufl., 1884, S. 142 ff. Samter, Das Eigentum in seiner socialen 
Bedeutung, 1879, S. 462. Flürscheim, Auf friedlichem Wege, 1884, 
S. 179 ff. Hertzka, Die Gesetze der socialen Entwicklung, 1886, 
S. 156 fi\ u. a. m. 

^* Henry George, Progress, book YII, eh. 1. 

^^ Henry George a. a. 0. VII, I. 



— 140 — 

So wie die konservativen deutschen Socialisten in dem mobilen 
Kapital mid im Kapitalzins die Wurzel alles wirtschaftlichen 
Unheils erblicken, so ist nach Henry George umgekehi-t das 
Grundeigentum und die Grundrente die Ursache des Paupe- 
rismus/*' der Krisen,^'' des ehernen Lohngesetzes. ^^ Der 
Staat hat das Recht, sich die Grundrente ohne Entschädigung 
der Grundeigentümer anzueignen, was am besten durch eine 
die Grundrente möglichst erschöpfende Besteuerung geschehen 
kann, welche dann die Aufhebung aller übrigen Steuern er- 
möglichen würde. ^^ 

Da George das Kapitaleigentum für berechtigt hält, so 
muss er auch das arbeitslose Einkommen aus diesem: den 
Kapitalzins (interest),^" für eine gerechte Einrichtung erkennen. 
Im Gegensatze zu Bastiat erklärt George den Kapitalzins 
nicht daraus, dass durch Werkzeuge und andere Kapitalauf- 
wendungen die menschliche Arbeit produktiver wird, sondern 
aus dem Umstände, dass viele Kapitalgegenstände, z, B. Wein, 
Herden u. s. f., durch den Ablauf einer bestimmten Zeit, ver- 
möge des Waltens der Naturkraft, eine Verbesserung oder 
Vermehrung erfahren. ^ ^ Dieser Umstand wirkt dann auch 
auf die übrigen Kapitalgegenstände zurück, welche, wie Werk- 
zeuge, keiner inneren Vermehrung oder Verbesserung fähig 
sind, weil diese, wenn nicht auch sie Kapitalzins abwerfen 
würden, überhaupt nicht zum Zwecke des Austausches ver- 
fertigt werden würden. „So entspringt der Kapitalzins aus 
der Vermehrungsfähigkeit, welche einzelnen Kapitalgegen- 

^^ George, Progress V, 2. 

" George, Progress V, 1; Social Problems, ed. 1884, S. 168-169. 

^« George, Progress III, 6; Social Problems S. 191-194. 

>9 George, Progress VIII, 2; Social Problems S. 274—276; The 
Land question, 3. Auf! , S. 32. 

^^ Ueber den Unterschied von profit und interest vgl. George, 
Progress III, 1 und 3. 

-' George, Progress IIT, 3. 



- 150 - 

ständen infolge der reproduktiven Naturkräfte innewohnt, 
ferner aus der Fähigkeit der übrigen Kapitalgegenstände, 
gegen jene ausgetauscht zu werden. Er ist nicht eine will- 
kürliche, sondern eine natürliche Einrichtung; er ist nicht das 
Ergebnis einer bestimmten socialen Organisation, sondern der 
allgemeinen Gesetze, welche die menschliche Gesellschaft be- 
herrschen. Der Kapitalzins ist folglich gerecht." -^ Natürlich 
hat infolgedessen der Staat, welcher sich die Grundrente ohne 
Bedenken aneignen kann, nicht das Recht, das Kapitaleigen- 
tum und den Kapitalzins irgendwie anzutasten. 

Auf demselben einseitigen Standpunkt wie George steht 
Alfred Rüssel Wallace in seiner Schrift über die Boden- 
verstaatlichung; ^^ auch er sieht in der Grundrente die Wurzel 
alles wirtschaftlichen Unheils. ^^ Aber die Vorschläge, zu 
welchen er von diesem Standpunkt aus gelangt, weichen von 
jenen Henry George's Avesentlich ab. Wallace schlägt eine 
allgemeine Einlösung des Bodens durch den Staat vor, doch soll 
sich diese auf die eigentlichen Kapitalverwendungen (Gebäude, 
Hecken, Drainageeinrichtungen, Thüren, Privatwege, Anpflan- 
zungen u. s. f.) nicht erstrecken. In Beziehung auf den Boden 
selbst soll der Staat an die Stelle der dermaligen Eigentümer 
treten, indem er sie für den abgetretenen Boden durch eine 
Geldsumme oder noch besser durch eine Rente entschädigt. 
Die Kapitalverwendungen würden dagegen im Eigentum der 
bisherigen Grundbesitzer verbleiben, und sie können diesell^en 
nach Belieben verkaufen, nicht aber verpachten. Ich kann 
auf das Detail dieser Vorschläge, welche sich an die agra- 
rischen Verhältnisse Englands eng anschliessen, hier nicht ein- 
gehen. Nur das mag bemerkt werden, dass Wallace als 

2^ George, Progress III, 3; etwas abweicliencl The Land question 
S. 29—30. 

2^ Alfred Rüssel Wallace, Land Nationalisation, its Necessity 
and its Aims, 1882. 

2^ AVallace a. a. 0. cli. 7. 



— 151 — 

Ideal ein Zustand vorschwebt, in welchem der Staat der all- 
gemeine Grundherr (Landlord) ist, während die Landwirtschaft 
unter seiner Aufsicht von selbstwirtschaftenden Pächtern für 
eigene Rechnung betrieben wird. ^^ 

Fragen wir nun noch nach der inneren Berechtigung 
dieser Ansichten, so werden wir dieselben als ebenso einseitig 
und parteiisch bezeichnen müssen, als jene der konservativen 
Socialisten in Deutschland, da die ersteren ihre Angriffe ledig- 
lich gegen das arbeitslose Einkommen aus dem Grundeigentum, 
die letzteren gegen das arbeitslose Einkommen aus dem Kapital- 
eigentum, namentlich gegen den Zins aus Darlehen und an- 
deren Kreditverträgen, richten. Ein hinreichender Grund, um 
den Boden und das Kapital gänzlich verschiedenen Rechts - 
Systemen zu unterwerfen — dort nur das Staatseigentum, hier 
auch das Privateigentum zuzulassen — ein solcher Grund ist 
gewiss nicht vorhanden. Die Voraussetzung, auf welche die 
englischen Socialisten jenen Dualismus begründen, dass Grund 
und Boden eine freie Gabe der Natur, das Kapital dagegen 
ein Produkt menschlicher Arbeit ist, vermag ich nicht als 
richtig anzuerkennen. Denn auch die Kapitalgegenstände 
(Maschinen, Werkzeuge, Vorräte u. s. f.) bestehen, ähnlich 
wie der Boden, aiis einem von der Natur gebotenen Stoff, der 
durch die Arbeit nur geformt und den menschlichen Bedürf- 
nissen angepasst wird. Auch der Umstand, dass der Boden 
nur in beschränktem Masse zur Verfügung steht, ist nicht 
entscheidend, Aveil es zahlreiche Kapitalgegenstände giebt. die 
gleichfalls nicht beliebig vermehrt werden können. Li keinem 
Falle sind jene Gegensätze bedeutend genug, um für den Boden 
und das Kapital gänzlich verschiedene Rechtsordnungen aus- 
zubilden. 

Es ist vollständig begreiflich, dass die enghschen Socia- 
listen, welche den Traditionen des deutschen Sociahsmus folgen, 

2'' Wallace a a. 0. eh. 8. 



- 152 — 

die einseitige Richtung von Mill, Spencer, George und 
Wallace abgelehnt haben. Man kann das Eindringen des 
deutschen Socialismus in England oder richtiger die Wieder- 
belebung der ursprünglich von englischen Theoretikern auf- 
gefundenen socialistischen Ideen von dem Auftreten H. M. Hynd- 
man's rechnen, dessen erste Hauptschrift ^ *^ im Jahre 1881 
erschien. In dieser Schrift bemerkt Hyndman zwar schon, 
dass die Bodenverstaatlichung das Endziel aller gründlichen 
Reformen sein müsse, dass aber diese ohne gleichzeitige Ver- 
staatlichung der Eisenbahnen und des Kapitals der Masse der 
Arbeiter keinen wesentlichen Nutzen bringen könne. Vor- 
läufig aber beschränkt er sich noch darauf, einige Vorschläge 
zu machen, die mehr dem radikalen als dem socialistischen 
Programm angehören, z. B. die Abschaffung der Primogenitur- 
gesetze , die Erleichterung des Verkehrs mit Liegenschaften 
durch Einführung des Grundbuchsystems u. s. f.^' Schon das 
Manifest der von Hyndman geleiteten socialdemokratischen 
Föderation (Juni 1883) enthält indessen als wichtigsten Pro- 
grammpunkt die Verstaatlichung von Grund und Boden, ^* 
nachdem sich inzwischen auch der Kongress der englischen 
Gewerkvereine vom Jahre 1882 für dieselbe Massregel aus- 
gesprochen hatte. ^^ Die neuesten Manifestationen der social- 
demokratischen Partei in England stellen sich durchgreifend 
auf den Standpunkt, dass das Grund- und Kapitaleigentum 
gleich zu behandeln und dass deshalb sowohl der Boden als 
auch das Kapital zu verstaatlichen seien. ^" Die (von George 



"^^ H. M. Hyndman, The text-book of democracy. England for 
all. London, 1881. 

" Hyndman a. a. 0. S. 26 fF. 

^® Socialism made piain. Being the social and political manifest» 
of the social-democratic federation S. 6. 

2' Hyndman, The historical basis of socialism in England, 1883> 
S. 449. 

^" Hyndman, The historical basis S. 449; Derselbe in To-Day 



— 153 — 

und Wallace geforderte) Verstaatlichung von Grund und 
Boden in Verbindung mit der gleichzeitigen oder 
früheren Verstaatlichung des Kapitals, der Maschinen 
und Kommunikationsmittel, sagt Hyndman in dem Pro- 
grammartikel der socialdemokratischen Monatsschrift „To-Day" 
vom Januar 1884 (Note 30), ist in der That das einzige Mittel, 
um in England unsere künftigen Bedürfnisse besser zu be- 
friedigen und schweren Gefahren rechtzeitig vorzubeugen. 
Man kann deshalb sagen, dass die englische Socialdemokratie, 
ungeachtet der Agitationen George's, in Beziehung auf die 
wichtigste Frage auf demselben Standpunkt wie die deutschen 
und französischen Socialisten steht. 

In derselben Richtung hat die socialistische Agitation in 
England auch während der letzten Jahre fortgedauert, ohne 
jedoch im Entferntesten so grosse politische Erfolge wie die 
deutsche socialdemokratische Partei zu erzielen. Der Grund 
dieser Erscheinung liegt ohne Zweifel in dem Umstand, dass 
die politischen Parteien Englands sich gegen den volkstüm- 
lichen Socialismus nicht so ängstlich abschliessen wie in 
Deutschland und dass insbesondere die radikale Partei immer 
mehr entschieden socialistische Elemente in ihre Programme 
aufnimmt. Wahrscheinlich werden deshalb die englischen 
Socialisten auch in Zukunft nur eine verhältnismässig enge 
Gruppe bilden, mit der geschichtlichen Aufgabe, den be- 
stehenden politischen Parteien zur fortschreitenden Umbildung 
der Rechtsordnung die Ideen und die Vorschläge zu liefern, 
welche die übrigen Volksklassen nach dem gewöhnlichen Kreis- 
lauf menschlicher Dinge zuerst als revolutionär und undurch- 
führbar verabscheuen, dann aber allmählich als berechtigt 
anerkennen und in dem praktischen Leben durchführen, bis 



Nr. 1 (Januar 1884), S. 14; The meaning of socialism (Neues Manifest 
der socialdemokratischen Föderation) in To-Day Nr. 13 vom Januar 

1885, S. 7. 



— 154 - 

schliesslich der einst verbrecherische Wahn zu den geheiligten 
Grundlagen der menschlichen Gesellschaft gerechnet wird.^^ 

Fragen wir nun schliesslich noch, welchen Wert die in diesem 
und dem vorhergehenden Abschnitt (§. 11, 12) dargestellten 
Meinungen besitzen, so werden wir deren praktische Bedeutung 
kaum überschätzen können. Gerade deshalb, weil sich die 
Angriffe der konservativen deutschen und mancher englischen 
Socialisten nur gegen einzelne Formen des arbeitslosen Ein- 
kommens richten;, eignen sie sich in hohem Masse als Gegen- 
stand pohtischer Agitation, für welche nur solche Ziele ni 
Betracht kommen, die wenigstens relativ leicht erreichbar sind. 
Dennoch entbehren jene Bestrebungen der inneren Berechtigung. 
Sowohl unser heutiges System des Privateigentums und der 
Vertragsfreiheit, welches das arbeitslose Einkommen unbedingt 
zulässt, wie auch der Socialismus, welcher dasselbe ebenso 
entschieden verwirft, beruhen auf einer konsec^uenten Welt- 
anschauung; dagegen streiten die socialpolitischen Systeme, 
welche unseren heutigen Gesellschaftszustand aufrecht erhalten 
und nur das arbeitslose Einkommen einzelner Bevölkerungs- 
klassen zu Gunsten anderer Gesellschaftskreise vermindern oder 
beeinträchtigen wollen, wider alle Billigkeit und Gerechtigkeit. 
Man kann deshalb auch sicher sein, dass eine solche Gesell- 
schaftsordnung sich dauernd nicht behaupten könnte, sondern 
zum Untergang des Privateigentums und der übrigen Rechts- 
institute führen würde, durch welche den besitzenden Klassen 
das arbeitslose Einkommen vermittelt wird. 



31 Vgl. Sydney Webb. Socialism in England, 1890, 



S. 19 ff. 



§. 13. Das Recht auf den vollen Arbeitsertrag und 
die Eigentumsformen. 

In der bisherigen Darstellung (§. 3 bis 12) habe ich zu 
zeigen versucht, wie sich innerhalb der socialistischen Parteien 
allmählich ein neuer Rechtsbegriif : das Recht auf den vollen 
Arbeitsertrag entwickelt hat, ferner welche praktische Vor- 
schläge seit einem Jahrhundert zur Verwirklichung dieses Rechts 
gemacht worden sind. Meine Darstellung würde aber unvoll- 
ständig bleiben, wenn ich jetzt, nachdem durch die historische 
Darstellung eine sichere Grundlage gewonnen ist, das Recht 
auf den vollen Arbeitsertrag nicht auch dogmatisch näher 
beleuchten würde. 

Das Recht auf den vollen Arbeitsertrag hat im Sinne der 
socialistischen Theorien eine negative und eine positive Funk- 
tion. Die erstere besteht darin, dass jedes arbeitslose Ein- 
kommen, mag es in der Form von Grundrente oder Kapital- 
gewinn bezogen werden, als eine zu beseitigende Ungerechtig- 
keit erscheint. Die positive Funktion geht aber dahin, dass 
jeder Arbeiter aus der gesamten Güterproduktion so viel an 
Wert erhält, als er selbst durch seine Arbeit geschaffen hat. 

In jener negativen Funktion ist nun das Recht auf den 
vollen Arbeitsertrag — bewusst oder unbewusst — von allen 
Socialisten anerkannt, ja diese Anerkennung kann man als das 
Erkennungszeichen betrachten, durch welches sich die eigent- 
lich socialistischen Parteien von den blossen Reformparteien 



— 156 — 

unterscheiden, welche die heutige sociale Ordnung unter Fest- 
haltung ihrer wesentlichen Grundgedanken verbessern wollen. 
Diese Verwerfung des arbeitslosen Einkommens ist die revo- 
lutionäre Grundidee unserer Epoche, gerade so wie die Idee 
der politischen Gleichheit die französische Revolution und ihre 
Ausläufer beherrscht hat. Beide Gedanken sind rein negativer 
Natur, sie enthalten kein positives Princip für eine neue Kon- 
stituierung der socialen Ordnung, wohl aber muss denselben, 
weil die Massen sich am leichtesten in Negationen vereinigen 
lassen, eine gewaltige revolutionäre Kraft zugeschrieben werden. 

Ganz anders verhält es sich mit dem Recht auf den vollen 
Arbeitsertrag in seiner positiven Funktion. Der Gedanke, dass 
jeder Arbeiter den von ihm erzeugten Wert in seinem vollen 
Betrag zu empfangen hat, ohne dass ein Abzug zu Gunsten 
des Grund- und Kapitaleigentums stattfindet ^ — dieser Ge- 
danke ist allerdings ein neues Princip der verteilenden Ge- 
rechtigkeit , eines der beiden positiven Programme (§. 1), 
welche uns der Socialismus als Grundlage für eine neue Ord- 
nung des menschlichen Lebens zur Verfügung stellt. Die Ein- 
wirkung dieses Grundsatzes müsste sich naturgemäss auf alle 
Rechtsinstitute, vor allem aber auf die geltenden Formen des 
Eigentums erstrecken. 

Man kann drei voneinander principiell abweichende Ge- 
staltungen des Eigentums unterscheiden, von welchen jede zu 
dem Recht auf den vollen Arbeitsertrag in einem wesentlich 
verschiedenen Verhältnis steht. Diese Hauptformen des Eigen- 
tums sind: 

1) Das Privateigentum, welches immer mit der Sonder- 
nutzung der Eigentumsobjekte verbunden ist; 

2) Das Gemeineigentum mit Sondernutzung; endlich 

3) Das Gemeineigentum mit gemeinsamer Nutzung. 

' Dass von diesem Wert die Auslagen für den Staat abzuziehen 
sind, ist selbstverständlich, da der Staat eben die notwendige Voraus- 
setzung für die Produktion bildet. 



- 157 — 

Unter der Herrschaft des Privateigentums mit 
Sondernutzung (Nr. 1), also in einem Zustand, wie er 
gegenwärtig in fast ganz Europa herrscht, kann das Recht auf 
den vollen Arbeitsertrag niemals verwirklicht werden. Denn 
da in einem solchen Zustand die Produktionsmittel und die 
benutzbaren Sachen durch die Rechtsordnung einzelnen In- 
dividuen zugewiesen sind, so werden die Eigentümer in die 
Lage versetzt, kraft ihrer gesetzlichen Machtstellung ein ar- 
beitsloses Einkommen in der Form von Miete, Pacht, Dar- 
lehenszins oder in anderer Weise zu erheben. Alle Vorschläge, 
das Sondereigentum und die Individualwirtschaft mit dem 
Recht auf den vollen Arbeitsertrag zu vereinigen, müssen an 
dieser gesetzlichen Machtstellung der Grund- und Kapital- 
eigentümer notwendig zerschellen, gleichviel ob man die Auf- 
gabe durch eine Neuordnung des Kredits (Proudhon) oder 
des Kauf-, Tausch- und Lohnvertrags (Rodbertus) zu lösen 
versucht. 

Das Rechtssystem, durch Avelches das Recht auf den 
vollen Arbeitsertrag wenigstens annähernd verwirklicht werden 
kann, ist die zweite der oben erwähnten Gestaltungen des 
Eigentums, nämlich das Gemeineigentum mit Sonder- 
nutzung. Ein Beispiel dieser Eigentumsform in der An- 
wendung auf die Landwirtschaft ist die russische Dorf- 
gemeinde (der Mir). In Russland ist die Feldmark des Dorfes 
ein Gesamteigentum der Dorfgemeinde, aber die Aecker und 
Wiesen werden den Einzelnen von der Gemeinde zur Sonder- 
nutzung zugewiesen. „Es geschieht nämlich eine Verteilung 
des Acker- und Wiesenbodens unter die vorhandenen Familien 
der Gemeinde, jedoch stets nur zeitweise und zur Nutz- 
niessung, nicht zum Eigentum. Ursprünglich vielleicht alle 
Jahre: jetzt wird, wohl um die Kosten und grossen Unbe- 
quemlichkeiten zu vermeiden, stets nach einer Reihe von 
Jahren der Grund und Boden mit genauer Ausgleichung der 
Qualität unter sämtliche Ehepaare der Gemeinde gleichmässig 



— 158 — 

verteilt."^ Doch bezieht sich diese periodische Verteilung nur 
auf das Acker- und Wiesenland, Wald und Weide bleiben 
in gemeinsamer Nutzung. — Aehnliche Vorschläge hat, wie 
schon oben (§. 4) bemerkt Avurde, der englische Socialist 
Hall gemacht. 

Diese Eechtsformen sind, wie leicht ersichtlich ist, un- 
mittelbar nur auf die Landwirtschaft anwendbar, weil sich 
eben Grund und Boden beliebig teilen lässt. Fabriken und 
andere industrielle Betriebsstätten können dagegen in ihren 
Bestandteilen nicht einzelnen Personen zur Sondernutzung zu- 
gewiesen werden, weil deren einzelne Teile (Grebäude, Ma- 
schinen, Rohstoffe) nur in ihrer Verbindung zur Produktion 
brauchbar sind. Doch kann ein ähnlicher Erfolg auch auf 
dem Gebiete der Industrie wenigstens annäherungsweise da- 
durch erzielt werden, dass die Gesamtheit (Staat, Gemeinde) 
die industriellen Betriebsstätten an Arbeiterassociationen über- 
lässt, welche dieselben sodann für eigene Rechnung ausbeuten. 
Es ist gleichgültig, ob der Staat die industriellen Betriebsstätten 
den Arbeitergruppen direkt übergiebt oder ob er ihnen, wie 
Louis Blanc und Lassalle vorschlagen, durch Gewährung 
von Staatskredit deren Anschaffung ermöglicht. 

Unter der Herrschaft eines Rechtssystems, wie es soeben 
in seinen äussersten Grundzügen dargestellt worden ist, würde 
Jedermann mit den erforderlichen Produktionsmitteln versehen 
werden und es würde daher innerhalb der Gemeinschaft (Ge- 
meinde, Arbeiterassociation) das arbeitslose Einkommen ver- 
schwinden. Aber die Socialisierung der Gesellschaft, wenn 
mir dieser Ausdruck erlaubt ist, würde sich eben bloss auf die 
Güterproduktion innerhalb der Gemeinde und der Arbeiter- 
association beschränken. Dagegen würden die Individual- 

- Haxthausen, Studien über Russland, Bd. 3, 1852, S. 125. 
Vgl. auch Keussler, Geschichte und Kritik des bäuerlichen Gemeinde- 
besitzes in Russland, Bd. 1, 1876, S. 4—5. 



— 159 — 

wirtschaften der einzelnen Mitglieder fortbestehen und der 
Austausch zwischen diesen würde in den Formen des heutigen 
Privatrechts erfolgen. Der wirtschaftliche Erfolg jedes Ein- 
zelnen oder jeder Arbeiterassociation würde folglich lediglich 
von dem Masse der aufgewendeten Arbeit abhängig sein, es 
müssten aber die Produkte dieser Arbeit, geradeso wie in dem 
gegenwärtigen Zustande, auf dem offenen Markte durch Austausch 
verwertet werden. Der russische Bauer, welcher von dem Mir 
ein ebenso gutes Stück Ackers zugewiesen erhält als die 
übrigen Gemeindegenossen, kann im Verhältnis zu diesen 
niemals arbeitsloses Einkommen beziehen; aber er muss die 
Produkte dieses Ackers, soweit er sie nicht selbst verbraucht, 
in den Formen des Privatrechts, also auf Grund der Vertrags- 
freiheit und der freien Konkurrenz weiter veräussern. 

Annäherungsweise wird also das Recht auf den vollen 
Arbeitsertrag durch das Gemeineigentum mit Sondernutzung 
in der That verwirklicht. Dass aber das arbeitslose Einkoramen 
nur für die inneren Verhältnisse der Arbeiterassociationen und 
Gemeinden, nicht aber zwischen diesen Gesamtheiten selbst 
verschwinden würde, ja dass in einem solchen Gesellschafts- 
zustand mächtige Associationen oder Gemeinden vielleicht ein 
ebenso hohes arbeitsloses Einkommen erzwingen würden wie 
gegenwärtig das Grund- und Kapitaleigentum, ist oben bei 
der Kritik der Vorschläge von Louis Blanc und Lassalle 
(§. 10) auseinandergesetzt worden. 

Die dritte mögliche Eigentumsform ist das gemeinsame 
Eigentum verbunden mit gemeinsamer Nutzung. Diese 
Gestaltung des Eigentums ist namentlich in den kommunisti- 
schen Gemeinden vertreten, welche in Nordamerika seit ge- 
raumer Zeit in beträchtlicher Zahl existieren. In diesen Ge- 
meinden ist die Produktion ganz kommunistisch eingerichtet; 
dagegen vollzieht sich die Konsumtion in einzelnen Gemeinden 
im Wesentlichen gemeinsam (gemeinschaftliche Wohnhäuser 
und Mahlzeiten!), während dieselbe in der Mehrzahl dieser 



— 160 — 

Kommunitäten familienweise in gesonderten Haushaltungen 
erfolgt.^ Es lässt sich auch nicht verkennen, dass die Güter- 
produktion in unserer Zeit des Grossbetriebes entschieden zur 
Vereinigung der Arbeiter drängt, während die Konsumtion 
auch in einer socialistischen Gesellschaftsordnung, dafern diese 
nur die Familie aufrecht erhält, immer eine gewisse Tendenz 
zur Isolierung der Individuen und der Familien in sich birgt. 
In welchem Verhältnis steht nun aber diese Eigentums- 
form (Gemeineigentum mit gemeinsamer Nutzung) zu dem 
Recht auf den vollen Arbeitsertrag? Es ist gar keinem Zweifel 
unterworfen, dass jenes Recht auch in einer solchen kommu- 
nistischen Gesellschaftsordnung an sich durchführbar ist; dass 
also der Staat oder die Gemeinde, in deren Eigentum sich 
alle Produktionsmittel und benutzbaren Sachen befinden, die 
Arbeitsleistungen jedes Einzelnen genau kontrollieren und ihm 
die Genussmittel nur nach Massgabe derselben zuweisen können. 
In der That hat auch Rodbertus in dem vierten socialen 
Briefe uns die Darstellung eines ökonomischen Zustandes ge- 
liefert, in welchem das Grund- und Kapitaleigentum dem 
Staate zusteht, wo aber gleichwohl Jedermann nur auf den 
von ihm erzeugten Produktwert (seinen Arbeitsertrag) Anspruch 
machen kann. Indessen ist die Durchführung des Rechts auf 
den vollen Arbeitsertrag in der rein kommunistischen Rechts- 
ordnung mit solchen Schwierigkeiten verbunden, dass diese 
wohl immer das zweite der im Beginn dieser Abhandlung (§. 1) 
angeführten Grundrechte, nämlich das Recht auf Existenz, als 
Grundlage der Güterverteilung vorziehen wird. 

^ Nach Hinds in seiner Schrift über die amerikanischen Kom- 
munistengemeinden (s. unten Note 5) besteht gemeinsamer Haushalt bei 
den Shakers (Hinds S. 109) und in Oneida-Community (Hinds S. 121, 
134); dagegen Familienhaushalt in Zoar (Hinds S. 131) und Amana 
(S. 51), ferner in Icaria (Konstitution von Icaria Art. 78). Die Kommu- 
nität Oneida wurde übrigens in den letzten Jalu'en aufgelöst. 

* Rodbertus, Das Kapital, 1884, S. 109 ff. 



— IGl — 

Vorerst sei bemerkt, dass in der Verfassung der amerika- 
nischen Kommunistengemeinden, welche in der Gegenwart das 
wichtigste Beispiel für den praktischen Kommunismus bieten, 
von dem Recht auf den vollen Arbeitsertrag keine Spur zu finden 
ist. Wilhelm Alfred Hinds, vor Kurzem noch Sekretär der 
Oneida-Kommunität im Staate New- York, hat in seiner vor- 
trefflichen Schrift über die amerikanischen Kommunisten- 
gemeinden ^ einige der Verträge mitgeteilt, welche jedes in 
eine Kommunität neu eintretende Mitglied unterzeichnen muss 
(Covenants). ^ In diesen Eintritts vertragen verspricht die 
Kommunität, dass sie den Eintretenden und seine Familie mit 
den Lebensbedürfnissen versehen,' die Kinder erziehen^ und 
die Arbeitsunfähigen erhalten werde.-' Dagegen verspricht 

'" Hinds, American Commuuities , Brief Sketches of Economy, 
Zoar, Betliel, Aurora, Amana, Icaria, tlie Shakers, Oneida, Wallingford 
and the Brotherhood of the New Life, Oneida 1878. 

^ Hinds a. a. 0. S. 16.5 ff. giebt die Eintrittsverträge der Kom- 
munitäten von Economy, Zoar, Oneida, dann den Covenant der Shakers. 
Der Inhalt dieser Covenants ist im Wesentlichen der nämliche, weshalb 
ich nur die betreffenden Stellen des Eintrittsvertrages von Economy 
anführe. 

^ Der Covenant der Kommunität von Economy, wo Anhänger der 
von Georg Rapp gestifteten kommunistischen Religionssekte wohnen, 
sagt über diesen Punkt folgendes: Art. 5: The said George Rapp and 
his associates agree to supply the undersigned severally with all neces- 
saries of life, as clothing, meat, drink, lodging, for themselves and for 
their families. 

* Der Art. 4 des Covenant's von Economy verspricht den eintreten- 
den Mitgliedern : not only for themselves but also for their children and 
families all such instructions in church and school, as may be reasonably 
required both for their temporal good and for their eternal felicity. 
Zurückgelassene Waisen sollen ihre Rechte zufolge dem Artikel 5 nach 
wie vor behalten. 

" Artikel 5 des Covenants: And his provision (nämlich die in 

Note 7 abgedruckte Klausel) is not limited for their days of strength; 

but when any of them shall become sick, infirm, or otherwise unfit 

for labor, the same support and maintenance shall be allowod as before, 

Meng er, Arbeitsertrag. 2. Autl. 11 



— 162 — 

das eintretende Mitglied für sich und seine Familie, dass es 
die Wohlfahrt der Kommunität durch seine Arbeit nach Kräften 
fördern werde. ^^ 

Die Covenants der amerikanischen Kommunistengemeinden 
normieren also genau diejenige Summe von Rechten und 
Pflichten, welche ich oben (§. 1) als das Recht auf Existenz 
bezeichnet habe. Von einer Bestimmung, dass jedem Mitglied 
nur so viel an Lebensbedürfnissen zukommen soll, als der 
Wert der von ihm geleisteten Arbeit beträgt, ist in diesen 
Verträgen keine Rede. Im Gegenteile wird ausdrücklich ver- 
einbart, dass kein Mitglied, wenn es aus der Kommunität aus- 
tritt, irgend eine besondere Belohnung für die geleistete Arbeit 
ansprechen kann.^^ 

Damit ist zugleich ein populärer Einwand gegen den 
Socialismus widerlegt, der offenbar auch den Vorschlägen von 
Rodbertus^^ zu Grunde liegt, nämlich dass in einer socia- 
listischen Gesellschaftsordnung Niemand für Andere werde 
arbeiten wollen und dass deshalb eine allgemeine Trägheit und 
Nachlässigkeit herrschen werde. In* Wirklichkeit verhält sich 



together with such medicine, care, attendance and consolation, as their 
Situation laay reasonably demand. 

'" Im Artikel 2 des Covenants versprechen die Eintretenden: to 
promote the interest and welfare of the said Community, not only by 
the labor of our hands, but also by that of our children, our families, 
and all others who now are, or hereafter may be, under our control. 

'* Im Art. 3 des Covenants versprechen die Mitglieder: We never 
will Claim or demand, either for ourselves, or for our children, or for 
any belonging to us, directly or indirectly, any compensation, wages 
or reward whatever for our or their labor or Services rendered to the 
said Community, or to any member thereof, but whatever we or our 
families jointly or severally shall or may do, all shall be held and 
considered as a voluntary service for our brethren. 

12 Vgl. Rodbertus, Das Kapital, 1884, S. 11.5, 135—136, und 
den Aufsatz „Der Normalarbeitstag " in den von Moriz WJrth heraus- 
gegebenen Kleinen Schriften von Rodbertus (1890) S. 338, 350. 



- 1G3 — 

die Sache so, dass die arbeitenden Klassen gegenwärtig bei 
grossem oder mittlerem Betriebe an dem Erfolge ihrer Arbeit 
gar kein Interesse haben, während sie in einer socialistischen 
Gesellschaftsordnung immer bis zu einem gewissen Grade selbst 
beteiligt sind. Auch mangelt es in unserer Rechtsordnung, 
obgleich unser Privatrecht dem Lohnherrn Klagen aus dem 
Lohnvertrag gewährt, an einem wirksamen Schutz gegen Träg- 
heit oder Nachlässigkeit des Arbeiters. Das einzig wirksame 
Mittel, das dem Lohnherrn in diesem Falle zu Gebote steht, 
ist die Entlassung des Arbeiters; dieses kann aber die socia- 
listische Kommunität (in der Form der Ausschliessung des 
trägen Genossen) gleichfalls und zwar mit viel grösserem Er- 
folge benützen, Thatsächlich lehrt auch die Geschichte der 
zahllosen socialistischen Versuche, dass diese, obgleich die 
socialistischen Gemeinden die Befriedigung der Bedürfnisse 
meistens nicht von dem Masse der Arbeitsleistung abhängig 
machten, doch fast niemals an der Trägheit ihrer Genossen 
gescheitert sind. Vielmehr waren schlechte Anlage, Mangel an 
dem erforderlichen Kapital und Disciplinlosigkeit die regel- 
mässigen Ursachen des Misslingens der socialistischen Ex- 
perimente. 

Die Vorschläge, welche den Zweck haben, die Belohnung 
des Arbeiters auch in der kommunistischen Gesellschaftsordnung 
von dem Masse seiner Thätigkeit abhängig zu machen, können 
einen doppelten Charakter haben. Es ist zunächst möglich, 
dass die von dem einzelnen Arbeiter verwendete Arbeitszeit 
ohne Rücksicht auf die Arbeitsleistung als Massstab der Be- 
lohnung gilt (System der Zeitarbeit). Dann aber kann zweitens 
die Arbeitsleistung, welche durchschnittlich in einem bestimmten 
Zeitraum (Tag, Stunde) zustande gebracht werden kann, als 
Grundlage für die Zuweisung der Genussmittel an die Arbeiter 
dienen, ohne dass es auf das Mass der wirklich verwendeten 
Arbeitszeit weiter ankommt (System der Durchschnittsarbeit). 
Im ersten Falle Avird also die Kommunität, wenn ich mich 



— 164 — 

dieser für einen ganz abweichenden Gesellschaftszustand er- 
fundenen Ausdrücke bedienen darf, an ihre Mitgheder Zeitlohn, 
im zweiten Falle dagegen Stücklohn zahlen. 

Ein socialistisches Experiment, in welchem das Recht auf 
den vollen Arbeitsertrag mit dem System der reinen Zeitarbeit 
verbunden gewesen wäre, ist mir nicht bekannt. Bis zu einem 
gewissen Grade kann man eine Anzahl von fourieristischen 
Gemeinden in Nordamerika hierher rechnen, welche auf einem 
in Bloomfield (NewYork) am 15. Mai 1844 gehaltenen Kongresse 
folgende Regeln für die Verteilung des Arbeitsertrages fest- 
setzten. Alle Arbeiten sollten in notwendige, nützliche und 
angenehme geteilt werden. In jeder Gruppe von Arbeitern 
hat der Obmann die wöchentlichen Arbeitsstunden jedes Mit- 
gliedes genau zu verzeichnen , welche dann mit einer durch 
die Verschiedenheit der Arbeit und des Arbeiters bedingten 
Verhältniszahl zu multiplizieren sind. Als Maximum dieser 
Verhältniszahl wurden für die notwendigen, nützlichen und 
angenehmen Arbeiten die Ziffern 30, 25 und 18 festgesetzt; 
diese Zahlen galten aber nur für die besten Arbeiter und 
wurden mit Rücksicht auf Alter, Geschlecht und Leistungs- 
fähigkeit ermässigt. Ein mittlerer Arbeiter in der Schneider- 
gruppe, welche zu den nützlichen Gewerben (mit der Maximal- 
zahl 25) gezählt wurde, hatte z. B. die Verhältniszahl von 15 
oder 20 und wenn er wöchentlich 60 Stunden arbeitete, so 
wurde ihm die Ziffer von 900 oder 1200 gutgeschrieben. Für 
tausend (?) Einheiten konnte der Arbeiter in der Phalanx Clark- 
son, aus welcher die betreffenden Rechnungen vorliegen, Ge- 
nussmittel bis zur Höhe von ^/4 Dollar beziehen. ^'^ 

Ein reines Stücklohnsystem liegt hier offenbar nicht vor, 
aber ebensowenig ein reines Zeitlohnsystem, weil ja die Ver- 
hältniszahl die Verschiedenheit der Arbeitsgattung und der 
Leistungsfähigkeit des Arbeiters ausdrücken sollte. Mit an- 

'^ Noyes, History of American Socialisms, 1870, S. 273 ff. 



— 165 — 

deren Worten : Die Verhältniszahl war nicht ein Ausdruck für 
die bereits geleistete, sondern für die nach der persönlichen 
Beschaffenheit des Arbeiters zu erwartende Arbeit. 

Das zweite der oben (S. 163) charakterisierten Systeme 
bestellt darin, dass für die Belohnung des Arbeiters nicht die 
Arbeitszeit massgebend ist, während deren er wirklich ge- 
arbeitet hat, sondern jener Zeitraum, innerhalb dessen die 
vom Arbeiter gelieferte Arbeitsleistung durchschnittlich hervor- 
gebracht werden kann (System der Durchschnittsarbeit). Ein 
konsequenter Vertreter dieses Systems ist Rodbertus, während 
Weitling für eine Kombination des Rechts auf Existenz mit 
dem Recht auf den vollen Arbeitsertrag in dem hier näher 
bestimmten Sinne eintritt. 

Rodbertus^* setzt einen Zustand voraus, wo sich der 
Staat durch Einlösung bereits im Besitze des ganzen Bodens 
und Kapitals befindet. Ein arbeitsloses Einkommen kann in 
einem solchen Zustand nicht mehr stattfinden, dagegen hat 
jeder Arbeiter das Recht auf den vollen von ihm erzeugten 
Produktwert , ^ ^ von welchem nur ein Teil zur Befriedigung 
der staatlichen Bedürfnisse abzuziehen ist. ^"^ Der Arbeiter 
erhält für jede Arbeitsleistung die Belohnung in Arbeits- 
stunden nach dem System der Durchschnittsarbeit und er 
kann sich für das Arbeitsgeld in den Staatsmagazinen Waren 
oder auch Dienstleistungen bis zur entsprechenden Stundenzahl 
anschaffen;^' doch Avird, weil der gesamte Staat eine arbei- 
tende Gemeinschaft ist, „der Wert eines Produktquantums 
nicht mehr allein nach der normalen (oder Durchschnitts-) 

'■^ Kodbevtus, Das Kapital, S. 117. Vgl. die Kritik der Vor- 
schläge von Rodbertus bei Georg Adler, Rodbertus, der Begründer 
des wissenschaftlichen Socialismus, 1884, S. 68—73; Böhm-Bawerk, 
Kapital und Kapitalzins Bd. 1, 1884, S. 376 if. 

'^ Rodbertus a. a. 0. S. 115—117. 

i« Rodbertus a. a. 0. S. 158. 

'" Rodbertus a. a. 0. S. .149—150. 



— l()ß — 

Arbeit der lokal getrennten Individuen, sondern muss nach 
der Durchschnittsquantität Arbeit konstituiert werden, die das 
gesellschaftliche Gesamtprodukt der betreffenden Kategorie ge- 
kostet hat."^'* Es wird also nicht ein Durchschnitt zwischen 
den Arbeitsleistungen der einzelnen lokal vereinigten Arbeiter, 
sondern zwischen sämtlichen Arbeitern einer bestimmten Kate- 
gorie in dem ganzen Staate gezogen. Je nachdem die Pro- 
duktivität der Arbeit steigt oder fällt, werden die in Arbeits- 
stunden berechneten Preistarife der Waren und Dienstleistungen 
periodisch revidiert. ^^ 

Die Bedenken gegen diese Vorschläge liegen auf der Hand. 
Wenn jeder Arbeiter nur ein Recht auf seinen ganzen Pro- 
duktwert hat, was soll geschehen, wenn eine auf die Er- 
zeugung von Produktwerten gerichtete Arbeit ganz erfolglos 
geblieben ist, z. B. wenn in einem Landstrich der Hagel die 
Ernte vollständig vernichtet hat? Und wenn der Warenwert 
nur nach der auf sie verwendeten Durchschnittsarbeit bestimmt 
wird • — soll eine edle Weinsorte, die infolge der günstigen 
Lage des Weinberges nicht mehr Durchschnittsarbeit kostet als 
ein schlechter Landwein, nur mit der gleichen Zahl von Ar- 
beitsstunden bezahlt werden wie dieser? Und wenn diese Frage, 
wie allerdings in der Konsec^uenz der von ßodbertus ge- 
machten Vorschläge liegt, bejaht wird, Avem werden diese 
durch günstige Naturbedingungen bevorzugten Produkte zu- 
gewiesen werden ? Aehnliche Fragen könnte man jenen \ or- 
schlägen, die von ihrem Urheber offenbar nur sehr mangel- 
haft durchdacht worden sind, noch in grosser Zahl entgegen- 
setzen. 

Aber auch wenn mau von diesen mehr wirtschaftlichen 
Einwänden absieht, ergeben sich vom juristischen Standpunkt 
erhebliche Bedenken. Das Mass der Arbeit, welches durch- 



1^ Roclbertus a. a. 0. S. 146. 
»5 Rodbertus a. a. 0. S. 148 ft'. 



— 167 — 

schnittlich zur Hervorbringung eines bestimmten Produkts er- 
forderlich ist , lässt sich im einzehien Falle nur mit grosser 
Schwierigkeit feststellen. Thatsächlich war denn auch bei der 
Owen'schen Arbeitsbörse, welche gleichfalls auf dem System 
der Durchschnittsarbeit beruhte, im Grossen und Ganzen die 
Erklärung des die Ware an das Magazin abliefernden Arbeiters 
massgebend."'' Ueberdies unterliegt die Produktivität der Arbeit 
nicht nur infolge von Erfindungen und anderen Verbesserungen 
im Laufe der Zeit grossen Veränderungen, sondern sie ist 
(namenthch bei landwirtschaftlichen Produkten, deren Menge 
und Güte von dem Wetter und anderen Naturfaktoren abhängt) 
auch in einem bestimmten Zeitpunkt grossen Schwankungen 
unterworfen. Auf diese täglich wechselnden Grundlagen hin 
fortwährend für die zahllosen Lebensbedürfnisse die gerechten 
Preise in Durchschnittsarbeit zu bestimmen — dies ist eine 
Aufgabe, welche selbst über die Kräfte des vollkommensten 
Staates hinausgeht. Und doch ist die Lösung dieser Aufgabe 
unerlässlich , wenn anders das Recht auf den vollen Arbeits- 
ertrag verwirklicht werden soll. 

Viel besser durchdacht als die Vorschläge von Rodbertus 
sind jene, welche Wilhelm Weitling in seiner Schrift: 
„Garantien der Harmonie und Freiheit" aus dem Jahre 1842 ^^ 
gemacht hat. Nach den Vorschlägen Weitling's soll die Ge- 
sellschaft verpflichtet sein, jedem Mitglied die notwendigen 
und die nützlichen Produkte oder Dienstleistungen zu lie- 
fern, wogegen dieses zu einer gewissen Zeitarbeit (G Stunden 
täglich) verpflichtet ist. Soweit hat also Weitling das Recht 
auf Existenz anerkannt. Sodann aber hat jedes Mitglied über- 
dies auch noch das Recht, weitere Arbeitsstunden (Kommerz- 
stunden) zu leisten, um sich dadurch auch die bloss ange- 

2" Vgl. das offizielle Organ der Arbeitstauschbanken in London 
und Birmimgham „The Crisis" vom 25. Januar 1834, S. 171. 

2* Die zweite Auflage dieses Werkes erschien 1845. die dritte 1849. 



— 168 — 

nehmen Produkte oder Dienstleistungen zu verschaffen. Der 
Preis dieser letzteren soll in Arbeitsstunden bestimmt und diese 
gegen die Kommerzstunden ausgetauscht werden. Auch Weit- 
ling vertritt, ebenso wie schon früher Robert Owen, die 
Schätzung aller Produkte und Dienstleistungen in Durch- 
schnittsarbeit. „Die einer Mehrheit von fähigen Arbeitern 
zur Produktion irgend Avelcher Gegenstände nötige Arbeits- 
zeit liefert den genauesten Massstab des Wertes dieser Ar- 
beiten."-- Es soll aber nicht, wie bei Rodbertus. das zur 
Hervorbringung einer Ware erforderliche Arbeitsciuantum der 
einzige Massstab sein ; vielmehr soll auch die Seltenheit der 
Produkte und die grössere oder geringere Nachfrage — ge- 
radeso wie in unsrer heutigen Wirtschaftsordnung — für den 
Preis bestimmend sein.^^ 

Dass diese Vorschläge wenigstens die gröbsten Mängel 
vermeiden, welchen wir bei Rodbertus begegnet sind, ist 
klar. Da Weitling in betreff der notwendigen und nütz- 
lichen Produkte ein Recht auf Existenz anerkennt, so braucht 
in der von ihm vorgeschlagenen Gesellschaftsordnung für die 
Arbeitsunfähigen und für die ohne Erfolg Arbeitenden nicht 
eine besondere staatliche Armenversorgung zu bestehen . die 
in dem „kommunistischen" Staat von Rodbertus — sonder- 
bar genug — eine unerlässliche Notwendigkeit wäre. Dann 
trägt Weitling dem praktischen Bedürfnis dadurch Rech- 
nung, dass er bei Produkten, welche nicht mehr Durch- 
schnittsarbeit gekostet haben als andere, aber seltener und 
gesuchter sind, eine Preissteigerung eintreten lässt. Im übrigen 
sind aber den Vorschlägen Weitling's, soweit diese die 
Verteilung der „angenehmen" Produkte an die Mitglieder 

-•- Vgl. , Garantien" 3. Aufl. S. 190. 

23 Weitling, Garantien S. 154 ff., 3. Aufl. 1849, S. 187 ff.; ähnlich 
auch Weitling, Die Menschheit, wie sie ist und wie sie sein sollte. 
2. Aufl., 1845, S. 36, 37. Die erste Auflage dieser Schrift erschien anonym 
im Jahre 1838. 



1(59 



betreffen, die nämlichen Einwände wie Rodbertus entgegen- 
zusetzen. 

Als Resultat der soeben gegebenen Darstellung kann man 
folgende Sätze aufstellen. Mit unserer beutigen Gesellschafts- 
ordnung, welche in dem grössten Teil von Europa das Grund- 
und Kapitaleigentum anerkennt, ist das Recht auf den vollen 
Arbeitsertrag schlechterdings unverträglich. In einer Rechts- 
ordnung, welche das Gemeineigentum mit Sondernutzung sta- 
tuiert, ist das Recht auf den vollen Arbeitsertrag das natür- 
liche Verteilungsprincip. In der kommunistisch organisierten 
Gesellschaft, in welcher das Gemeineigentum mit gemeinsamer 
Nutzung verbunden erscheint, ist zwar die Durchführung jenes 
Rechts an sich nicht unmöglich, doch sind die praktischen 
Schwierigkeiten, die sich einer solchen Kombination entgegen- 
stellen, so gross, dass hier als die natürliche Grundlage der 
Güterverteilung das Recht auf Existenz betrachtet werden 
muss. 



§. 14. Schlussbemerkungen. 

Welche Bedeutung haben die beiden neuen Rechts- 
begrifie: das Recht auf den vollen Arbeitsertrag und das 
Recht auf Existenz, die sich im Laufe eines Jahrhunderts 
allmählich im Bewusstsein der arbeitenden Volksmassen aus- 
gebildet haben, für die praktischen Bestrebungen der Gegen- 
wart? Das unterliegt wohl keinem Zweifel, dass die Aus- 
bildung eines Rechtssystems, welches von diesen fundamentalen 
Rechtsideen völlig beherrscht wird, einer fernen Zukunft 
angehört. Gar viele Anhänger des revolutionären Socialis- 
mus sind zwar der Ansicht, dass die arbeitenden Klassen 
sich nur der Staatsgewalt zu bemächtigen brauchen, um die 
socialistische Gesellschaftsordnung in verhältnismässig kurzer 
Zeit einzuführen, geradeso wie schon so oft durch einen 
glücklichen Handstreich eine Veränderung der Staatsverfas- 
sung bewirkt worden ist. Aber man darf nicht übersehen, 
dass politische Umwälzungen das innere Leben der Völker 
nur wenig berühren , während eine Nation durch verfehlte 
sociale Experimente geradezu vor die Existenzfrage gestellt 
Averden kann. Die sociale Frage wird deshalb nicht wie 
die politische in einer Nacht (vom 4. auf den 5. August 
17891) gelöst werden. Wohl entspricht unsere heutige Rechts- 
ordnung nicht mehr vollständig den bestehenden Macht- 
verhältnissen zwischen den Grund- und KapitaleigentUmern 



— 171 — 

und den arbeitenden Klassen, deren Einfluss auf die Ge- 
sellschaft durch Steigerung ihrer Bildung und ihres Standes- 
bewusstseins sich sehr beträchtlich vermehrt hat. Aber die 
notwendigen Aenderungen werden im Wege einer langen 
historischen Entwicklung erfolgen, ähnlich wie unsere heutige 
Oesellschaftsordnung das Feudalsystem im Laufe der Jahr- 
hunderte so zersetzt und zerstört hat, bis es schliesslich nur 
eines Anstosses bedurfte, um dasselbe vollständig zu be- 
seitigen. 

Strebt nun aber unsere sociale Entwicklung der Ver- 
wirklichung des Rechts auf den vollen Arbeitsertrag oder 
des Rechts auf Existenz entgegen ? Manche Anzeichen lassen 
das letztere vermuten. Eine allerdings recht kümmerliche 
Analogie des Rechts auf Existenz kennen viele Länder seit 
langer Zeit in der Pflicht der Gemeinde zur Armenversorgung. 
Aber auch einzelne Teile des Rechts auf Existenz in dem 
Sinne, wie er oben (§. 1) dargelegt wurde, sind teils schon 
verwirklicht, teils gehen sie einer nahen Verwirklichung ent- 
gegen. 

Das Recht auf Existenz geht, soweit es die Unmündigen 
betrifi't, auf Erhaltung und Erziehung ; ein Teil dieser Befug- 
nisse ist schon gegenwärtig durch die obligatorische Schul- 
pflicht realisiert, welche man richtiger als das Recht der Un- 
mündigen auf ein gewisses Mass geistiger Ausbildung be- 
zeichnen kann. — Bei Personen, welche durch Alter, Krank- 
heit oder andere Gebrechen arbeitsunfähig sind , geht das 
Existenzrecht auf zeitweilige oder dauernde Versorgung; diese 
Ansprüche sind, allerdings nach vielen Richtungen nur in 
sehr beschränktem Masse, durch die deutschen Reichsgesetze 
über Kranken-,^ Unfall-,- Invaliditäts- und Altersversiche- 



^ Deutsches Reichsgesetz betreffend die Krankenversicherung der 
Arbeiter vom 15. Juni 1883. 

■^ Deutsches Unfallver.sicherunarsgesetz vom li. .Tuli 1884. 



— 172 — 

rung ^ realisiert worden. — Aehnliche Bestrebungen sind auch 
in Oesterreich. in Frankreich und in anderen Ländern im 
Zuge. 

Am schwierigsten bleibt freilich das Existenzrecht der 
Arbeiter selbst, d. i. der arbeitsfähigen Personen, zu realisieren, 
einesteils weil es sich dabei um ungeheure Volksmassen handelt 
und andrerseits, weil in diesem Falle die Anerkennung des 
Rechts auf Existenz, mag dieselbe auch nur in beschränktem 
Umfange erfolgen, eine tiefgreifende Modifikation der über- 
lieferten Eigentumsformen bedingt. Rücksichtlich der Arbeiter 
selbst begnügen sich deshalb die neueren Gesetzgebungen, nach 
dem Vorbilde der englischen Fabriksakte, damit, die Frauen- 
und Kinderarbeit einzuschränken, für die sanitären Verhältnisse 
Sorge zu tragen und etwa noch für die fabrikmässigen Be- 
triebe eine Maximaldauer der täglichen Arbeitszeit (Normal- 
arbeitstag) zu bestimmen. Doch beziehen sich diese Schutz- 
massregeln nur auf die industriellen, nicht auch auf die land- 
und forstwirtschaftlichen Arbeiter, bei welchen letzteren die 
Machtverhältnisse viel ungünstiger liegen als bei den ersteren, 
weil ihre Interessen einesteils mit jenen des grossen und mitt- 
leren Grundbesitzes kollidieren, der noch fast überall in Europa 
die staatliche Macht im Wesentlichen in seinen Händen hat, 
und weil andererseits die land- und forstwirtschaftlichen Ar- 
beiter infolge ihrer örtlichen Vereinzelung nur sehr wenig 
Einfluss auf die Gesellschaft ausüben. Doch handelt es sich 
auch bei den industriellen Arbeitern nur um Massregeln der 
Gewerbe- und der Gesundheitspolizei, und es ist insbesondere 
in den modernen Fabriksgesetzgebungen eine Annäherung an 
das Recht auf Existenz nicht zu erkennen. 

Wohl aber liegt diese Tendenz den Bestrebungen zu 
Grunde, welche darauf ausgehen , dem Recht auf Arbeit 

^ Deutsches Reichsgesetz betreffend die Invaliditäts- und Alters- 
versicherung vom 22. Juni 1889. 



- 173 - 

in unseren modernen Gesetzgebungen Anerkennung zu ver- 
schaffen. Die wesentlichen Eigentümlichkeiten und die histo- 
rische Entwicklung dieses neuen Rechtsbegriffes sind schon 
oben (§. 1) dargestellt worden. Hier mag nur bemerkt wer- 
den, dass das Recht auf Arbeit, eben weil es sich unserer 
privatrechtlichen Gesellschaftsordnung anschliesst und diese 
ähnlich wie unsere heutige Armenpflege gewisserraassen er- 
gänzt, zu einer Uebergangsform sehr geeignet ist. dass es aber 
ebenso gewiss , wenn es einmal anerkannt und verwirklicht 
w^erden sollte, nur den Anfangspunkt einer neuen Entwicklung 
der Menschheit bilden wird. 

Mag nun aber die künftige Entwicklung der socialen 
Frage in der Richtung des Rechts auf den vollen Arbeits- 
ertrag oder des Rechts auf Existenz erfolgen, in beiden Fällen 
ist es unerlässlich, dass die Gebrechen unserer heutigen socialen 
Ordnung nicht künstlich gesteigert und durch einen gewalt- 
samen Ausbruch die allmähliche Umgestaltung unserer Rechts- 
ordnung unmöglich gemacht wird. Nach meiner Auffassung 
sind namentlich zwei Punkte hervorzuheben, welche die Ge- 
setzgebungen der modernen Staaten viel zu wenig beachtet 
haben. 

Vor Allem müsste als ein Hauptgrundsatz der Gesetz- 
gebung anerkannt werden, dass alle Massregeln nach Möglich- 
keit zu vermeiden sind, durch welche arbeitsloses Einkommen 
geschaffen oder das bereits vorhandene vermehrt wird. Man 
kann ohne Uebertreibung behaupten, dass jede in grösserem 
Massstabe erfolgende Vermehrung des arbeitslosen Einkommens 
der besitzenden Klassen ein Moment ist, welches unsere heutige 
Gesellschaftsordnung dem Abgrund entgegendrängt. Die Fälle, 
in welchen der Staat künstlich arbeitsloses Einkommen schafft, 
sind sehr zahlreich; ich erwähne hier nur die Kontrahierung 
von Staats- und Kommunalschulden, namentlich zu unproduk- 
tiven Zwecken, Schutzzölle auf industrielle und landwirtschaft- 
liche Produkte , sofern diese den Zweck haben , die Grund- 



— 174 — 

rente und den Kapitalgewinn zu steigern, die Einrichtung von 
Sinekuren und übermässig besoldeten Aemtern u. s. f. Gewöhn- 
lich pflegen die Parteien, welche solche Massregeln vorschlagen, 
nur ihre politischen und volkswirtschaftlichen Zwecke ins 
Auge zu fassen, während die socialen Konsequenzen sich fast 
immer der Beachtung entziehen, weil die arbeitenden Klassen, 
die das arbeitslose Einkommen in letzter Reihe aufzubringen 
haben, in den Parlamenten nur mangelhaft oder gar nicht ver- 
treten sind. 

Noch verderblicher als die Begründung von neuem ar- 
beitslosen Einkommen wirkt jede Uebertragung der Grundrente 
und des Kapitalgewinns von einer Volksklasse auf die andere, 
sofern dieselbe durch Massregeln der Gesetzgebung, also durch 
staatlichen Zwang erfolgt. Hierher ist, wie bereits oben be- 
merkt wurde , jede Ablösung der Hypothekarlasten des land- 
wirtschaftlichen Grundbesitzes auf Kosten des Staates zu 
rechnen. Denn diese bestellt im Wesentlichen darin, dass 
ein Teil der Grundrente, welche die Städtebewohner in der 
Form von Hypothekarzinsen beziehen, diesen durch den Staat 
Aveggenomraen und den dermaligen Eigentümern der landwirt- 
schaftlichen Grundstücke geschenkt wird. Dass ein solcher 
Rechtsbruch , welcher nicht den Schutz der redlichen Arbeit, 
sondern die Zuweisung eines arbeitslosen Einkommens an eine 
Volksklasse auf Kosten einer anderen bezweckt, die gesamte 
Rechtsordnung auf das Tiefste erschüttern müsste, kann nicht 
bezweifelt werden. 

Man wende dagegen nicht ein, dass ein solcher Rechts- 
bruch auch in Ansehung der Feudallasten stattgefunden hat, 
ohne dass die Achtung vor dem Eigentum erheblichen Abbruch 
gelitten hat. Denn bei den Hypothekarlasten handelt es sich 
nicht wie bei den Feudallasten um ein arbeitsloses Einkommen, 
welches auf gar keinem oder einem verschollenen Rechtstitel 
beruhte und das einer verhältnismässig sehr beschränkten 
Gruppe von grossen Grundeigentümern zufloss; vielmehr 



— 175 — 

kommen hier Rechte in Frage, die zum grossen Teile durch 
Rechtsgeschäfte während der letzten Generation begründet 
wurden und die, namentlich in der Form von Hypotheken, 
Pfandbriefen, Aktien, Sparkassebüchern u. s. f. ausserordent- 
lich weiten Volkskreisen zu gute kommen. Man kann deshalb 
mit ziemlicher Sicherheit vorhersagen, dass das Privateigentum 
eine solche „Ablösung" der Hypothekarlasten nicht um ein 
Menschenalter überdauern würde. 



Autorenreg'ister, 



Adler (Georg). 165. 
Advielle, 62. 116. 
Ahi-ens, 29. 
Aschrott, 13. 

Babeuf, 62— G3. 74. 116 

Bahr (Hermann), 106. 
Bakunin, 46. 
Barere, 93. 
Barthe, 15. 22. 
Bastiat, 76. 77. 116. 149. 
Bauer, 80. 
Bazard, 68. 
Bebel, 106. 
Beidtel, 139. 
Bellers, 57. 
Bentham, 52. 
Bismarck, 11. 
Blanc (Louis), 8 
115—123. 158. 
Boissel, 30. 
Booth, 95. 

Böhm-Bawerk, 101. 164, 
Bray (Charles), 60. 
Bray (J. F.), 60. 97. 
Bretschneider, 71. 72. 
Brisbane (Albert), 66. 
Brissot, 8. 41. 74. 
Bronterre (O'Brien), 146 
Buchez. 30. 93. 
Buonarroti, 63. 64. 116. 



85. 92. 112. 123. 



Cabet, 8. 110. 
Cantagrel, 17. 
Carove, 71. 72. 
Carpenter (William), 146. 
Carrey, 18. 19. 112. 
Charles (Rudolf), 61. 
Chevalier (Michel), 70. 
Cobbett. (William). 146. 
Cohn (Gustav). 51. 
Colins, 49. 
Condorcet, 64. 
Considerant. 17. 18—19. 66. 

Darimon, 77. 

Davenport (Allen), 144. 145. 

Decrusy, 14. 

Diderot, 62. 

Diehl, 73. 101. 

Diokletian, 91—92. 98. 

Dufaure, 15. 22. 23. 

Edmonds. 60. 83. 
Endemann, 129. 

Enfantin, 66-67. 08. 70. 84. 85. 
Engel, 128. 

Engels. 52. 82. 97. 100. 101. 108 
^ bis 111. 124. 
Engländer, 73. 
Evans (Thomas), 145. 

Faucher, 22. 
Feugueray, 84. 



Fichte, 16. 33-35. 94. 

Flürschcim, 148. 

Fourier, 16-17. 25. 68. 65— 6G. 

69. 88. 108. 110. 111. 113. 117. 
Fournel, 68. 70. 
Funk, 129. 130. 

Gall (Ludwig), 35. 84. 

Gans, 32. 

Garnier (Joseph), 14. 22. 24. 25. 92. 

Gatti de Gamond, 66. 

George (Henry), 147-150. 152. 

Girardin (P]m.), 14. 15. 22. 23. 123. 

GlaisBizoin, 24. 25. 

Glück, 128. 

Godwin, 8. 40—46. 59. 67. 109. 119. 

Gothein, 49. 

Gray (John), 60. 

Gross (Gustav), 101. 

Grünberg, 30. 61. 

Guillauniin, 92. 



Hahn, 26. 

Hall (Charl.), 6. 40. 

67. 100. 145. 1.58. 
Haun, 26. 

Haxthausen, 49. 158. 
Hegel, 32. 
Held, 40. 51. 
Helvetius, 62. 
Hertling, 26. 
Hertzka, 148. 
Hinds, 160. 161. 
Hitze, 26. 138. 
Hodgskin, 52. 
Holyoake, 52. 
Hopkins (John), 52. 
Hotschick, 120. 
Hugo, 33. 
Hyndman, 144. 152— 



46-50. 59. 



153. 



Jäger, 130. 133. 135. 
Internationale, 102-103. 
Jourdan, 14. 
Isambert, 14. 
Justinian, 128. 

Kautskv, 6. 83. 
KeussleV, 49. 158. 
Kongresse der deutschen social- 
Menger, Arbeitsertrag. 2. Aufl. 



demokratischen Arbeiterpartei. 

101—106. 
Kongresse der französischen social- 

demokratischen Arbeiterpartei. 

106—107. 
Kongress in Bloomfield, 164. 
Kozak (Theoph.), 82. 88. 

Lactantius, 92. 

Lassalle, 39. 54. 87. 115—123. 1.58. 

Lasson, 29. 

Leroux (Pierre), 110. 111. 

Liebknecht, 106. 120. 

Livius, 129. 

Locke, 42. 74. 

Ludwig XVL, 14. 

Lukas (Evangelist), 129. 

Mably, 61. 62. 
Macculoch, 54. 
Malthus, 3. 4. 40. 42. 67. 
Marechal (Sylvain), 63. 64. 
Mario, IV., 15. 26. 35— 3S. 
Marrast, 23. 

Marx, IV., V., 39. 52. 56. 82. 83. 84. 
95. 97. 100—114. 119. 124. 126. 
Mathieu, 24. 
Mazel, 73. 77. 
Menger (Carl), 9. 
Mermeix, 107. 
Meslier (Jean), 61. 
Meyer (Dr. Rudolf). 82. 
MiU (John Stuart), 146—147. 152. 
Mommsen, 91. 
Montesquieu, 114. 
Morelly, 8. 9. 61. 62. 
Morgan (.John Minter), 47. 51. 
Mülberger (Arthur), 73. 

Nauwerk, 25. 
Noyes, 94. 164. 

Ott, 84. 

Owen (Robert), 40. 49. 52. 57. 59. 
73. 77. 94-f)7. 108. 109. 

Paget, 17. 

Paine (Thomas). 147. 
Pare, 51. 52. 

Parlamentspapiere vom Jahr 1817, 
144. 

12 



178 



Paul (C. Kegan), 40. 

Paulus (Apostel), 181. 

Pereire (Isaac), 70. 

Plener (fernst v.), 120. 

Plinius d. ältere, 111. 

Preser, 14'2 

Proudhon, 22. 24. 46. 60. 63. 73 bis 

Sl. 83. 8.5. 86. 93. 94. 100. 101. 

103. 116. 117.-119. 1.57. 
Pyat, 25. 

Ratzinger, 130. 142. 
Reichsgesetze (deutsche), 171. 172. 
Renaud (Hippolyte), 66. 
Reybaud, IV., 97. 
Ricardo, 38. 54. 67. 
Richter (Eugen), 11. 
Robespierre, 30. 
Rodbertus, IV., V., 6. 7. 35. 39. 56. 

82—99. 100. 119. 122. 133-136. 

157. 160. 162. 165-167. 168. 169. 
Rodrigues (Oiinde), 64. 
Rousseau, 61. 62. 114. 

Saint-Just, 30. 

Saint-Simon (Henri) , 63. 64— 65. 

70. 85. 108. 
Saint-Simonismus , 51. 61—72. 83. 

84. 85. 100. 109. 
Salt, 40. 
Samter, 148. 
Sargant, 95. 

SchäfFle, 36. 82. 106. 142. 
Schmoller, 51. 
Schneider (S. R.), 66. 
Schramm, 8. 83. 
Simon (Ludwig), 25. 



Sismondi. 55. 67. 83. 
Smith (Adam), IV. 35. 42. 56. 
Soetbeer (Heinrich), 51. 
Spence (Thomas), 144—146. 
Spencer (Herbert), 147. 152. 
Stahl, 29. 
Stamm, 148. 
Stein (Lorenz v.), IV. 
Stirner (Max). 46. 
Stöpel, 26. 138. 
Strohmeyer, 18. 
Sugenheim, 128. 

Tacitus, 129. 

Tebeldi (Beidtel), 139. 

Thiers, 14. 22. 123. 

Thomas (Em.), 20. 21. 23. 119. 

Thompson (William), 6. 40. 51—59. 

67. 83. 84. 87. 100. 101. 
Tocqueville, 125. 
Transon (Abel), 69. 
Turgot, 14. 

Veit (Moritz), 71. 72. 
Vermorel, 30. 
Vidal. 137-138. 
Villegardelle, 9. 62. 111. 
Vogelsang, 129. 130. 138-141. 

Wagner (Adolf), 103. 

Wallace, 128. 147. 150—151. 1-52. 

Warren (Osiah). 94. 

Webb (Sydney), 154. 

Weitling, 165. 167—169. 

Wirth (Moritz). 89. 

Wiss, 131. 

Wolff (Christian v.), 32. 



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